Politik

Kanzlerkandidat im Schlamm Laschet muss sich in der Katastrophe erklären

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Armin Laschet in Stolberg-Vicht - im Gespräch mit dem dortigen Bürgermeister.

(Foto: dpa)

Es ist nicht klar, wie viele Menschen in den Fluten im Westen Deutschlands ihr Leben lassen. Aber der Kampf ums Kanzleramt macht davor nicht Halt, sondern bekommt eine neue Dynamik. Unionskandidat Laschet muss sich erklären.

Mindestens 103 Todesopfer und eine Lage wie seit Jahrzehnten nicht: Nordrhein-Westfalen und Rheinland-Pfalz sind im Bewältigungsmodus einer Naturkatastrophe. "Das Ausmaß der Verwüstung", sagt Nordrhein-Westfalens Innenminister Herbert Reul am heutigen Freitag, "ist noch überhaupt nicht zu ermessen". Viele Menschen hätten alles verloren, was sie haben. Aber die wahren Schäden werde man erst sehen, wenn das Wasser weg ist.

In Erftstadt nahe Köln etwa berichten Anwohner davon, wie pausenlos Hubschrauber über ihren Köpfen kreisen, sie sich abwechselnd schlafen legen, um sich eventuell retten lassen zu können. Die Keller laufen immer wieder voll, wer keine Benzinpumpen hat und ohne Strom dasteht, hat keine Chance, gegen die Wassermassen anzukommen. Kommunikation per Handy ist an manchen Orten unmöglich.

Der Kanzlerkandidat der CDU/CSU, Armin Laschet, der war ins Krisengebiet gefahren, in sein Krisengebiet muss man schreiben, denn er ist der Ministerpräsident dieses Bundeslandes. Der Kanzlerkandidat trägt Gummistiefel, redet mit Betroffenen. Nordrhein-Westfalen, das so dicht besiedelt und stimmstark bei Bundestagswahlen ist, soll seine große Vorstufe sein, um ins Kanzleramt zu kommen und Angela Merkel abzulösen.

Nun steht der Ministerpräsident im Schlamm. Er muss dabei auch zeigen, warum er die richtige Wahl sein sollte, warum er anpacken kann und die Ursachen dieser Fluten bekämpfen. Denn die Kritik an den erklärten Vorhaben der Union zum Klimaschutz ist da, und sie könnte noch viel lautstärker werden. Dass die Klimakrise solche Wetterlagen begünstigt, ist wissenschaftlich unstrittig.

Empathie auf Umwegen

Während in Rheinland-Pfalz seine Amtskollegin Malu Dreyer in den vergangenen Tagen mit Empathie vorging, reagierte Laschet ob mancher Frage von unsicher bis ungehalten. Im WDR etwa steht er da, und die Journalistin fragt, ob dieses Jahrhundertereignis nun ein Wendepunkt für die Klimapolitik sei. Laschet entgegnet, jetzt sei nicht die Zeit, politische Forderungen zu stellen, sondern an die Menschen zu denken und ihnen zuzuhören. Er werde jetzt nicht alles ändern wegen dieser Katastrophe, kündigt aber mehr Tempo beim Klimaschutz an, erwähnt bereits geschlossene Steinkohlekraftwerke und CO2-Einsparungen in NRW.

Als das Gespräch auf seine Gefühle zum Ereignis kommt, sagt der Kanzlerkandidat, die Menschen erwarteten nun Empathie. Aber erst bei einer Pressekonferenz am heutigen Freitag hat er dann auch die Möglichkeit, diese etwas überzeugender zu zeigen. Auch wenn er dafür immer wieder auf seine Notizen blickt. Laschet berichtet von dem Feuerwehrmann, der ein Leben rettete, danach fortgespült wurde und sein eigenes verlor, und besonders mitfühlend von der alten Frau, die zwar mit dem Leben davonkam, aber alles um sie herum zusammengebrochen war. Und er wird einen Deut genauer zur Klimapolitik: Der Weg zur Klimaneutralität müsse schneller gegangen werden.

Die Fluten und das aktuelle Ereignis müssten "wach machen", das sagt Laschet ebenfalls. Vielleicht beschreibt er mit dieser Wortwahl auch ein wenig sich selbst und das, was die vergangenen Tage bei ihm ausgelöst haben könnten.

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Noch im Mai 2019 hatte der heutige Kanzlerkandidat in einer Talkshow gesagt: "Aus irgendeinem Grund ist das Klimathema plötzlich ein weltweites Thema geworden." In dieser Woche zeigte er sich beim EU-Klimamaßnahmenpaket und dem Ende des Verbrennermotors bis 2035 skeptisch; er gab zu verstehen, dafür sei ja nun die Autoindustrie verantwortlich. Solche wacklig-spontanen Antworten auf große Fragen erklären womöglich, warum in dieser aktuellen Flutkatastrophe so scharf bei ihm nachgebohrt wird; warum ihm der Wahlkampf bei diesem Wetter intensiver um die Ohren bläst.

Das Klima war schon vorher eines der wichtigsten Themen für eine Entscheidung bei der Bundestagswahl im Herbst. Die aktuelle Katastrophe könnte dies noch verstärken. Mit Schlamm wird im Wahlkampf auch im übertragenen Sinne geworfen. Die ersten Handvoll hatten Annalena Baerbock und die Grünen in den vergangenen Wochen abbekommen. Aber jetzt geht es auch darum, wo der wahre Schlamm herkommt. Und wie ein Kanzler Laschet etwas dagegen tun würde.

Quelle: ntv.de

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