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Der Kriegstag im Überblick Massengräber mit Hunderten Leichen entdeckt - Kreml gesteht Fehler bei Teilmobilisierung ein

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Abschied bei der Einberufung: Fehler bei der Teilmobilisierung werden korrigiert, heißt es aus dem Kreml.

(Foto: IMAGO/SNA)

In der zurückeroberten Region Charkiw werden ukrainischen Angaben zufolge erneut Gräber mit Hunderten Leichen gefunden. Derweil räumt der Kreml Fehler in der Umsetzung der Teilmobilisierung ein. Dennoch wächst unter Russen die Panik vor einer Einberufung. In einem Rekrutierungszentrum schießt ein Mann um sich, ein anderer zündet sich aus Verzweiflung an. Edward Snowden erhält die russische Staatsbürgerschaft. Der 215. Kriegstag im Überblick.

Ukraine meldet Fund weiterer Gräber

Nach der Entdeckung Hunderter Gräber und mehrerer "Folterräume" in der zurückeroberten Region Charkiw im Osten der Ukraine sind ukrainische Streitkräfte womöglich auf weitere Gräber gestoßen. Behörden und Soldaten sprachen von bis zu hundert Leichen in dem Ort Kosatscha Lopan nahe der russischen Grenze, ohne jedoch nähere Angaben zu machen. Soldaten, die das Gelände bewachen, sagten, sie erwarten, die Leichen russischer und ukrainischer Truppen sowie örtlicher Zivilisten zu finden. Forensische Gutachter zur Exhumierung der Leichen werden Ende der Woche erwartet, sobald das Gebiet von Minen und Sprengstoff gesichert ist.

Der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj berichtete zudem von zwei weiteren Massengräbern in der zurückeroberten Stadt Isjum. Es gehe um "große Gräber mit Hunderten von Menschen", sagte er dem Sender CBS. Anfang September hatte die Ukraine neben einem Friedhof in einem Wald außerhalb der Stadt bereits Gräber mit 447 überwiegend zivilen Leichen entdeckt, von denen einige den Behörden zufolge Folterspuren aufwiesen.

Snowden erhält russische Staatsbürgerschaft

Russlands Präsident Wladimir Putin hat dem US-Whistleblower Edward Snowden die russische Staatsbürgerschaft zuerkannt. Der Name des 39-Jährigen findet sich auf einer vom Kreml veröffentlichten Liste mit neuen Staatsbürgern und von Russen, die ihre Pässe abgeben. Snowden hatte zuvor nach der Geburt seines Sohnes in Russland mitgeteilt, dass er die Staatsbürgerschaft beantrage, um dieselben Rechte zu haben wie das 2020 geborene Kind, das die russische Staatsbürgerschaft automatisch erhielt.

Snowden hatte 2013 Dokumente zu Ausspäh-Aktivitäten des US-Abhördienstes NSA und seines britischen Gegenparts GCHQ an Journalisten gegeben. Auf der Flucht über Hongkong wollte er nach eigenen Angaben nach Ecuador, strandete aber in Moskau am Flughafen, nachdem die US-Regierung seinen Reisepass annulliert hatte. Russland gewährte Snowden und seiner Frau Lindsay Asyl.

Kreml gesteht Fehler ein

Wenige Tage nach Beginn der russischen Teilmobilmachung räumte der Kreml unterdessen "Fehler" bei der Umsetzung ein. "In der Tat gab es Fälle, in denen gegen das Dekret verstoßen wurde", sagte Kreml-Sprecher Dmitri Peskow. Russlands Präsident Putin hatte in der vergangenen Woche die Teilmobilmachung von 300.000 Reservisten für den Krieg in der Ukraine bekannt gegeben. Die Behörden versicherten, dass davon nur Menschen mit militärischer Erfahrung oder speziellen Fähigkeiten betroffen seien. Aber in vielen Fällen waren auch ältere Menschen, Kranke, Männer ohne Erfahrung sowie Studenten eingezogen worden. "In einigen Regionen arbeiten die Gouverneure aktiv daran, die Situation zu berichtigen", sagte Peskow nun. Die Anzahl der Verstöße gegen das Dekret nehme ab, führte er aus. "Wir hoffen, dass sich dies beschleunigt und dass alle Fehler korrigiert werden."

Kriegsdienstverweigerer zündet sich an

Aus Verzweiflung über seine drohende Einberufung zündete sich am Sonntag ein Mann selbst an. Das Medium "Nowaja Gaseta" veröffentlichte das Video einer Überwachungskamera, auf dem zu sehen ist, wie sich eine Person mit einer Flüssigkeit übergießt und kurz darauf am ganzen Körper brennt. Augenzeugen zufolge rief der brennende Mann am Busbahnhof in der Stadt Rjasan rund 200 Kilometer südöstlich von Moskau: "Ich will nicht an die Front!" Polizisten sollen das Feuer gelöscht haben, und der Mann soll verletzt in ein Krankenhaus gekommen sein. Über seinen genauen Gesundheitszustand gab es in russischen Medien unterschiedliche Angaben.

In der sibirischen Region Irkutsk schoss außerdem ein Mann in einem Rekrutierungszentrum um sich und verletzte einen Militärangehörigen schwer. Nach Angaben des russischen Ermittlungskomitees ist der mutmaßliche Täter ein 25-jähriger Bewohner der Stadt Ust-Ilimsk. Lokale Medien zitierten Marina Sinina, die Mutter des Verdächtigen. Sie sagte, ihr Sohn sei sehr aufgebracht gewesen, da sein bester Freund einen Einberufungsbescheid bekommen habe. "Sie haben gesagt, es gebe eine teilweise Mobilmachung, aber es stellt sich heraus, dass sie alle nehmen", sagte Sinina demnach.

Ansturm an Russlands Außengrenzen

Putins Teilmobilmachung löste bereits einen Ansturm russischer Männer auf die Nachbarländer aus. Entsprechende Meldungen gab es an den Grenzen zu Georgien, Finnland, Kasachstan und der Mongolei. Im Gespräch mit Reportern gaben die Männer an, mit der Ausreise einer Einberufung entgehen zu wollen. Nach einem Bericht des russischen Exil-Mediums Meduza planen die russischen Behörden, die Grenzen für potenzielle Rekruten zu schließen. Die im lettischen Riga ansässige Nachrichtenseite beruft sich auf eine Quelle aus dem Umfeld der russischen Präsidialverwaltung. Angesichts der zahlreichen Ausreisen von Russen im kampffähigen Alter ließ Kreml-Sprecher Peskow durchblicken, dass Grenzschließungen nicht undenkbar seien.

Die finnische Grenzschutzbehörde verzeichnete bei den Einreisen aus Russland einen Rekord für dieses Jahr. "Das letzte Wochenende war das verkehrsreichste Wochenende des Jahres an der östlichen Grenze", sagte Mert Sasioglu vom finnischen Grenzschutz. Nach Angaben der Behörde reisten fast 8600 Russen am Samstag über die Landgrenze ein, 4200 überquerten die Grenze in die andere Richtung. Am Sonntag kamen mehr als 8300 Russen an, fast 5100 verließen das Land.

Schreinreferenden vor Ende

Mit dem Ende der Scheinreferenden in den besetzten Gebieten an diesem Dienstag steht ein rascher Anschluss an Russland bevor. Nach Angaben der Organisatoren soll in den betroffenen Oblasten in der Ost- und Südukraine eine Mindestbeteiligung von 50 Prozent erreicht worden sein. Russland erwartet eine Zustimmung von 80 bis 90 Prozent der Menschen für einen Beitritt zu seinem Staatsgebiet. Die Abstimmungen werden international als Völkerrechtsbruch kritisiert. Es wird erwartet, dass Putin die Gebiete bereits am Freitag in die Russische Föderation aufnehmen könnte. Er hatte betont, dass Moskau Attacken der Ukraine auf die Gebiete dann künftig wie Angriffe auf sein eigenes Staatsgebiet behandeln und sich mit allen Mitteln verteidigen werde.

Experten rechnen im Fall der Fälle mit dem Einsatz taktischer Atomwaffen

Putins Äußerung weckte Befürchtungen, dass zum ersten Mal seit 1945 wieder eine Atomwaffe zum Einsatz kommen könnte. Russland ist die größte Atommacht der Welt. James Cameron vom Oslo Nuclear Project schrieb in der "Washington Post" über ein mögliches Szenario, wonach Moskau eine taktische Atomwaffe hoch über der Ukraine oder über dem Schwarzen Meer zur Explosion bringen könnte. Auch ein Abwurf auf dünn besiedeltes Gebiet oder eine Militäreinrichtung sei denkbar - mit dem Ziel, Kiew zur Kapitulation zu bewegen und seine Verbündeten zu spalten.

Experten gehen laut einer Analyse der Nachrichtenagentur AFP davon aus, dass der Kreml im Fall der Fälle wahrscheinlich eine oder mehrere taktische Atombomben einsetzen würde. Dabei handelt es sich um Waffen mit einer Sprengkraft zwischen 0,3 und 100 Kilotonnen. Taktische Bomben sind für eine begrenzte Wirkung auf dem Schlachtfeld ausgelegt, im Gegensatz zu strategischen Atomwaffen, die ganze Regionen auslöschen können. Doch auch kleinere Nuklearsprengsätze können verheerend sein: Die Atombombe, die die USA 1945 auf Hiroshima abwarfen, hatte nur 15 Kilotonnen.

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Quelle: ntv.de, chf/dpa/AFP/rts

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