Politik

"Drei Kategorien Kriegsgerät" Mit diesen Waffen verteidigt sich die Ukraine

309741599.jpg

Der HIMARS-Mehrfachraketenwerfer, hier bei einem Test der US-Armee, kommt auch in der Ukraine zum Einsatz.

(Foto: picture alliance / ZUMAPRESS.com)

Die ukrainische Armee verteidigt sich seit Februar gegen die russischen Angreifer. Dabei helfen eine hohe Kampfbereitschaft und viele Waffenlieferungen. Nach mehr als sieben Monaten Krieg ist es Zeit für einen Überblick: Mit welchem Kriegsgerät verteidigt sich die Ukraine?

Als Russland am 24. Februar in die Ukraine einmarschiert, sind die meisten Experten und Militärbeobachter und vor allem die Russen selbst überzeugt, dass Kiews Truppen schnell besiegt werden. Russlands Plan ist es damals, die Ukraine blitzartig zu überrennen, innerhalb weniger Tage die Hauptstadt Kiew einzunehmen und die Regierung um Präsident Wolodymyr Selenskyj zu stürzen. Doch der Plan geht krachend schief.

Sieben Monate später hält Russland zwar noch immer fast 20 Prozent des ukrainischen Staatsgebietes besetzt, doch in den vergangenen Wochen hat sich der Frontverlauf zugunsten der Ukraine gedreht. Das liegt einerseits an der großen Kampfbereitschaft der Ukrainer, andererseits an den Waffenlieferungen aus dem Westen.

Vergessen wird aber oft, dass die Ukraine ihre Truppen bereits vor dem Einmarsch der Russen massiv aufgerüstet hatte - als Reaktion auf Russlands Krim-Annexion 2014 und den Kriegsbeginn im Donbass. "Nicht nur in Russland, auch im Westen hat man die militärische Kraft der Ukraine lange unterschätzt. Die Ukraine hat immerhin die zweitstärkste Armee in Europa, wenn man die Türkei außen vor lässt", merkt Oberst a. D. Wolfgang Richter von der Stiftung Wissenschaft und Politik (SWP) im ntv-Podcast "Wieder was gelernt" an.

"Ringtausch kompensiert Materialverluste"

Am Tag des russischen Einmarsches hatte die Ukraine zuzüglich der Nationalgarde 255.000 Soldaten im aktiven Dienst. 1100 Kampfpanzer, 1200 Schützenpanzer und fast 2000 Artilleriesysteme waren zu Kriegsbeginn im Besitz des ukrainischen Militärs. Derzeit seien etwa 700.000 Berufssoldaten, Reservisten, Wehrpflichtige und Freiwillige im Einsatz, schätzt Richter. Damit sind sie den Angreifern personell überlegen. Bislang sollen höchstens 350.000 russische Soldaten gleichzeitig in der Ukraine gewesen sein. Auch deshalb hat Russlands Präsident Wladimir Putin die Mobilmachung neuer Soldaten angekündigt. Bis zu einer Million Russen können nach Recherchen des Exil-Mediums "Nowaja Gaseta" nun einberufen werden.

Entscheidend für den Kriegsverlauf ist aber nicht nur die Anzahl der Soldaten, sondern natürlich auch das zur Verfügung stehende Kriegsgerät. "Es gab über diesen berühmten Ringtausch auch schon erhebliche Zufuhren von schwerem Gerät, das die Ukrainer kennen und sofort bedienen können", sagt Experte Richter im Podcast und meint den sowjetischen T-72 und ähnliche Panzertypen, die aus Polen, Tschechien, Slowenien und der Slowakei in die Ukraine geliefert wurden. "Von Polen kamen mehr als 200 T-72. Der Ringtausch oder diese Lieferungen sowjetischer Bauart machen ungefähr ein Viertel der Ausgangsstärke der Ukrainer aus und kompensieren einen großen Teil ihrer Materialverluste."

Der Oberst a. D. der Bundeswehr unterteilt die westlichen Waffenlieferungen in drei Kategorien: einmal Standard-Kriegsgerät, das Ringtausch-Material. Systeme, die in der sowjetischen Armee üblich waren. Das ist auch der Standard, den die Ukraine selbst hat. Insofern kann sie diese ohne Extra-Ausbildung sofort an der Front einsetzen. Auch die Strela-Flugabwehrrakete, die Deutschland aus alten DDR-Beständen geliefert hat, gehört dazu.

Die zweite Art Kriegsgerät sind die Geschütze westlicher Bauart. Das ist qualitativ sehr gutes Material, aber nicht das Neueste vom Neuesten. Die dritte Kategorie, das sind die hochmodernen Waffen. Dazu zählt Richter die Switchblade-Drohnen, die Mehrfachraketenwerfer HIMARS und MARS II, die amerikanische Flugabwehrrakete vom Typ Stinger, aber auch die deutsche Panzerhaubitze 2000.

Deutschland hat laut der Bundesregierung bis jetzt unter anderem 30 Flakpanzer vom Typ "Gepard" geschickt, zudem über 54 gepanzerte Truppentransporter vom Typ M113, 500 Stinger-Flugabwehrraketen und 2700 Strela-Flugabwehrraketen.

Kampfpanzer "Leopard"? "Diskussion ist verengt"

"Die westlichen Lieferungen bestehen nicht nur aus Waffensystemen. Ich glaube, da ist unsere Diskussion in Deutschland derzeit etwas verengt, wir reden ja nur noch über den Kampfpanzer 'Leopard'. Die wichtigere Frage ist: Kann man einen solchen Krieg langfristig durchhalte? Die logistische Zufuhr muss gesichert sein, allein die Artillerie verfeuert pro Tag 5000 bis 6000 Schuss", analysiert Militärexperte Richter. Die logistische Herausforderung zu bewältigen, etliche Tonnen Kriegsgerät an die Front zu bringen, sei "eigentlich viel wichtiger als die Frage, ob nochmal 30 oder 40 Hauptwaffensysteme geliefert werden".

Wichtiger sei ohnehin die Frage, was ein bestimmtes Waffensystem im Verbund bewirke, so Richter. Bedeutet: Krieg ist kein Duell zwischen einzelnen Waffensystemen, sondern es geht immer darum, wie man die verschiedenen Waffensysteme koordiniert. "Schützenpanzer, Kampfpanzer, die abgesessene Infanterie, die Pioniere, die Artillerie, die Flugabwehr, das alles muss aufeinander abgestimmt sein. Und da gehen die Ukrainer deutlich koordinierter vor als die russische Armee", analysiert der Ex-Oberst.

Westliche Raketenwerfer sind russischer Artillerie "weit überlegen"

Kampfpanzer liefert bislang kein NATO-Land, schwere Waffen generell werden aber nicht zurückgehalten. Zehn Modelle der deutschen Panzerhaubitze 2000 werden in der Ukraine eingesetzt, vier weitere sollen folgen. Auch die USA, Großbritannien, Frankreich, Italien haben verschiedene Artilleriesysteme geliefert. "Insgesamt wurden bislang 150 bis 200 Artilleriesysteme geliefert. Dazu kommen 1800 Systeme, die die Ukraine zu Kriegsbeginn besessen hat. Das meint gezogene Geschütze, Panzerhaubitzen, schwere Mörser, aber auch Mehrfachraketenwerfer", sagt Wolfgang Richter im Podcast "Wieder was gelernt".

Die USA haben der Ukraine mittlerweile 33 Mehrfachraketenwerfer vom Typ HIMARS geschickt, wie aus einer Übersicht des Pentagon hervorgeht. Deutschland hat bisher drei Mehrfachraketenwerfer MARS II abgegeben, auch Großbritannien hat diese Art Raketenwerfer in die Ukraine geliefert. Diese hochmodernen Raketenwerfer seien der russischen Artillerie "von der Reichweite und Präzision her weit überlegen und daher entsprechend wirksam", erklärt Richter.

Aber auch bei den Drohnen erhält die Ukraine das Neueste vom Neuesten. Die USA haben Kamikaze-Drohnen vom Typ Switchblade 300 geliefert, das Nachfolgemodell Switchblade 600 soll folgen.

Hochmodern ist auch die Artilleriemunition vom Typ Vulcano, die die Ukraine bekommt. Das ist Präzisionsmunition, die bei der Bundeswehr noch erprobt wird und wahrscheinlich erst 2025 vom deutschen Militär eingesetzt wird. Die Ukraine ist weltweit der erste Nutzer überhaupt und wird den "insensitiven Mehrzweck-Gefechtskopf" mit einer Reichweite bis zu 70 Kilometern voraussichtlich aus der Panzerhaubitze 2000 und der italienischen Feldhaubitze FH70 verschießen, berichtet das Fachmagazin "Soldat und Technik".

Ukraine als Testfeld für neuartige Munition?

Das Besondere an dieser neuartigen Munition sei die "Endphasensteuerung". Die Artilleriemunition könne mithilfe von Beleuchtung am Boden oder aber per Satellit, Radar oder Infrarot am Ende ihrer Flugphase entsprechend gesteuert werden und ist somit höchst flexibel. Dadurch werde die "Endphasen-Treffsicherheit" deutlich erhöht, sagt der Militärexperte im ntv-Podcast. "Dadurch kann zum Beispiel Angriffsverbänden ein hoher Schaden zugefügt werden. Das ist der Zweck dieser Munition", erklärt Richter.

Wird die Ukraine deshalb zu einer Art Testlabor für neuartiges Kriegsgerät aus dem Westen? "Nein", sagt Wolfgang Richter. "Das geht zu weit. Natürlich werden in jedem Krieg, wenn hochmodernes Material zum Einsatz kommt, Erfahrungen gesammelt, aber als Testfeld würde ich die Ukraine nicht bezeichnen." Zumal auch die HIMARS- oder MARS-Mehrfachraketenwerfer "nicht zum ersten Mal eingesetzt werden". Und die Vulcano-Munition? "Die ist hochmodern, aber von der grundsätzlichen Konzeption gar nicht so neu. Die erste Munition, die auf eine Steuerung am Ende hinauslief, gab es schon Ende des Kalten Krieges."

Gegen die russischen Angriffe am Boden können sich Kiews Truppen gut wehren. Und auch bei Angriffen aus der Luft zeigt sich die ukrainische Luftabwehr gut gerüstet, wie die Abschüsse russischer Kampfjets am vergangenen Wochenende zeigen. Doch Experte Wolfgang Richter geht davon aus, dass die Russen ihre Luftangriffe in den nächsten Wochen und Monaten intensivieren werden. Deshalb braucht die Ukraine eine starke Luftverteidigung und weitere Lieferungen aus dem Westen. Richter sagt, Flugabwehrraketen seien derzeit sogar wichtiger als Kampfpanzer.

"Wieder was gelernt"-Podcast

"Wieder was gelernt" ist ein Podcast für Neugierige: Warum wäre ein Waffenstillstand für Wladimir Putin vermutlich nur eine Pause? Warum fürchtet die NATO die Suwalki-Lücke? Wieso hat Russland wieder iPhones? Mit welchen kleinen Verhaltensänderungen kann man 15 Prozent Energie sparen? Hören Sie rein und werden Sie dreimal die Woche ein bisschen schlauer.

Alle Folgen finden Sie in der ntv App, bei RTL+ Musik, Apple Podcasts und Spotify. "Wieder was gelernt" ist auch bei Amazon Music und Google Podcasts verfügbar. Für alle anderen Podcast-Apps können Sie den RSS-Feed verwenden.

Quelle: ntv.de

ntv.de Dienste
Software
Social Networks
Newsletter
Ich möchte gerne Nachrichten und redaktionelle Artikel von der n-tv Nachrichtenfernsehen GmbH per E-Mail erhalten.
Nicht mehr anzeigen