Politik

Geflohener Uigure erinnert sich "Meine Kindheit in China war dunkel"

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Der Uigure Haiyuer Kuerban, hier im Alter von fünf Jahren in seiner Heimatstadt Yarkant mit einer Spielzeugpistole fotografiert, wurde schon als kleiner Junge vom kommunistischen Regime in Peking unter Druck gesetzt.

(Foto: privat)

China verschleppt eine Million Uiguren in Zwangslager, um sie zu foltern. Selbst Kinder unterwirft das Regime mit grausamen Methoden. Die Todesangst verfolgt einen nach Berlin Geflüchteten noch heute - nun setzt er sich für die Rechte der muslimischen Minderheit ein.

"Mörder", "Vergewaltiger". Diese Worte kannte Haiyuer Kuerban schon als kleines Kind gut. Er hörte sie jedes Mal, wenn Soldaten der Volksbefreiungsarmee am Haus seiner Familie in Yarkant, einer Gemeinde im Osten der chinesischen Provinz Xinjiang, vorbeikamen. Auf Militärfahrzeugen führten sie Verurteilte vor, die Hände auf dem Rücken gefesselt, sie drückten ihre Köpfe nach unten, hängten ihnen Schilder mit angeblich begangenen Taten um den Hals. Eine Militärparade der besonderen Art. Als Kind habe er stets neugierig zugeschaut, sagt Kuerban. Für ihn und seine Geschwister seien diese Paraden beinahe eine Art Spektakel gewesen. "Mörder", "Vergewaltiger", tönte es durch das Megafon der Soldaten. Ein letztes Mal wurden die Männer an den Pranger gestellt, bevor es zur Hinrichtung ging. Was alle Verurteilten einte: Sie waren Uiguren.

Die Bilder haben sich in Kuerbans Gedächtnis eingebrannt. Er gehört selbst der muslimischen Minderheit der Uiguren an, die das kommunistische Regime in Peking mit aller Härte verfolgt. Seine Herkunft prägt ihn bis heute.

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Kuerban in seinem Büro in Berlin-Mitte, wo er als Aktivist für den Weltkongress der Uiguren arbeitet.

(Foto: lve)

Dabei hat Kuerban chinesischen Boden seit 2006 nicht mehr betreten. Damals nahm er in Deutschland ein Studium auf. Zunächst wohnte er in München, absolvierte einen Master in Wirtschaftsinformatik. Nach seiner Anerkennung als Flüchtling zog er nach Berlin, wo er heute mit seiner Frau und seinen beiden Söhnen lebt. Er hat die Hoffnung aufgegeben, zurück nach Yarkant reisen zu können. Aussichtslos.

"Es geht dem Regime um das Auslöschen jeder Individualität"

Denn Kuerban hat sein Leben dem Kampf gegen die Unterdrückung seines Volkes verschrieben. An diesem Nachmittag nimmt er auf einem schwarzen Ledersessel Platz, in seinem Büro an der Schillingstraße in Berlin-Mitte. Hier arbeitet Kuerban für den Weltkongress der Uiguren, eine internationale Organisation von Exilanten, die sich für die Rechte der Minderheit in China einsetzen. Peking stuft den Weltkongress als "Terrororganisation" ein, er selbst bezeichnet sich als friedliche Interessenvertretung. Finanziert wird er unter anderem von der halbstaatlichen US-Denkfabrik National Endowment for Democracy.

"Was mit den Uiguren in China passiert, ist unvorstellbar grauenhaft", sagt Kuerban, rückt im Sessel vor und schließt die Augen. Seit Jahren werfen Menschenrechtsorganisationen Peking vor, bis zu eine Million Uiguren in Internierungslager zu verschleppen, um sie dort als Zwangsarbeiter auszubeuten. Erst im Oktober unterzeichnete Deutschland gemeinsam mit 40 weiteren Nationen eine Erklärung, in der "Folter, Zwangssterilisation, sexuelle Gewalt" in den Lagern verurteilt werden. Neben den USA verhängte auch die EU Anfang dieses Jahres Sanktionen gegen China. Sie ließ Konten von vier Männern, denen sie die Verantwortung für die Situation in Xinjiang zuschreibt, einfrieren.

Aus internen Dokumenten der chinesischen Regierung, die der "New York Times" bereits vor zwei Jahren vorlagen, geht hervor, dass Chinas Staats- und Parteichef Xi Jinping die Unterdrückung der Uiguren persönlich veranlasst hat. Demnach habe das Staatsoberhaupt, kurz nachdem militante Uiguren bei einem Anschlag auf einen Bahnhof 31 Menschen getötet hatten, in mehreren privaten Reden ein hartes Durchgreifen gegen die Minderheit gefordert. "Wir müssen genauso hart sein wie sie. Und überhaupt keine Gnade zeigen", sagte er den Dokumenten zufolge. Zudem soll er das "Gift des religiösen Extremismus" zur Gefahr erklärt haben. Berichten zufolge ziehen Uiguren bereits Verdacht auf sich, wenn sie Kopftuch tragen, in der Moschee beten oder Kontakt zu Angehörigen im Ausland pflegen. Peking dementiert dennoch, mit Gewalt gegen die Uiguren vorzugehen und spricht lediglich von Transporten in "Umerziehungslager".

Umerziehung - das bedeutet, im Kontext der Internierungslager, Zwang zur Anpassung. Uiguren sollen dort ihrer Religion, Kultur und Sprache beraubt werden. "Es geht dem Regime um das Auslöschen jeder Individualität", sagt Kuerban. "Die Diversität der Gesellschaft, die im Westen gefördert wird, gilt ihm als Gefahr." Das Ich-Gefühl solle schon in jungen Jahren dem Parteiapparat unterworfen werden. So sagten Kinder, wenn sie in China gefragt werden, wer sie seien, nicht etwa ihren Vornamen, sondern: "Ich bin ein Chinese."

Zwangsarbeit war für Uiguren ein Schulfach

Die Repressionen der Partei um Präsident Xi Jinping erfuhr Kuerban vor seiner Emigration nach Deutschland am eigenen Leib. Zwar gab es damals noch keine Internierungslager. Doch es gelang mit anderen Arten von Strafen, Schrecken unter den uigurischen Kindern zu verbreiten.

Als Schulkind musste Kuerban beispielsweise schwer arbeiten. Gemeinsam mit seinen Klassenkameraden habe er jede Woche das Schulgebäude reinigen müssen, erzählt er. Für diese Putzaktionen ist er benotet worden, weil sie als Schulfach galten. Als Kuerban in die Oberstufe kam, das war Ende der 90er-Jahre, verschärfte die Regierung ihren Kurs gegen die Uiguren. Er habe dann Zwangsarbeit verrichten müssen. Mehrmals im Jahr seien er und seine Mitschüler dazu gezwungen worden, Bäume zu pflanzen. Die Felder waren im Besitz von Han-Chinesen, die der regierenden Ethnie des Regimes angehören. "Das wurde der Öffentlichkeit als soziale Arbeit für das Gemeinwohl verkauft, wir haben aber körperlich unter den schweren Bedingungen gelitten", sagt er.

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Kuerban 1988, fotografiert in seiner Heimat Yarkant im Osten der Provinz Xinjiang.

(Foto: privat)

Auch der Islam, die Religion der überwiegend als moderat geltenden Uiguren, war und ist den Kommunisten ein Dorn im Auge. Im Ramadan, dem Fastenmonat gläubiger Muslime, hätten Mitglieder des Parteikomitees den Klassenräumen seiner Oberschule regelmäßig einen Besuch abgestattet, so Kuerban - während des Mittagessens. An ihren Tischen schauten sich die Funktionäre an, ob auch die muslimischen Kinder ihre Mahlzeit zu sich nehmen, erinnert er sich: "Wir wurden damals zwangsernährt." Denn während des Ramadan darf nach dem Koran bis zum Einbruch der Dunkelheit nichts gegessen und getrunken werden.

China baut nun Kinderlager auf

Durch seinen Umzug nach Deutschland entdeckte Kuerban eine "völlig neue Welt": das kritische Denken. War seine Schulzeit noch von militärischem Drill geprägt - Kommandos, Gleichschritt, Prügelstrafen - entwickelte er im Sprachkurs an der Ludwig-Maximilians-Universität in München Freude an der Debatte: "Endlich haben wir über politische Dinge diskutiert. In China mussten wir nur die Geschichte der Kommunistischen Partei auswendig lernen."

Kuerban begann, sich für Politik zu interessieren, verschlang Bücher über totalitäre Regime. Dabei sei ihm erst klar geworden, dass die Angst, unter der er als Kind gelitten hatte, zur Normalität geworden sei. "Und diese Todesangst, die mir eingepflanzt wurde, verfolgt mich bis heute." Das merkt er insbesondere in Momenten, in denen er öffentlich sprechen muss - etwa auf dem Podium der Versammlungen, die er für den Weltkongress ausrichtet. Obwohl er selbstsicher aufritt, kommt innerlich Panik in ihm hoch, dass ihm oder seiner Familie etwas zustoßen könnte, wenn er seine Meinung frei äußert.

"Meine Kindheit in China war dunkel", sagt Kuerban. All das sei jedoch nicht vergleichbar mit dem Grauen, das uigurischen Kindern heute dort widerfahren kann. Wenn ihre Eltern interniert werden, kommen auch sie in Lager, die das Regime als "Kindergärten" bezeichnet. Satellitenbilder belegen ihre Existenz. Was dort geschieht, weiß niemand so genau. Die Regierung verbietet Filmaufnahmen in Xinjiang. Journalisten aus dem Ausland ist der Zutritt zu der Region verwehrt. Eine Erzählung über die Kinderlager, die bislang niemand überprüfen konnte, lässt Kuerban schaudernd eine Ahnung von der Verzweiflung der Insassen bekommen: "Die Kinder dort sollen versuchen, sich umzubringen. Manche versuchen, absichtlich kleine Steine zu schlucken, um zu sterben."

Quelle: ntv.de

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