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Rezo führt die CDU vor Nur blamabel oder ein echter "Zerstörer"?

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Paul Ziemiak

(Foto: imago/Sven Simon)

Youtuber Rezo sorgt mit seiner CDU-Generalabrechnung für Aufsehen. Für die Partei entwickelt sich der Fall zu einer PR-Blamage. Allerdings hauptsächlich wegen ihrer ungelenken Reaktion. Die zeigt ein großes Problem der Union wie ein Lehrstück.

CDU-Generalsekretär Paul Ziemiak versucht, die Botschaft mit einem Lächeln zu verkaufen. "Wir haben überlegt: Wie reagieren wir auf dieses Video?" Er wolle, sagt er im Westberliner Zentrum der Hauptstadt, keine Videoschlacht anzetteln, sondern sich "im persönlichen Austausch" ein Bild von den "unterschiedlichen Positionen machen". Was war passiert?

Vor vier Tagen hatte der Youtuber Rezo "dieses Video" veröffentlicht, in dem er die CDU massiv kritisiert - oder, wie er es selber nennt: "zerstört". Das Filmchen wurde millionenfach geklickt. Alle großen Medien berichteten darüber und gingen auf die Vorwürfe ein. Seither ringt die CDU um eine Position zu dem 26-jährigen Internet-Prominenten mit dem blauen Pony und seiner 55-minütigen Abrechnung. Und sie ringt um Haltung.

Dabei aber wirkt die Partei völlig überfordert. "Er hat einen Punkt getroffen in der Frage, wie wir mit jungen Menschen kommunizieren", räumt Ziemiak dann noch ein. Man könnte auch sagen, die CDU hat sich komplett blamiert und grundlegende Defizite im Umgang mit der jungen Generation offengelegt. Ziemiak ist 33 Jahre und war bis vor wenigen Monaten Chef der Jungen Union. Er ist also der Berufsjugendliche der Christdemokraten.

AKK und das Problem mit den Plagen

Rezo hat seine Abrechnung, für die er nach eigenen Angaben über 100 Stunden recherchiert hat, bereits am Samstag bei Youtube veröffentlicht. Vier Tage später erst, gestern Mittag - das Video hatte zu diesem Zeitpunkt bereits mehr als drei Millionen Klicks -, kam eine erste Reaktion aus dem Konrad-Adenauer-Haus. Da klang Ziemiak noch weniger aufgeschlossen und reflektiert. Er sprach von Falschbehauptungen und sagte: "Populismus, Beleidigungen und falsche Vereinfachungen haben wir in den sozialen Netzwerken und der Politik leider schon mehr als genug."

Auch Parteichefin Annegret Kramp-Karrenbauer reagierte gereizt. "Ich habe mich gefragt, warum wir nicht eigentlich auch noch verantwortlich sind für die sieben Plagen, die es damals in Ägypten gab", sagte sie am Abend. Dass es eigentlich zehn biblische Plagen waren, und dies die Vorsitzende einer Partei mit dem C im Namen eigentlich wissen sollte, war dabei ein weiterer peinlicher Nebenaspekt. Und es war nicht der letzte.

"Hätte es besser gefunden, wenn die CDU sich gewehrt hätte"

So berichtete das Redaktionsnetzwerk Deutschland, der 26-jährige CDU-Abgeordnete Philipp Amthor bereite eine Replik auf Rezos Schmähvideo vor. Ausgerechnet der zwar junge, aber als extrem konservativ geltende Amthor sollte auf die Vorwürfe eingehen.

Doch wenig später ruderte die Partei zurück. Ja, man habe am Morgen ein Video mit Amthor produziert, heißt es. Aber nein, es werde nicht veröffentlicht. "Lieber Rezo, lass uns miteinander reden", twitterte Ziemiak mittags und lädt den Youtuber ins Konrad-Adenauer-Haus ein. Etwa zeitgleich erzählt Amthor in einem Interview, wie viel "Freude" ihm der Dreh gemacht habe. "Mein Video ist klasse", sagte er über den Clip, der wohl nie das Licht der Internet-Welt erblicken wird.

Die CDU wirkt weiter hilflos und überfordert. Entsteht so kurz vor der Europawahl nicht ein riesiger Schaden? Vergrätzen die Christdemokraten nicht ihre jungen Wähler?

"Vorwürfe sind einseitig"

Doch zurück zu Ziemiaks Auftritt in Berlin. Er wollte den Stand der CDU am Berliner Wittenbergplatz eigentlich besuchen, um Wahlkampf zu machen. Jetzt aber umringen ihn TV-Kameras und rund zwei Dutzend Journalisten. Im Hintergrund versucht die Parteibasis, Passanten davon zu überzeugen, ihr Kreuzchen am Wochenende bei der CDU zu machen.

Eine junge Frau verwickelt Vorbeigehende in Gespräche und bietet Kuchen an. "Ich hätte es besser gefunden, wenn die CDU sich auch gewehrt hätte", sagt die 19-Jährige. Ihren richtigen Namen will sie nicht sagen. Sie möchte bald in die Partei eintreten und glaubt, die ganze Angelegenheit sei ein sensibles Thema. "Die Vorwürfe in dem Youtube-Video sind einseitig und ich finde es schade, dass das Video von Amthor nicht veröffentlicht wurde". Das sei eine Möglichkeit gewesen auf Augenhöhe zu reagieren.

Glaubt sie, Rezos Video wird Menschen aus ihrer Generation von der CDU wegtreiben? "Ja, klar", entgegnet sie. "In meinem Alter gibt es ja sowieso den Trend, Grün zu wählen." Der habe sich jetzt noch verstärkt, glaubt sie. Dass der 26-jährige Youtuber das Video überhaupt produziert hat, sei eine Folge des Verhaltens der CDU im Zusammenhang mit Artikel 13, also der Haftung von Online-Plattformen - und vor allem in der Klimapolitik, ist sie sich sicher.

Muss die CDU sich also wegen des PR-Debakels nun Sorgen machen - so kurz vor der Wahl? Der Politikwissenschaftler Stefan Heumann sagte der Dpa, das Video werde keine entschlossenen CDU-Wähler umstimmen, könne bei der Europawahl aber zu einem Mobilisierungsschub bei jungen Wählern führen. "Die CDU läuft mittelfristig Gefahr, die jungen Menschen zu verlieren", sagte die Politikwissenschaftlerin Sabine Kropp der "Rheinischen Post".

Der Wählertod ist das eigentliche Problem

Aber hat die CDU den Anschluss an die Jugend nicht ohnehin schon verloren? Untersuchungen zur Bundestagswahl 2017 zeigen, dass die treuesten Wähler von CDU und CSU bereits im Rentenalter sind. Satte 45 Prozent der über 70-Jährigen machte ihr Kreuzchen bei den Christdemokraten. Bei den 18 bis 24-Jährigen waren es gerade einmal 24 Prozent. Die stärksten Wählerverluste hatte die Union in der zweitjüngsten Kategorie bei den 25- bis 34-Jährigen.

Die Befürchtungen der jungen Wahlkampfhelferin in Berlin, viele junge Wähler könnten zu den Grünen abwandern, sind durchaus berechtigt. Bei der jüngsten Bundestagswahl haben die Christdemokraten knapp 330.000 Wähler an die Öko-Partei verloren.

Das eigentliche Problem von CDU und CSU mit der Wählerwanderung liegt aber woanders: Ihr überaltertes Stammpublikum stirbt einfach. Fast 1,3 Millionen Menschen haben 2017 nicht mehr ihr Kreuzchen bei den Unionsparteien gemacht, weil sie gestorben sind.

Die kurzfristigen Folgen könnten also überschaubar bleiben. Dennoch ist der Fall Rezo ein Lehrstück. Und zwar dafür, wie es nicht laufen sollte. Immerhin kündigt Ziemiak an, sein Gespräch mit dem Youtuber soll nicht hinter verschlossenen Türen stattfinden, sondern live im Netz übertragen werden. Wann es soweit ist und ob sich die breite Masse dann überhaupt noch für Rezos "Zerstörer"-Video und die Folgen interessiert, ist unklar.

Quelle: n-tv.de

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