Politik
"Totaler Krieg- kürzester Krieg": Im Berliner Sportpalast beschwört Goebbels den Endsieg.
"Totaler Krieg- kürzester Krieg": Im Berliner Sportpalast beschwört Goebbels den Endsieg.(Foto: Bundesarchiv)
Sonntag, 18. Februar 2018

"Diese Stunde der Idiotie": So hetzte Goebbels zum "totalen Krieg"

Von Gudula Hörr

Die Lage ist düster für die Deutschen. Die Schlacht um Stalingrad ist verloren, in Nordafrika droht eine weitere Niederlage. Da ruft Propagandaminister Goebbels unter dem Jubel der Massen zum "totalen Krieg" auf – womit er auch eigene Interessen verfolgt.

Für die deutsche Wehrmacht beginnt das Jahr 1943 mit einer Katastrophe. Der Afrikafeldzug stockt, nach Monaten blutigen Gemetzels kapituliert die 6. Armee unter General Friedrich Paulus in Stalingrad. Zehntausende deutsche Soldaten geraten in sowjetische Kriegsgefangenschaft. Die Nachrichten von der Front schockieren viele Deutsche, die nun erkennen müssen: Die Zeiten der Blitzsiege sind endgültig vorbei.

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Die Propaganda-Maschine des Nazi-Regimes steht daher vor einer schweren Aufgabe, wenn sie die Deutschen noch für den in die Ferne gerückten Endsieg mobilisieren will. Joseph Goebbels stellt sich ihr bereitwillig. Am 18. Februar 1943 lädt der Propagandaminister 15.000 ausgewählte Nationalsozialisten zu einer Massenkundgebung in den Berliner Sportpalast ein: Soldaten, Verwundete, Krankenschwestern und Prominente wie der Schauspieler Heinrich George drängen sich in der Halle. Innerhalb kürzester Zeit verfallen sie in eine Massenhysterie, als Goebbels vor ihnen seine berühmteste Rede hält. Es wird eine "Stunde der Idiotie", wie Goebbels kurz danach resümiert.

In dem karg geschmückten Saal spricht der enge Vertraute Adolf Hitlers vom Krieg und den Opfern. Er beschwört den Endsieg und warnt vor der Bedrohung des Abendlandes durch den "Ansturm der Steppe". "Hinter den vorstürmenden Sowjetdivisionen sehen wir schon die jüdischen Liquidationskommandos, hinter diesen aber erhebt sich der Terror, das Gespenst des Millionenhungers und einer vollkommenen europäischen Anarchie."

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Und dann stellt Goebbels jene berüchtigte Frage, die den Saal zum Kochen bringt: "Wollt ihr den totalen Krieg?" Die Menge springt auf, Tausende reißen den rechten Arm nach vorn und brüllen: "Ja". Nach einer kurzen Pause ruft Goebbels noch einmal, die Arme in die Hüften gestützt: "Wollt ihr ihn, wenn nötig, totaler und radikaler, als wir ihn uns heute überhaupt noch vorstellen können?" Und wieder erschallt als Antwort: "Ja". "Seid ihr bereit, mit dem Führer, als Phalanx der Heimat hinter der kämpfenden Wehrmacht stehen, diesen Kampf mit wilder Entschlossenheit und unbeirrt durch alle Schicksalsfügungen fortzusetzen – bis der Sieg in unseren Händen ist?" Jubel brandet durch den Sportpalast.

"Perfides Musterbeispiel nationalsozialistischer Propaganda"

Goebbels Rede wird in die Geschichte eingehen - "als besonders perfides Musterbeispiel nationalsozialistischer Propaganda und Rhetorik", so der Historiker Peter Longerich. Goebbels selbst zeigt sich nach seinem Auftritt zufrieden: "Wenn ich den Leuten gesagt hätte, springt aus dem dritten Stock des Columbiahauses, dann hätten sie es getan." In sein Tagebuch schreibt der Propagandaminister später: "Der totale Krieg ist jetzt nicht mehr eine Sache weniger einsichtiger Männer, sondern er wird jetzt vom Volke getragen."

Vielleicht wird Goebbels bei dieser Einschätzung allerdings auch Opfer seiner eigenen, wohl geplanten Inszenierung. Schließlich hat er im Sportpalast nichts dem Zufall überlassen. In dem handverlesenen Publikum sitzen Sprechchöre, die dann einstudierte Slogans wie "Führer befiehl, wir folgen" skandieren. Andere sind sorgsam instruiert, wann sie wie lange zu applaudieren haben. Und um sicherzugehen, dass der Jubel laut genug ist, lässt der Propagandaminister Applaus von Schallplatten über die Lautsprecheranlage einspielen.

Mit seiner Rede will Goebbels nicht nur die Deutschen weiter mobilisieren, vielmehr verfolgt er noch ein Ziel: sich als mächtigsten Mann des Reiches "an die Spitze des Regimes zu katapultieren", wie Longerich schreibt. Sein umjubelter Auftritt im Sportpalast soll den Druck auf Hitler verstärken. Schon Ende Dezember hatte Goebbels die NS-Führungsriege dazu gedrängt, das Land stärker auf die Kriegswirtschaft auszurichten. Das Leben in Deutschland sollte ganz im Zeichen des Kampfes stehen. Im Januar schreibt er nach einem Besuch bei Hitler: "Es wird sozusagen eine innere Diktatur aufgerichtet, bei der ich der psychologische Diktator und der motorische Antrieb der ganzen Aktion sein soll."

Doch diese Rechnung geht nicht auf. Ein Führererlass im Januar sieht zwar vor, bisher nicht beschäftigte Arbeitskräfte verstärkt zu verpflichten und in der Rüstungsindustrie und Wehrmacht zu beschäftigen. Ein sogenannter Dreierausschuss soll diese Aufgabe kontrollieren. Aber entgegen seiner Erwartung wird Goebbels nicht Teil des Ausschusses. Mehr noch: Die Mobilisierungsmaßnahmen stoßen auf Widerstand im Dreierausschuss und bei Hitler. Sie befürchten, dass sich die "angespannte Stimmung" der Deutschen dadurch noch verschlechtern könne.

Und auch die Sportpalast-Rede entfacht nicht ganz die von Goebbels erhoffte Wirkung. "Die normalen Deutschen waren zu diesem Zeitpunkt ohnehin eher kriegsmüde", sagt Jens Kegel, der über die Rede promovierte, im Interview mit n-tv.de. "Goebbels wollte ein Fanal vom Sportpalast aussenden. Aber das funktionierte nicht." An den Endsieg glaubt kaum einer noch. Mehr und mehr sucht der Krieg auch Deutschland heim.

Immerhin in diesem Punkt hatte Goebbels recht, ob gewollt oder ungewollt: Der Krieg, den die Deutschen entfesselt hatten, wird immer "totaler" – auf eine Art, wie es sich nur die wenigsten hatten vorstellen können. Als Deutschland am 8. Mai 1945 kapituliert, gleicht Europa einem Trümmerfeld. Rund 60 Millionen Menschen sind getötet, ganze Landstriche verwüstet, ein Heer von Vertriebenen irrt umher.

Goebbels ist da schon nicht mehr am Leben: Am 1. Mai, einen Tag nach Hitlers Selbstmord, nehmen er und seine Frau Magda im Berliner "Führerbunker" Zyankali. Zuvor haben sie bereits ihre sechs Kinder vergiftet.

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Quelle: n-tv.de