Politik

"Gefährlich und bescheuert" Trumps Ideen sorgen für Fassungslosigkeit

Desinfektionsmittel spritzen? UV-Strahlung im Körperinneren einsetzen? US-Präsident Trump bringt bei einer Pressekonferenz Ideen zur Behandlung von Covid-19 vor. Ärzte und Wissenschaftler sind fassungslos und raten eindringlich von den Vorschlägen ab. Das sei völlig verantwortungslos.

Umstrittene Äußerungen von US-Präsident Donald Trump zu möglichen Therapieansätzen gegen das Coronavirus haben eindringliche Warnungen von Experten ausgelöst. Trump ermunterte Forscher bei einer Pressekonferenz am Donnerstagabend im Weißen Haus unter anderem dazu, Möglichkeiten zu prüfen, Menschen direkt Desinfektionsmittel zu spritzen oder mit starker Lichtbestrahlung zu behandeln, um die durch das Virus ausgelöste Erkrankung Covid-19 zu heilen. Im Nachhinein erklärte der Präsident, dass er sarkastisch war, als er seine Ideen vortrug. Er ermutige Menschen nicht dazu, es zu tun, sagt er.

Mediziner reagierten mit Fassungslosigkeit auf die Anregungen des Präsidenten - und warnten eindringlich davor, Desinfektionsmittel in den Körper zu injizieren. Die Katastrophenschutzbehörde des US-Bundesstaats Washington warnte die Bürger auf Twitter vor der Einnahme von Reinigungs- oder Desinfektionsmitteln: "Machen Sie eine schlechte Situation nicht schlimmer." Der britische Konsumgüterkonzern Reckit Benckiser, zu dessen Marken Sagrotan gehört, erklärte, dass Desinfektionsmittel "unter keinen Umständen" verabreicht werden sollten - weder durch Einnahme oder Injektion noch auf irgendeine andere Weise.

"Das ist bislang einer der gefährlichsten und bescheuertsten Vorschläge zur Behandlung von Covid-19", sagte Professor Paul Hunter von der Universität East Anglia. Jeder Versuch dieser Art von Behandlung würde vermutlich tödlich enden. "Das ist völlig verantwortungslos, da es bedauerlicherweise Leute gibt, die diesen Quatsch glauben und das an sich selbst ausprobieren könnten." Trumps voraussichtlicher Herausforderer bei der Präsidentschaftswahl im November, der Demokrat Joe Biden, erklärte auf Twitter mit Blick auf Trumps Vorschläge: "UV-Licht? Desinfektionsmittel injizieren?" Trump solle sich lieber um mehr Corona-Tests und Schutzausrüstung für tatsächliche Mitarbeiter aus dem Gesundheitssystem kümmern.

"Es ist brandgefährlich, was er macht", sagte der SPD-Gesundheitspolitiker Karl Lauterbach dem Online-Portal "t-online" zu Trumps Äußerungen. "Es kann nicht nur zu Toten führen, sondern solche Aussagen können einen Bürgerkrieg auslösen." Ein Sprecher der EU-Kommission in Brüssel lehnte einen Kommentar zu Trumps Aussagen ab. Er betonte, die Kommission wende sich bei Fragen zur Behandlung des Coronavirus an Experten in der EU oder bei der Weltgesundheitsorganisation WHO.

"Nicht als Behandlungsmethode"

Auch Trumps Experten selbst reagierten einigermaßen ratlos. Als der Präsident die Leiterin der Coronavirus-Taskforce, Deborah Birx, bei der Pressekonferenz fragte, ob sie von einem Einsatz von Licht oder Hitze gegen das Coronavirus gehört habe, sagte diese: "Nicht als Behandlungsmethode". Auf Nachfragen von Journalisten reagierte Trump ruppig: "Ich bin der Präsident, und Sie sind Fake News", fuhr er einen Reporter an. Trumps Sprecherin Kayleigh McEnany warf Journalisten vor, die Aussagen des Präsidenten "verantwortungslos aus dem Kontext gerissen" zu haben. Die Medien hätten zudem auf "negative Schlagzeilen" gesetzt. Trump habe die Menschen immer wieder aufgerufen, sich bei Fragen zur Behandlung des Coronavirus an ihre Ärzte zu wenden, erklärte McEnany. Der Präsident habe diesen Punkt auch am Donnerstag "betont".

Trumps Gedankenspiele wurden offenbar durch Ausführungen eines Regierungsexperten ausgelöst. William Bryan vom Heimatschutzministerium hatte erklärt, dass Bleich- und Desinfektionsmittel den Erreger Sars-CoV-2 zum Beispiel auf trockenen metallischen Flächen wie einer Türklinke rasch abtöteten. Trump fragte daraufhin an seine Experten gerichtet, ob man Desinfektionsmittel nicht durch "Injektion" in den Körper bringen könnte, "fast wie eine Säuberung". "Dafür muss man Ärzte einsetzen, aber für mich klingt es interessant."

Bryan hatte zudem geschildert, dass sich die Lebensdauer des Coronavirus bei direkter Bestrahlung mit Sonnenlicht dramatisch verkürzt - natürlich nur auf Oberflächen. Trump sinnierte daraufhin über Optionen, starkes Licht "in den Körper" zu bringen, um Corona-Infektionen zu behandeln. "Nehmen wir mal an, wir behandeln den Körper mit einer enormen Menge, entweder ultraviolettes oder einfach starkes Licht", sagte Trump. "Mal angenommen, man könnte das Licht in den Körper bringen, was man durch die Haut oder auf andere Weise tun kann." Das sei ziemlich gewaltig. Der Präsident riet Menschen dazu, die Sonne zu genießen. "Und wenn das eine Wirkung hat, ist das toll."

Zwar können Viren mit ultraviolettem Licht getötet werden. Medizinern zufolge ist es jedoch völlig unmöglich, dass dies auch für Coronaviren in Zellen des menschlichen Körpers gilt. "Viren, die sich in Organen des Menschen ausbreiten, kann man weder durch Hitze noch durch Sonnenbaden zerstören", betonte die Professorin für Pharmamedizin am Londoner Kings College, Penny Ward.

Bundesamt warnt vor ausgiebigem Sonnenbaden

Schon Mitte April hatte das Bundesamt für Strahlenschutz (BfS) erklärt, dass UV-Strahlung nicht zur Heilung einer Covid-19-Erkrankung geeignet sei. Es sei allgemein bekannt, dass die sogenannte UV-C-Strahlung Viren und Bakterien abtöte und zur Entkeimung von Oberflächen genutzt werden könne. Diese besonders energiereiche Strahlung sei aber schädlich für den Menschen. Sie komme zwar auch von der Sonne, erreiche die Erdoberfläche aber nicht und müsse deshalb künstlich erzeugt werden. Das BfS erklärte zudem: "Wer denkt, Sonnenstrahlen würden das Virus in uns abtöten und damit Covid-19 heilen, irrt. Im Gegenteil: UV-Strahlung kann unter anderem dazu führen, dass die körpereigene Immunabwehr unterdrückt wird. Wer krank ist, sollte darum besser nicht in die pralle Sonne - egal bei welcher Erkrankung." Ausgiebige Sonnenbäder erhöhten zudem das Risiko, an Hautkrebs zu erkranken.

Unklar ist allerdings bisher, ob die höheren Temperaturen im Frühjahr und Sommer die Ausbreitung und Übertragung des Coronavirus verlangsamen könnten. Dies ist von anderen Erregern, etwa den Grippeviren, bekannt. Bei Trumps Pressekonferenz hatte Experte Bryan auf entsprechende Untersuchungen verwiesen, die jedoch noch nicht zweifelsfrei bestätigt sind. Dies ist jedoch etwas anderes als die Behandlung von bereits erkrankten Menschen, wie sie Trump vorschlug. Trotz weltweiter Forschungsbemühungen gibt es bislang keine nachweislich wirksamen Medikamente oder Techniken zur Vorbeugung oder Behandlung des Virus.

Gemessen an absoluten Zahlen sind die Vereinigten Staaten international am schwersten von der Corona-Pandemie getroffen: Bis Freitagvormittag verzeichneten die Forscher der Universität Johns Hopkins rund 870.000 bestätigte Infektionen mit dem neuartigen Coronavirus. Rund 50.000 Menschen kamen demnach infolge der Epidemie ums Leben.

Quelle: ntv.de, mli/dpa/AFP/rts