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Mysteriöse Diplomatenkrankheit USA rätseln über "Havanna-Syndrom"

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Ende 2016 erkrankten die ersten Mitarbeiter der US-Botschaft in Kuba.

(Foto: picture alliance / dpa)

Seit 2016 erkranken immer wieder US-amerikanische Diplomaten am "Havanna-Syndrom". Inzwischen tritt die mysteriöse Krankheit sogar im Weißen Haus auf. Die Sicherheitsbehörden tappen im Dunkeln, am wahrscheinlichsten ist die Mikrowellen-Theorie.

Ende 2016 taucht die mysteriöse Erkrankung das erste Mal auf. Einige Mitarbeiter der US-Botschaft in der kubanischen Hauptstadt Havanna berichten damals von Druckwellen im Kopf, andere erinnern sich an penetranten Lärm, der sich plötzlich in ihrem Kopf festsetzt. "Ein Geräusch wie ein riesiger Schwarm Zikaden, der einen von Raum zu Raum folgt, aber wenn man die Tür nach draußen öffnet, sofort aufhört", schrieb das US-Magazin "The New Yorker".

Um der Sache auf den Grund zu gehen, hat sich das US-Außenministerium damals Hilfe von führenden Wissenschaftlern geholt - einer von ihnen war James Giordano, Chef-Neurologe an der Georgetown-Universität in Washington. "Ende 2016 wurde ich von Mitarbeitern des US-Außenministeriums angesprochen, um mithilfe von induktiver Forensik einige Möglichkeiten und Wahrscheinlichkeiten aufzuzeigen, was mit den Betroffenen in Havanna passiert sein könnte", erzählt Giordano im ntv-Podcast "Wieder was gelernt".

Schwindel, Kopfschmerzen, Tinnitus

In den vergangenen viereinhalb Jahren hat das US-Außenministerium mehr als 130 Fälle des sogenannten "Havanna-Syndroms" registriert, hat die "New York Times" im Mai festgehalten. Bei amerikanischen Diplomaten, Geheimdienstmitarbeitern, Soldaten und deren Familienangehörigen auf der ganzen Welt. Es gab mehrere ähnliche Berichte von US-Botschaftsmitarbeitern in China, außerdem Meldungen aus Russland, Georgien, Usbekistan, Kirgisistan, Polen, Kolumbien, Taiwan und Australien. Zuletzt ist die Erkrankung sogar im Weißen Haus angekommen.

Die Symptome sind ganz unterschiedlich. Ein Klingeln, ein Surren, ein Zirpen im Kopf. Vielen Betroffenen wird schwindelig oder sie bekommen starke Kopfschmerzen, andere berichten von Gleichgewichtsverlusten, Seh-, Sprech- oder Hörstörungen bis zum Tinnitus. Manche fühlen sich nur kurz unwohl, andere müssen sofort ärztlich behandelt werden und haben lange Zeit mit den Folgen zu kämpfen.

Nach den ersten Fällen in Havanna wurde in alle Richtungen spekuliert, erinnert sich Giordano. "Es erschien mir unwahrscheinlich, dass irgendwelche pharmakologischen Wirkstoffe oder Industriechemikalien ausgetreten sind. Derartige Rückstände konnten in keinem Fall nachgewiesen werden." Die wahrscheinlichere Erklärung sei damals eine Art Ultraschallgerät gewesen, so Giardono. "An solche Geräte kann man leicht rankommen, weil sie im Kampf gegen Ungeziefer im Haushalt eingesetzt werden. Der Gedanke war, dass die betroffenen Personen einem solchen akustischen Gerät ausgesetzt waren."

In den vergangenen viereinhalb Jahren haben Giordano und weitere Experten diese Spekulation mit Details unterfüttert. "Spielt elektromagnetische Strahlung eine Rolle, einschließlich der Möglichkeit von Mikrowellenstrahlung? Oder geht es um eine Kombination aus akustischen oder Ultraschallkomponenten und elektromagnetischen Mikrowellenkomponenten? Das alles wird in Erwägung gezogen."

"Wir riechen das Problem"

Auch die amerikanische Nationale Akademie der Wissenschaften kam Ende vorigen Jahres zu der Erkenntnis, dass höchstwahrscheinlich "gezielte, gepulste Radiofrequenzenergie", also eine elektromagnetische Strahlung, das "Havanna-Syndrom" auslöst. Das ist die sogenannte Mikrowellen-Theorie. Ob das absichtlich passiert, ob jemand diese Strahlung als Waffe gegen Mitarbeiter der US-Regierung eingesetzt haben könnte - dazu schweigt das Gremium in seinem Bericht. Es teilt allerdings mit, dass man bei der Untersuchung auch mit "mehreren Herausforderungen" zu kämpfen gehabt habe, die eine systematische Aufklärung unmöglich gemacht hätten. So habe man von den Behörden zu wenige Gesundheitsdaten der Erkrankten bekommen, schreiben die Wissenschaftler. Das dürfte mit dem Status vieler Betroffener als Botschafts- oder Geheimdienstmitarbeiter zusammen hängen.

Die Aussage einiger Forscher, dass es sich bei den mysteriösen Erkrankungen auch um eine Massenhysterie unter den Diplomaten und deren Angehörigen handeln könnte, teilt Giordano nicht. "In ein paar Fällen mag das vielleicht stimmen. Aber was die ersten zwei Dutzend Mitarbeiter der US-Botschaft in Havanna betrifft, ist die Wahrscheinlichkeit für einen massenpsychogenen Effekt sehr gering bis null." Bei den Betroffenen habe es klare Signale und neurologische Merkmale für eine Erkrankung gegeben. Nichts, was man sich nur hätte einbilden können. Man wisse nicht genau, was passiert ist, aber man "rieche das Problem", macht Giordano Hoffnung auf vollumfängliche Aufklärung.

Mikrowelle als Waffe?

Dass Mikrowellentechnologie als Waffe eingesetzt werden kann, sei grundsätzlich keine neue Erkenntnis. Die Entwicklung der Technologie per se sei nicht so schwierig, aber es gebe bestimmte Faktoren, die ihren Einsatz verkomplizieren. "Die Frage ist nicht, ob es diese Art von Geräten gibt und ob sie als Waffe eingesetzt werden können. Es geht aber darum, wie wahrscheinlich ein Einsatz wäre", sagt Neurologie-Professor Giordano, der als einer der weltweit führenden Bioethiker gilt. "Wenn der Einsatz nicht geheim und es egal wäre, dass jemand den Angriff bemerkt, dann gibt es eine Reihe von verschiedenen Geräten und Technologien, die man auf diese Weise einsetzen kann. Wenn man eine Aktion einigermaßen tarnen oder im Extremfall sogar komplett verdecken möchte, würde das viel Raffinesse erfordern - in der Entwicklung der Waffe und deren Handhabung."

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Wer könnte eine solch aufwendige Operation durchführen? In der Studie der Nationalen Akademie der Wissenschaften steht dazu nichts. Auch James Giordano will nicht spekulieren. Aber es gibt natürlich Vermutungen. Ein Staat zum Beispiel, der mit den USA im Clinch liegt, vielleicht sogar verfeindet ist. Grundsätzlich sei jedes Land dazu in der Lage, das ein früheres oder laufendes Forschungs-, Entwicklungs- Test- und Evaluierungsprogramm hat.

Russland gilt als Hauptverdächtiger

Führende Beamte der damaligen Trump-Regierung, aber auch Mitglieder der Biden-Administration, machen laut "New Yorker" hinter vorgehaltener Hand Russland für das "Havanna-Syndrom" verantwortlich. Es ist bekannt, dass in der früheren Sowjetunion mit Mikrowellenwaffen experimentiert wurde. Aber einen klaren Beweis haben die amerikanischen Sicherheitsbehörden auch vier Jahre nach den ersten Fällen noch nicht. Für die Forschung würden sich daraus drei zentrale Herausforderungen ergeben, sagt Giordano: "Sind diese Arten von Technologien tatsächlich so komplex und so weit entwickelt, dass sie für den operativen Einsatz bereit sind? Welche Arten von Technologien sind am besten entwickelt, welche am meisten verfügbar und welche werden tatsächlich verwendet? Was muss getan werden, um ihren Einsatz in den verschiedensten Situationen zu erkennen, abzuschwächen oder zu verhindern?"

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All diese Fragen sind mehr als vier Jahre nach den ersten Fällen in Kuba weitgehend ungeklärt, deshalb wird Kritik laut. Opfer der Akustik-Attacken in Havanna und China haben Ende Mai einen Brief ans US-Außenministerium geschrieben. Man habe geglaubt, dass sich die neue Regierung besser um sie kümmern werde, als es die Trump-Administration getan hat. Stattdessen werde Betroffenen angemessene medizinische Behandlungen verwehrt und generell zu wenig unternommen, um die Ursachen der Erkrankungen zu ermitteln, heißt es.

Das Pentagon hat darauf inzwischen reagiert. Ein neues Pilotprogramm sieht vor, dass sich Diplomaten künftig freiwillig umfangreichen Gesundheitschecks unterziehen können, bevor sie die USA verlassen. Die etwa dreistündigen Tests sollen Untersuchungen des Hör- und Sehvermögens beinhalten, berichtet "Politico". Kommt es im Ausland zu einem "unerklärlichen Gesundheitsvorfall" kann der Medizincheck wiederholt und die Daten miteinander verglichen werden. Vielleicht kommt man so dem "Havanna-Syndrom" auf die Spur.

Quelle: ntv.de

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