Politik

5400 Menschen am Flughafen USA rechnen mit weiterem Anschlag in Kabul

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US-Marines halten Wache während der Rettungsflüge am Kabuler Flughafen - aufgenommen am 18. August.

(Foto: via REUTERS)

"Bis zum letzten Moment" will das US-Militär noch Menschen aus Afghanistan ausfliegen, bevor der Einsatz am Dienstag endet. Noch sind gut 5000 US-Soldaten in Kabul, wo neue Attacken drohen. Bei dem gestrigen Anschlag verletzte Amerikaner sind inzwischen in einem Krankenhaus in Rheinland-Pfalz.

Trotz des verheerenden Selbstmordanschlags mit mindestens 92 Todesopfern am Flughafen von Kabul wollen die USA weiter "bis zum letzten Moment" Menschen ausfliegen. Mehr als 5000 Menschen warteten noch am Airport, der Einsatz sei nach wie vor "konkreten und glaubwürdigen Bedrohungen" ausgesetzt, sagte Pentagon-Sprecher John Kirby. Das Ministerium korrigierte derweil seine Angaben zum Anschlag. Demnach war es die Tat eines einzelnen Selbstmordattentäters. US-Präsident Joe Biden will die Drahtzieher des Anschlags töten lassen, wie das Weiße Haus mitteilte.

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US-Soldaten leiten Menschen am Flughafen am Mittwoch zu Bussen.

(Foto: via REUTERS)

Inzwischen wurden bei dem Anschlag verletzte US-Soldaten nach Deutschland geflogen. Zwei Maschinen mit den Verletzten seien am US-Luftwaffenstützpunkt Ramstein in Rheinland-Pfalz gelandet, erklärte das US-Verteidigungsministerium. Die Soldaten seien zum nahegelegenen US-Militärkrankenhaus in Landstuhl gebracht worden und würden dort behandelt. In Landstuhl westlich von Kaiserslautern befindet sich das größte US-Militärkrankenhaus außerhalb der USA.

Die US-Behörden rechnen mit weiteren Anschlägen in Kabul. Trotz allem würden "bis zum letzten Moment" Evakuierungsflüge stattfinden, sagte General Hank Taylor. An diesem Freitag warteten demnach noch 5400 Menschen auf dem Gelände des Flughafens auf die Chance zur Ausreise.

Weißes Haus: Weiterer Anschlag "wahrscheinlich"

Die kommenden Tage werden nach Ansicht der US-Regierung die "gefährlichste" Phase des Evakuierungseinsatzes. Biden sei bei einem Treffen mit seinem nationalen Sicherheitsteam davor gewarnt worden, dass ein weiterer Terroranschlag in Kabul "wahrscheinlich" sei, erklärte das Weiße Haus. Es würden aber maximale Schutzmaßnahmen ergriffen. Biden sei außerdem von seinen Kommandeuren über Pläne informiert worden, Angriffsziele gegen den afghanischen Ableger der Dschihadistenmiliz IS - Islamischer Staat Provinz Chorasan (IS-K) zu entwickeln.

Die Terrororganisation hatte sich zu dem Anschlag bekannt, bei dem auch 13 US-Soldaten starben und 18 verletzt wurden. Es war die verlustreichste Attacke auf die US-Armee am Hindukusch seit zehn Jahren. Unter den Opfern seien viele Frauen und Kinder, sagten zwei frühere Mitarbeiter des afghanischen Gesundheitsministeriums. Mehr als 150 Menschen seien verletzt worden.

Die US-Regierung betonte ihre Entschlossenheit, die Drahtzieher des verheerenden Anschlags töten zu lassen. "Er hat klar gemacht, dass er nicht will, dass sie noch auf der Erde leben", sagte die Sprecherin des Weißen Hauses, Jen Psaki, mit Blick auf die jüngste Drohung von Biden gegen die Terroristen. Psaki reagierte auf die Frage, ob Biden die Urheber der Attacke töten lassen oder vor Gericht stellen wolle.

US-Militär sprengt anscheinend eigene Ausrüstung

Das US-Militär rechnet damit, dass vor dem Abzug der Truppen am kommenden Dienstag ein weiterer Teil der Ausrüstung am Flughafen Kabul möglicherweise kontrolliert zur Explosion gebracht werden muss. Das US-Militär bestätigte, dass es am Donnerstag kontrollierte Detonationen am Flughafen in Kabul gegeben habe, nannte aber keine Einzelheiten zu den vernichteten Gegenständen. Hintergrund ist, dass die militärische Ausrüstung der US-Soldaten beim Abzug nicht den militant-islamistischen Taliban hinterlassen werden soll.

Der Kommandeur der Truppen habe die Befugnis, die Entscheidung zur Zerstörung von Ausrüstungsgegenständen nach Bedarf zu treffen, hieß es. "Wir wollen Sitzen für Passagiere soweit wie möglich Vorrang einräumen", sagte Kirby zudem. "Menschenleben werden die Priorität sein." Es gehe dabei um die Ausrüstung des US-Militärs, nicht den Flughafen an sich. Derzeit seien noch gut 5000 US-Soldaten am Flughafen in Kabul. Mit Blick auf den Abzug bis 31. August werde das Militär künftig keine genauen Zahlen zur Truppenstärke mehr nennen, sagte Kirby.

Die Taliban forderten unterdessen die USA auf, auch nach Abschluss des US-Truppenabzugs eine diplomatische Vertretung in Afghanistan zu behalten. In Washington wurde dazu aber noch keine Entscheidung getroffen, wie aus Regierungskreisen verlautete.

Medizinisches Material geht zur Neige

Derweil suchten in Kabul viele Menschen nach dem Anschlag verzweifelt ihre Angehörigen. In einem Krankenhaus der Hilfsorganisation Emergency operierten die Ärzte bis in die frühen Morgenstunden. Die Situation sei nach wie vor kritisch, berichteten sie auf Twitter.

Nach Einschätzung der Weltgesundheitsorganisation (WHO) droht Afghanistan zudem bald ein Engpass bei medizinischem Material. "Wir haben nur noch für wenige Tage Vorräte und prüfen alle Möglichkeiten, mehr Medikamente ins Land zu bringen", sagte Rick Brennan, der WHO-Notfalldirektor in der östlichen Mittelmeerregion am Freitag. Zudem verließen viele medizinische Fachkräfte das Land, Ärztinnen und Pflegerinnen trauten sich unter den neuen Herrschern nicht mehr zur Arbeit. Nach der Machtübernahme der Taliban rechnen die Vereinten Nationen allein bis Jahresende mit bis zu einer halben Million weiteren afghanischen Flüchtlingen.

Quelle: ntv.de, hul/AFP/dpa

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