Politik

"Ganz übel organisiert" Wähler müssen bis 20.30 Uhr Schlange stehen

In einem Berliner Wahllokal geben die letzten Bürger gegen 20.30 Uhr ihre Stimme ab. Bis dahin stehen Hunderte stundenlang in der Schlange, weil keine Stimmzettel mehr da sind. Nicht nur dort müssen Wahlhelfer für Nachschub sorgen.

Martin Kellner ist empört: "Das ist peinlich für Berlin! Für den Flughafen brauchen sie zehn Jahre und jetzt kriegen sie nicht mal eine astreine Bundestagswahl hin." Rund zweieinhalb Stunden stand er Schlange vor der Grundschule am Teutoburger Platz im Berliner Stadtteil Prenzlauer Berg. Dabei hat der 49-Jährige es noch vergleichsweise früh geschafft, seine Stimme abzugeben. Gegen 18.45 Uhr verlässt er den Schulhof - während rund 200 Wahlberechtigte noch darauf warten, ihre Kreuze zu machen. Bis etwa 20.30 Uhr müssen die Letzten in der Schlange ausharren. Der Grund: Gegen 17 Uhr gingen dem Wahllokal die Stimmzettel aus - rund eineinhalb Stunden ging nichts mehr, wie ein Wahlhelfer berichtet.

Wähler Kellner findet das "völlig absurd": Würde das in Russland passieren, "würden sie Wahlbetrug rufen". So etwas höre man aus der Dritten Welt oder aus Diktaturen. "Dort würde man fragen: Wo sind die Stimmzettel geblieben?" Eigentlich wollte der Berliner nach seiner eigenen Stimmabgabe in einem anderen Wahllokal als Wahlbeobachter die Stimmauszählung verfolgen. "Da komme ich jetzt nicht mehr hin."

Immerhin kommt frischer Nachschub: Eine Wahlhelferin kommt um kurz vor 19 Uhr verschwitzt mit dem Fahrrad an, auf dem Gepäckträger ein Karton. Wie viele neue Stimmzettel es sind, weiß sie nicht, "alles, was sie übrig haben" - sie eilt nach drinnen. Die rettenden Stimmzettel stammen aus anderen Wahllokalen, man hilft sich gegenseitig. Eine Wahlhelferin eines anderen Wahllokals fragt nach, ob man Stimmzettel tauschen könne; dort sind für einen Teil der vier Berliner Abstimmungen noch genug Zettel da, während die für die Bundestagswahl ausgegangen sind.

Betroffene wollen trotzdem wählen

Einer 46-Jährigen auf dem Schulhof am Teutoburger Platz steht der Ärger ins Gesicht geschrieben: "Das ist ganz übel organisiert, das habe ich noch nie erlebt." Um sich die Zeit bis zur ersehnten Stimmabgabe zu vertreiben, spielt sie mit ihrem Mann Tischtennis. Es steht unentschieden, wie zu diesem Zeitpunkt zwischen SPD und Union. Dass die Wahlprognosen bereits bekannt sind, ist ein Problem: Sie könnten Wähler bei ihrer Entscheidung beeinflussen; aus diesem Grund ist die Veröffentlichung von Wahlprognosen vor 18 Uhr verboten. In Berlin könnte nun eine Debatte über Verzerrungen der Wahlergebnisse bis hin zur Anfechtung der Abgeordnetenhauswahl folgen. Justizsenator Dirk Behrendt von den Grünen fordert, die Pannen in der Hauptstadt näher zu untersuchen. Auch Bundeswahlleiter Georg Thiel ist laut "Business Insider" alarmiert.

Wie die beiden Tischtennis-Spieler versuchen offenbar die meisten Betroffenen, das Beste aus der Warterei zu machen. Viele holen sich etwas zu trinken, zum Beispiel ein Glas Wein aus den Restaurants gegenüber. Die Stimmung ist für die Verhältnisse entspannt, Kinder spielen Fußball. Wer das Gelände verlässt, kann sich von dem Wahlhelfer am Eingang seine Unterlagen abzeichnen lassen, um beweisen zu können, dass er oder sie rechtzeitig vor 18 Uhr da war. Nur diejenigen dürfen noch ihre Kreuzchen machen.

Lediglich eine gute Handvoll Bürger lässt sich von der Panne vom Wählen abhalten, wie der Wahlhelfer berichtet. Fast alle kommen wieder. Vico zum Beispiel hat sich neben Bier kurzerhand einen Stuhl vom "Späti" seines Vertrauens mitgebracht. "Das ist eine ganz schön kuriose Nummer", findet der 29-Jährige. Aber: "Ich würde wegen dieser Lappalie nie meine Stimme über den Haufen werfen." Die Stimmung ist trotzdem gut. Sein Kumpel Max will beim nächsten Mal allerdings auf jeden Fall per Brief wählen.

Für einen der Wahlhelfer soll es ebenfalls kein nächstes Mal geben. Zum siebten Mal unterstützt er Wahlen, diesmal wird es "bestimmt bis Mitternacht" dauern. "Ich werde das nicht nochmal machen." Die Bürger seien aber sehr verständnisvoll, ihren Frust lassen die Betroffenen nicht an den Wahlhelfern aus. Gegen 19.15 Uhr stehen noch immer an die 100 Wahlberechtigte in der Schlange.

Ganze Pannen-Serie in der Hauptstadt

Schon den ganzen Tag über mussten Wähler vor der Schule lange warten, wie ein anderer Wahlhelfer erzählt. Denn für die Berliner ging es um gleich vier Entscheidungen, hinzu kamen die Corona-Hygienemaßnahmen. Neben der Bundestagswahl konnten die Bürger über das Berliner Abgeordnetenhaus und zwölf Bezirksparlamente abstimmen sowie, ob große Wohnungskonzerne enteignet werden sollen - noch nie gab es so viele Abstimmungen an einem Tag. Auch vor zahlreichen anderen Wahllokalen in der Hauptstadt standen nach der offiziellen Schließung um 18 Uhr noch Dutzende, teilweise Hunderte Menschen Schlange. Berlinweit könnten Tausende erst nach 18 Uhr ihre Stimme abgegeben haben. Zusätzlich verzögert wurde die Stimmabgabe vielerorts, weil zahlreiche Wahlhelfer abgesprungen waren.

Die Panne am Teutoburger Platz war nicht die einzige. Stimmzettel fehlten laut der Landeswahlleitung in mehreren Wahllokalen, das Ausmaß sei noch unklar. In einem Wahllokal bot ein Wahlhelfer laut dem "Tagesspiegel" Bürgern an, schneller an die Reihe zu kommen, wenn sie auf ihre Zweitstimme für die Wahl zum Abgeordnetenhaus verzichten. Offenbar fehlten dort nur diese Stimmzettel.

In einigen Wahllokalen wurden zudem Stimmzettel aus zwei Bezirken vertauscht. Auch diese mussten vorübergehend schließen. In zwei Wahllokalen in Mitte konnte die Wahl nur mithilfe der Feuerwehr starten - die elektronische Schließanlage ließ das Wahlteam nicht hinein.

Quelle: ntv.de, mit dpa

ntv.de Dienste
Software
Social Networks
Newsletter
Ich möchte gerne Nachrichten und redaktionelle Artikel von der n-tv Nachrichtenfernsehen GmbH per E-Mail erhalten.
Nicht mehr anzeigen