Politik

Lockerungen-Talk bei Anne Will Wenn die Tests fehlen und die Leute weinen

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Alle Gäste im Studio: Bei "Anne Will" kam es am Sonntagabend zu energischen Wortwechseln.

(Foto: © NDR/Wolfgang Borrs)

Mit den am Mittwoch getroffenen Bund-Länder-Beschlüssen sind viele nicht zufrieden. Den einen gehen die Lockerungsversprechen zu weit, die anderen wünschen sich endlich eine Perspektive für ihre Branche. Bei Anne Will treffen sie aufeinander.

Um 22.40 Uhr kann Angela Inselkammer ihre Verzweiflung nicht mehr verbergen. Sie blickt mit aufgerissenen Augen in die Runde, nimmt ihre Hände ans Gesicht und schüttelt den Kopf. Bis zum Sommer könne man unmöglich warten, "dann sind wir alle hin", sagt die bayerische DEHOGA-Präsidentin. Dieses Gefühl der Fassungslosigkeit hält des Öfteren Einzug, wenn Anne Will mit ihren Gästen über die Coronavirus-Pandemie spricht. An diesem Sonntagabend lautet der Titel der neuerlichen Auflage: "Lockern auf Probe - wohin führt der Strategiewechsel in der Pandemiepolitik?"

Eine Stunde lang diskutiert die Talk-Runde über die bei der jüngsten Ministerpräsidentenkonferenz beschlossenen Lockerungen. Für die Zuschauerinnen und Zuschauer bleibt die ernüchternde Erkenntnis zurück, dass das, was da an Öffnungen angekündigt wurde, wahrscheinlich gar nicht zeitnah eintreten wird. Bis es zu dem Moment kommt, an dem auch Inselkammer realisiert, dass ihre Branche nicht so bald durchatmen kann, muss sich erst einmal einer verteidigen, der die Beschlüsse mit zu verantworten hat.

Der Ministerpräsident von Sachsen-Anhalt, Rainer Haseloff, versucht gleich zu Beginn mit einer in die Kamera gehaltenen Grafik zu untermauern, dass Deutschland im Ländervergleich gar nicht so schlecht durch die Pandemie gekommen sei. An anderer Stelle bemüht er sich, die Beschlüsse als "wesentlich besser als Sie denken" anzupreisen und stellt klar, dass die neunstündigen Verhandlungen über Entlastungen in Pandemie-Zeiten nicht einfach waren: "Wissen Sie, wie hart das war, der Kanzlerin das abzuringen?"

Angela Merkel, die eigentlich erst bei einer Sieben-Tage-Inzidenz von 35 flächendeckende Öffnungen zulassen wollte, war davon bekanntlich am Mittwoch abgerückt. Die CDU-Politikerin begründete dies damit, dass mit dem systematischen Testen und Impfen zwei "Helfer" zur Verfügung stünden. Angesprochen auf einen dieser Aspekte gerät ihr Parteikollege Haseloff allerdings ins Schlingern. Moderatorin Will fragt, ob sich alle Bürger in Sachsen-Anhalt denn nun ab Montag - wie angekündigt - kostenlos einem Schnelltest unterziehen können.

"Das ist einfach schlechtes Regierungshandeln"

Die kurze Antwort: nein. Haseloff formuliert es so: Das System muss sich noch "einschleifen". Es gebe an bestimmten Stellen, in Testzentren etwa, durchaus die Möglichkeit. Da die Beschlüsse aber erst am Mittwoch getroffen und die dann nötige Verordnung erst am Sonntag beschlossen wurde, dauere es eben noch den März über und bis in den April hinein, bis alles funktioniere.

Die Quittung für diese Unsicherheiten bekommt Haseloff von dem "Spiegel"-Autoren Markus Feldenkirchen und dem SPD-Gesundheitsexperten Karl Lauterbach. Ersterer fasst es so zusammen: "Das ist einfach schlechtes Regierungshandeln." Für ihn gehen die Beschlüsse zu weit, da es noch immer an einer ausgereiften Teststrategie und dem nötigen Impffortschritt fehle. Lauterbach bemängelt ebenfalls das Fehlen der "Brückentechnologie". Durch systematische Schnelltests in Schulen, Betrieben und Testzentren könnten Infektionscluster (etwa eine Schulklasse) entdeckt und Ausbrüche unterbunden werden.

Vor dem Hintergrund der jetzigen Gegebenheiten in Kombination mit den wesentlich ansteckenderen neuen Corona-Varianten offenbart sich für den Epidemiologen ein Kommunikationsdesaster: Es gibt ein Signal der Lockerungen, aber zu diesen wird es in naher Zukunft gar nicht kommen. "Wir werden in den nächsten Wochen stetig steigende Fallzahlen wieder sehen und somit werden wir die Voraussetzungen für Lockerungen - stabile Fallzahlen oder sogar sinkende Fallzahlen - die werden wir gar nicht erfüllen." Und so ist einer der wenigen positiven Punkte dieser "unglücklichen" Beschlusslage für Lauterbach, dass es die sogenannte Notbremse bei einer Inzidenz von 100 gibt, "denn die werden wir brauchen".

Tests bedeuten nicht gleich Öffnung

Für einen kleinen Hoffnungsschimmer kann da nur Lisa Federle sorgen. Die Notärztin beschreibt anschaulich, wie sie es in Tübingen quasi in Eigenregie geschafft hat, dass rechtzeitig (ab Oktober) genügend Schnelltests vor Ort waren, um Menschen kostenlos zu testen und damit asymptomatische Covid-19-Erkrankungen bei rund 350 Personen zu entdecken.

Auf Basis von Spenden und durch den Einsatz freiwilliger Helfer ist es der Pandemie-Beauftragten und den Verantwortlichen vor Ort gelungen, die Inzidenz aktuell auf rund 30 Neuinfektionen pro 100.000 Einwohner binnen sieben Tagen zu drücken. "Mir fehlt der Pragmatismus in der ganzen Krise", sagt Federle und meint vor allem Defizite bei der Beschaffung von Schnelltests.

Doch selbst wenn genügend Tests vorhanden sind, heißt das noch lange nicht, dass geöffnet werden kann. "Also ich platze jetzt auch gleich", sagt Angela Inselkammer und versteht nicht, warum das Hotel- und Gastgewerbe als "systemrelevanter Wirtschaftsbereich" nicht stärker berücksichtigt werde. "Wir könnten das Kontaktbedürfnis von Menschen in geregelte Bahnen bringen und dann würde da auch ein Ventil entstehen, dass die Akzeptanz von anderen Maßnahmen erhöhen würde."

Das Telefon klingelt täglich

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Lauterbach grinst kurz und erklärt dann, dass derzeit nur ein Öffnen der Außengastronomie möglich sei. Statistisch gesehen sei bei sechs von zehn Fällen das Schnelltest-Ergebnis negativ, obwohl sich der Betreffende mit Sars-CoV-2 angesteckt hat. In Innenräumen, in denen die Aerosolübertragung ein Problem ist, nützt es daher auch nichts, dass Tische weit auseinander stehen und Inselkammer betont: "Wir haben doch Hygiene mit der Muttermilch aufgesogen."

Für die zwei Millionen Mitarbeiter und 200.000 Betriebe, die die bayerische DEHOGA-Präsidentin aufzählt, gibt es also erst einmal keine Perspektive. "Die Verzweiflung da draußen ist so groß", beklagt sie. "Ich habe keinen Tag, dass nicht Menschen bei mir anrufen und weinen, weil sie alles verlieren, was sie jemals aufgebaut haben." Ihr Telefon wird wohl auch in den kommenden Wochen weiter klingeln.

Quelle: ntv.de

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