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SPD-Co-Chef will nicht mehr Walter-Borjans geht befremdet, aber frei

Die überraschende Mitteilung des SPD-Vorsitzenden, nicht erneut zu kandidieren, passt zu Norbert Walter-Borjans: Er hatte stets beteuert, nichts mehr zu wollen, als die SPD aus der Krise zu führen. Nun kann er befreit gehen, auch weil ihm die Bundespolitik nicht nur Freude bereitet hat.

Was erlaubt sich Norbert Walter-Borjans? Mit seiner überraschenden Verzichtsankündigung widerlegt der SPD-Co-Vorsitzende das Diktum von Franz Müntefering, dem letzten allgemeinhin als großen Vorsitzenden anerkannten SPD-Chef. Müntefering hatte das Amt des obersten Sozialdemokraten als das schönste nach dem des Papstes bezeichnet. Und ein Papst schmeißt bekanntlich nicht freiwillig hin, es sei denn, er ist in sehr schlechter Verfassung. Auf die Sozialdemokraten gemünzt heißt das: Ein SPD-Vorsitzender verzichtet nicht, es sei denn, die Partei ist in sehr schlechter Verfassung. Und weil das in den letzten Jahren sehr oft der Fall war, waren Andrea Nahles, Martin Schulz und Sigmar Gabriel nicht wirklich freiwillig gegangen.

Norbert Walter-Borjans aber nimmt sich diese Freiheit. Nach zwei Jahren an der Parteispitze an der Seite von Saskia Esken will er auf dem Parteitag im Dezember nicht erneut für den Posten kandidieren. Man kann sagen, da geht einer auf dem Höhepunkt. Vielen Politikern, denen die Aufregung und die Aufmerksamkeit des Berufs zur Sucht wird, gelingt das nicht. Walter-Borjans aber hatte schon seit seiner überraschenden Wahl zum Co-Vorsitzenden beteuert, dass er darüber kein weiteres politisches Amt mehr brauche. Der frühere Finanzminister von Nordrhein-Westfalen hatte diesen späten Karrierehöhepunkt von Beginn an als genau das ausgemacht: als ein unerwartetes Glück, das wertzuschätzen bedeutet, nicht noch mehr zu wollen.

Das Beck-Schicksal wird vermieden

Viele erfolgreiche Landespolitiker, die spät in ihrer Karriere in den hyperventilierenden Moloch der Hauptstadtpolitik wechseln, werden von ihm gefressen. Der frühere rheinland-pfälzische Ministerpräsident und Kurzzeit-SPD-Vorsitzende Kurt Beck ist ein geradezu legendäres Beispiel für landespolitische Schwergewichte, die in Berlin für zu leicht befunden wurden, weil sie parteiinternen Ränkespielen und dem medialen Dauerdruck nicht standhielten. Walter-Borjans drohte das gleiche Schicksal: Er blieb oft blass hinter der - vor allem in den ersten gemeinsamen Monaten - lautstarken Parteilinken Esken und dem selbstbewussten Netzwerker Lars Klingbeil, der als Generalsekretär schon die Fäden im Willy-Brandt-Haus in der Hand hielt, als Walter-Borjans sich noch nicht einmal selbst hatte vorstellen können, SPD-Chef zu werden; geschweige denn, sich zum Retter seiner geliebten Partei aufzuschwingen.

Die routinierten Beobachter der Hauptstadtpolitik trauten ihm beides erst recht nicht zu: Auf der Suche nach pointierten Formulierungen verirrt sich der eher leise und freundliche Walter-Borjans gerne mal in Schachtelsätzen. Hinzukommen seine kleine Statur, das zurückhaltende Wesen und sein expliziter Verzicht auf weitere Karriereziele: All das passte dazu, den 69-Jährigen als zu schwach zu befinden für das beinharte Alltagsgeschäft der Alpha-Politiker. Walter-Borjans hat das von Beginn an irritiert. Vor allem seine innere Freiheit, im Bund kein Ministeramt mehr bekommen zu müssen, begriff er als Stärke und Ausweis seiner persönlichen Unabhängigkeit. Weil Walter-Borjans damit aber dem Standard des vom Ehrgeiz-getriebenen Politikers widersprach, wurde ihm das verschiedentlich als Schwäche ausgelegt.

Tatsächlich haben sich Walter-Borjans und Esken auf das konzentriert, was sie in ihrer Bewerbung um den Parteivorsitz versprochen hatten: auf die Partei. In unzähligen Konferenzen und Treffen, ob vor Ort oder online, knüpften die Vorsitzenden wieder neue Bande zwischen der Bundesparteispitze und der Basis. Dort nämlich herrschte reichlich Frust und Befremden über inhaltlichen Kurs, Wahlergebnisse und Machtspiele an der SPD-Spitze. Der enge Austausch zwischen Basis und Spitze sowie der inklusive Programmfindungsprozess bilden das Fundament eines zu Sommerbeginn noch nicht für möglich gehaltenen Wahlerfolgs der SPD.

Walter-Borjans hat es befremdet, dass von der Hauptstadt aus nicht wahrgenommen wurde, was in der Breite der Partei, in der Provinz passiert. Dass sein Wahlkampfeinsatz in der Fläche des Landes und der von Esken nicht nur von der Union als Versuch interpretiert wurden, zwei unpopuläre Vorsitzende zu verstecken, während ein zumindest anerkannter SPD-Kanzlerkandidat Olaf Scholz die großen Wahlkampfauftritte und wichtigen TV-Debatten meistens allein bestritt. Dass Walter-Borjans immer wieder beteuern musste, nicht spinnefeind mit Scholz zu sein, obwohl seit Monaten nicht ein Dissens öffentlich geworden war, fand er ermüdend.

Als Sieger abtreten

Walter-Borjans befand es irgendwann für nötig, seinen Anteil an der Wahlkampfstrategie, an der neuen Geschlossenheit der Partei und auch an der Festlegung auf Scholz als Kanzlerkandidaten selbst herauszustreichen. Von außen hatte ihm, der keine Alpha-Attitüde und kein Netzwerk in Berlin vorzuweisen hatte, das ja kaum wer zugeschrieben. Die Macher des Erfolgs hießen in der öffentlichen Wahrnehmung Scholz, Klingbeil und Kühnert sowie Esken und Walter-Borjans - in dieser Reihenfolge.

Walter-Borjans wird den Umgang mit seiner Person verschmerzen können. Er tritt ja tatsächlich als Sieger ab. Eine vor zwei Jahren dem Untergang entgegentaumelnde SPD ist plötzlich wieder stärkste Kraft im Land. Walter-Borjans kann einen gehörigen Anteil an diesem Erfolg für sich reklamieren. Mit seinem Verzicht auf Wiederwahl tut er der SPD einen letzten Gefallen und macht einen Spitzenposten frei. Schließlich fordern viele Sozialdemokraten mit Karriereplanung nach dem Wahlsieg ihr Stück vom Kuchen. Und weil in einer Dreier-Koalition nicht für alle Alphas ein Ministeramt abfällt, kann nun eine oder einer den freiwerdenden Co-Vorsitz übernehmen. Und Walter-Borjans geht als einer, der bewiesen hat, dass auch mittelschwere Landespolitiker im politischen Berlin tiefe Fußspuren hinterlassen können.

Quelle: ntv.de

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