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Der Weg durch den Winter Wir brauchen den Lockdown für Ungeimpfte

An einer Kneipe in Berlin Prenzlauer-Berg steht ein Hinweis auf 2G Regeln. Foto: Fabian Sommer/dpa

Die Stimmen, die sich für 2G-Regeln starkmachen, mehren sich auch in der Politik. Hinweis an einer Kneipe in Berlin Prenzlauer-Berg.

(Foto: Fabian Sommer/dpa)

Jetzt hilft nur noch eines: Ein striktes und strenges 2G plus. Also 2G plus Testpflicht. Plus energischer Booster-Kampagne.

50.000 Neuinfektionen am Tag, Warnungen vor noch einmal 100.000 Corona-Toten. Eigentlich schon lange, spätestens aber jetzt brauchen wir flächendeckend 2G. Bundesweit und überall. Also nicht nur in Restaurants, Fitnessstudios, Museen und im Kino, sondern vor allem im Büro, im Pflegeheim, im nicht versorgungsrelevanten Einzelhandel. Eigentlich auch in der Bahn, im öffentlichen Nahverkehr. Einfach überall.

Ja, das ist ein Lockdown für Ungeimpfte - kein harter, kein unfairer, sondern ein konsequenter und notwendiger.

Warum sollte man das machen? Erstens, um Leben zu retten, vor allem das der Alten und Schwachen, die sich gegen die Ignoranz der Impfverweigerer nicht wehren können. Zweitens, um das Volllaufen der Krankenhäuser zu stoppen, in denen schon jetzt wieder nicht dringend notwendige Operationen verschoben werden. Denn dafür haben im Gegensatz zum letzten Jahr die Geimpften - und das Krankenhauspersonal - kein Verständnis mehr.

Lasst die Teenager wieder knutschen

Man sollte den Lockdown der Ungeimpften aber auch deshalb unverzüglich in Gesetzestexte gießen, um achtjährigen Grundschulkindern den Schulbesuch ohne Maske und Teenagern wilde Knutschereien hinter der Turnhalle zu ermöglichen, den Studentinnen und Studenten nach drei Semestern Fernuni Teilhabe zu garantieren, die Konjunktur nicht abzuwürgen und den vielen Selbstständigen, Freischaffenden, Gastwirten, Künstlern ihr Recht auf freie Berufsausübung zu sichern. Die Politik muss die Vulnerablen schützen und den 56 Millionen Geimpften ein halbwegs normales wirtschaftliches, kulturelles und soziales Leben möglich machen. Sie muss endlich das tun, was man von ihr erwartet. Sich ernsthaft kümmern und entschlossen handeln.

Aber stecken sich nicht auch die Geimpften an? Ja, stimmt, tun sie. Aber eben deutlich seltener als Ungeimpfte. Können nicht auch Geimpfte das Virus weitergeben? Ja, können sie. Aber sie sind deutlich weniger infektiös als Ungeimpfte. Liegen nicht auch Geimpfte im Krankenhaus und auf den Intensivstationen? Ja, tun sie. Aber im Verhältnis zur Zahl der Geimpften ist ihr Anteil gering und sind ihre Krankheitsverläufe weniger schwer. Alles zusammengenommen bedeutet das: Das Infektionsgeschehen unter den Geimpften hätten wir im Griff.

Und das ist der Punkt. Die Gefahr, die von Ungeimpften ausgeht, haben wir nicht im Griff. Die Ungeimpften setzen nicht nur ihre eigene Gesundheit aufs Spiel, sondern die aller. Und schränken damit letztlich die Bürgerrechte eines jeden Einzelnen ein. Leider hat sich die künftige Ampel-Koalition hier völlig verrannt. Insbesondere die FDP ist in eine argumentative Sackgasse geraten. Sie ruft "Freiheit, Eigenverantwortung und Individuum", lehnt eine Impfpflicht für Pflegeberufe ab und verhindert eine bundesweite 2G-Regelung. Ganz zaghaft nur, so scheint es, dämmert es den Liberalen, dass die Freiheit der Bürgerinnen und Bürger, die individuelle Lebensgestaltung, das Wahrnehmen von Verantwortung und die Entfaltung der Gemeinschaft nicht von Corona-Regeln, sondern von der Regellosigkeit infrage gestellt wird.

Impfpflicht?

Bei einer allgemeinen Corona-Impfpflicht für alle - einzelne Berufsgruppen sollten zwingend darüber nachdenken - kann man da vielleicht noch mitgehen. Schon ganz praktisch ist es schwer vorstellbar, wie diese umgesetzt werden sollte. Wird ein bei einer Kontrolle enttarnter Impfgegner dann links und rechts von zwei Polizeibeamten in Uniform festgehalten, während eine begleitende Ärztin im weißen Kittel die Spritze setzt? Wohl kaum.

Aber was spricht gegen ein strenges 2G plus? "Die Freiheit des Menschen liegt nicht darin, dass er tun kann, was er will, sondern, dass er nicht tun muss, was er nicht will", schrieb Jean-Jacques Rousseau im 18. Jahrhundert. Diesem klugen Gedanken sollten wir folgen. Wer sich nicht impfen lassen will, der kann es bleiben lassen. Es ist zwar aus Sicht der Mehrheit der Bürgerinnen und Bürger wahlweise unverständlich, unverantwortlich, ärgerlich oder egoistisch. Oder alles zusammen. Aber es ist eben auch das Recht eines jeden. Er muss nicht tun, was er nicht will. Trotz "schlimmster Krise seit dem Zweiten Weltkrieg" ist die Impfung ja leider nur ein Angebot. Und daher sind konsequente 2G-Regeln auch keine Impfpflicht durch die Hintertür. Wer sich nicht impfen lassen möchte, wird nicht dazu gezwungen, muss nur die Konsequenzen tragen.

"Wir können die Doofen nicht sterben lassen"

Dazu gehört: Wer die Impfung verweigert, kann nicht mehr alles tun, was er will. Schon allein deshalb, weil die Gemeinschaft ja auch für diese Menschen eine Verantwortung trägt. "Man kann nicht einfach erklären: Die, die sich verweigern, die zu doof zum Impfen sind, die lassen wir sterben", sagt Alexander Kekulé. Da hat er recht. Also müssen wir diese Menschen vor sich selber schützen. Und die Gemeinschaft – Stichwort fehlende Intensivbetten - vor ihnen.

Die Zeit der ermüdenden Diskussionen mit Impfverweigerern, Schwurblern, diffus Ängstlichen oder mutmaßlich netten jungen Herren wie Joshua Kimmich ist vorbei. Die müssen jetzt einfach bis zum Frühsommer zu Hause bleiben. Das gilt übrigens auch für die - Entschuldigung - verstrahlten Pflegerinnen und Pfleger. Wahrscheinlich finden das auch Tante Mathilda und Opa Joseph in ihrer Einrichtung besser, als von infizierten Impfgegnern tot gepflegt zu werden. Und wer jetzt empört "Zwei-Klassen-Gesellschaft" ruft, dem sei erwidert: Hör auf zu jammern, lass dich impfen oder übe dich in Demut. Es geht um Menschenleben, Solidarität und Respekt und nicht um Befindlichkeiten.

Wir kümmern uns jetzt einfach um die, die Schutz brauchen und die bei der Pandemie-Bekämpfung mitmachen. Das bedeutet:

  • Rasantes Hochfahren der Booster-Impfungen
  • Weg mit der starren Sechs-Monats-Regelung - Auffrischungs-Spritzen für alle, die wollen
  • Wiedereröffnung der Impfzentren
  • Reaktivierung der Testzentren und kostenlose Schnelltests - allerdings nur kostenlos für alle Geimpften

2G plus, geimpft und getestet, ermöglicht Fußball im Stadion, Theater, private Weihnachtsfeiern, Reisen. Es müssen ja nicht gleich dreitägige Großhochzeiten in Innenräumen oder feucht-fröhliche Karnevalssitzungen sein.

Und wer soll das alles kontrollieren? Regeln nützen doch nichts ohne Überwachung? Ganz einfach. Sporadische Kontrollen reichen - bei drastischen Strafen. 500 bis 5000 Euro je Verstoß, oder, wie es Karl Lauterbach vorschlägt, "sechs Wochen Schließung", wenn sich ein Gastwirt nicht an 2G hält, fertig.

Das ist der Weg durch den Winter und raus aus der Pandemie. Ist ziemlich einfach eigentlich.

Quelle: ntv.de

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