Sport

Elf Partien in nur 28 Tagen Alba Berlin spielt "etwas zu viel" Basketball

imago45271247h.jpg

Peyton Siva fehlte nur etwas mehr als zwei Wochen, verpasste aber sechs Spiele.

(Foto: imago images/Camera 4)

Der November ist ein brutaler Monat für die Basketballer von Alba Berlin. Nicht nur die doppelte Belastung von Euroleague und Bundesliga wird dabei zum Problem. Trainer Aito spricht trotz positiver Bilanz von einer "schwierigen Situation".

"Das Problem ist, dass das vielleicht etwas zu viel für uns ist." Mit diesem "uns" meint Alejandro Garcia Reneses sich selbst als Cheftrainer von Alba Berlin, vor allem aber seine Basketballer. Der 72-Jährige, den alle nur Aito nennen, ist kein Mann der lauten Worte. Stattdessen wiederholte er sie in den vergangenen Tagen. Immer wieder sprach Aito von der "schwierigen Situation", in der sich seine Mannschaft gerade befinde, um seinen Worten Nachdruck zu verleihen.

imago45026670h.jpg

Alba-Coach Alejandro Garcia Reneses vertraut seinen Spielern.

(Foto: imago images/Mario Stiehl)

Dabei hatte der Spanier, der in seiner dritten Saison an der Alba-Seitenlinie steht, trotz eben dieser schwierigen Situation am Donnerstagabend eigentlich Grund zur Freude. Berlin hatte soeben das Euroleague-Heimspiel gegen Zalgiris Kaunas mit 69:62 gewonnen, es war am elften Spieltag des stärksten europäischen Wettbewerbs der vierte Sieg. Doch vor allem war dieses Spiel gegen die Gäste aus Litauen der Abschluss eines brutalen Monats. Der "vielleicht etwas zu viel" war. Als die finale Sirene in der Arena im Osten der Hauptstadt ertönte, mischte sich in den Jubel auch eine spürbare Erleichterung.

"Im November haben wir nur dreimal trainiert", konstatierte Aito nach Spielende. Viel zu wenig für eine professionelle Sportmannschaft. Doch für mehr Einheiten blieb schlicht keine Zeit. Elf Spiele absolvierten die Berliner in diesem Monat, fünf in der Bundesliga, sechs in der Euroleague. Die Partie gegen Kaunas war Albas siebte Partie allein zwischen dem 14. und dem 28. November. Angesichts dieses enormen Programms hielt Aito fest: "Das war ein großartiger Erfolg in einer schwierigen Situation."

Berlin spielt in zwei Ligen gleichzeitig

Alba Berlins Spielplan

1. November: 71:85 bei Real Madrid
3. November: 109:98 gegen Ulm
7. November: 78:104 bei Maccabi Tel Aviv
10. November: 80:84 beim FC Bayern München
14. November: 106:105 nach zweifacher Verlängerung bei Panathinaikos Athen
17. November: 77:81 bei den MHP Riesen Ludwigsburg
19. November: 93:80 gegen Roter Stern Belgrad
21. November: 80:99 gegen Olympiakos Piräus
23. November: 90:77 gegen EWE Baskets Oldenburg
26. November: 90:87 bei den Telekom Baskets Bonn
28. November: 69:62 gegen Zalgiris Kaunas

Nächstes Spiel: 6. Dezember bei Fenerbahce Istanbul

Mit dieser "schwierigen Situation" meint der 72-Jährige, in dessen Trainer-Vita unter anderem neun spanische Meisterschaften und fünf Europapokal-Titel stehen, nicht nur den eng getakteten Spielplan. Wobei allein die bloße Zahl von mindestens 68 Saisonspielen schon erahnen lässt, wie kräftezehrend die Doppelbelastung aus Bundesliga und Euroleague ist - vor allem, seit Europas Basketball-Königsklasse ihre acht Playoffteilnehmer nicht mehr über einen Mix aus Gruppenphase und K.-o.-Runde ermittelt. Sondern alle 18 Teams in Hin- und Rückspiel einen zusätzlichen Ligabetrieb zu absolvieren haben. Zusätzlich zum nationalen Wettbewerb mit seinen ebenfalls 34 Spielen in der regulären Saison.

Doch es ist nicht allein die Vielzahl der Partien, die in Aitos Worten "vielleicht etwas zu viel für uns ist". Alle zwei, drei Tage zu spielen, macht jede Verletzung doppelt schmerzhaft. Der etatmäßige Spielmacher Peyton Siva fiel zeitweise mit muskulären Problemen aus, bei Scharfschütze Marcus Eriksson zwickte zwischendurch ebenfalls der Oberschenkel. Ersatz-Aufbau Stefan Peno ist nach seiner schweren Kniescheiben-Verletzung aus dem Februar noch weit von einer Rückkehr aufs Feld entfernt. Der NBA-erfahrene Center Tyler Cavanaugh fehlt mit einem Bänderriss bis ins neue Jahr, Flügelspieler Tim Schneider kuriert eine Lungenentzündung aus. Nationalspieler Johannes Thiemann verlor beim 93:80-Sieg gegen Roter Stern Belgrad erst einen Teil eines Schneidezahns und musste dann mit einer Gehirnerschütterung ins Krankenhaus eingeliefert werden.

"Wir müssen uns bewusst sein, dass wir nicht unsere gewohnten Rotationen nutzen können", sagte Aito deshalb. Statt die Minuten und damit auch die Belastung über den gesamten Kader verteilen zu können, stellt sich die Mannschaft bisweilen fast von selbst auf. Die üblichen Wechselmuster, die der 72-Jährige sonst während der 40 Minuten auch dafür nutzt, um Verschnaufpausen zu ermöglichen, sind durch die Ausfälle hinfällig. "Es ist mental sehr schwierig, nicht darüber nachzudenken." Auch deshalb sind die Ergebnisse derzeit zweitranging für den Alba-Cheftrainer: "Ich mache mir keine Sorgen darüber, ob wir gewinnen oder verlieren. Wichtiger ist es, dass wir eine gute Einstellung zeigen."

Immer wieder heißt es: "Next man up"

*Datenschutz

Das, also eine gute Einstellung und Einsatz zu zeigen, honorieren auch die Fans, die ihre Mannschaft in der heimischen Arena lautstark unterstützen. Besonders die jungen Spieler, die angesichts der Verletzungsmisere mehr Spielzeit und mehr Verantwortung bekommen. Etwa der 19 Jahre alte gebürtiger Berliner Jonas Mattisseck, der sich in der Vorsaison erst als Rotationsspieler etablierte und mittlerweile nicht nur aufgrund der Personalnot immer öfter in der entscheidenden Phase auf dem Feld steht. Oder der nur neun Monate ältere Kresimir Nikic, der eigentlich vorranig in der dritten Liga zum Einsatz kommt, doch nach den Ausfällen von Thiemann und Cavanaugh als Backup von Starter Landry Nnoko fungiert.

"Next man up" heißt es gerne im Basketball, wenn sich wichtige Spieler verletzen. Eine wörtliche Übersetzung fällt schwer, eine bildliche ist leichter: Nämlich, dass dann schlicht der nächste Akteur auf der Ersatzbank gefordert ist, aufzustehen und sein Bestes zu geben. Das gelingt Alba derzeit, denn Aito vertraut seinen Spielern trotz der "schwierigen Situation". Dass sie versuchen, aus dieser Herausforderung das Beste zu machen. Dass dabei nicht alles funktionieren kann, weiß wohl kaum jemand besser als der 72-Jährige, der seit mehr als 50 Jahren im professionellen Basketball aktiv ist. Erst als Spieler, dann als Trainer.

Die sportliche Bilanz im November ist dabei "angesichts der Umstände", wie Aito es formuliert, durchaus positiv: In der Euroleague, in der Berlin zu den Außenseitern zählt, gab es drei Siege in sechs Spielen, darunter zum Auftakt der sieben-Spiele-in-15-Tagen-Serie ein verrücktes 106:105 nach doppelter Verlängerung bei Panathinaikos Athen. Mit vier Siegen haben die Hauptstädter ebenso viele Erfolge wie Meister FC Bayern München. In der Bundesliga gewann Alba drei von fünf Partien und gehört weiter zur Spitzengruppe. Trotzdem freuen sich die Berliner ziemlich sicher darüber, am ersten Adventswochenende einfach mal frei zu haben. Zwischen dem Spiel gegen Kaunas und der nächsten Partie bei Fenerbahce in Istanbul liegen sogar ganze acht Tage, so viele wie noch nie seit Saisonbeginn. Hoffentlich ist das nicht etwas zu viel Pause.

Quelle: n-tv.de

Mehr zum Thema