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Sportvideos für die Quarantäne Als Boris Becker den "Krieg" gewann

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Boris Becker darf sich nach zehn langen Sätzen am Ende eines historischen Wochenendes feiern lassen.

(Foto: imago sportfotodienst)

Der Live-Sport steht still, die Coronavirus-Krise stoppt die Ligen, Wettkämpfe sind abgesagt. Auf Sport aus dem TV muss trotzdem niemand verzichten, schließlich gibt es Aufzeichnungen von historischen Ereignissen. Heute: Boris Becker kämpft gegen John McEnroe und Zehntausende US-Amerikaner. Der Deutsche spricht von "Krieg".

"The day is over!" Am Ende des größten und längsten Tages in der deutschen Davis-Cup-Geschichte steht ein eher profaner Rückhand-Volley, den Boris Becker morgens gegen halb sechs Uhr deutscher Zeit unerreichbar für seinen Gegner John McEnroe in die gewaltige Arena von Hartford platziert. "Der Tag ist rum", entfährt es den Kommentatoren schlicht, die eines der ganz großen Dramen des Tennis erklären mussten. Es war der 24. Juli 1987, Deutschland war im Abstiegsspiel aus der Davis-Cup-Weltgruppe nach zehn Sätzen mit 2:0-Siegen in Führung gegangen. Auch, weil der als Punktelieferant eingeschätzte Eric Jelen im ersten Match des Tages völlig überraschend den Weltranglisten-14. Tim Mayotte in fünf Sätzen niedergerungen hatte.

Dabei hatte sich Team USA keine großen Sorgen gemacht: Becker steckte nach zwei Wimbledon-Siegen 1985 und 1986 in der ersten Krise seiner jungen Karriere, kurz zuvor war er bei seinem Lieblingsturnier schon in der zweiten Runde gegen den australischen Nobody Peter Doohan ausgeschieden. "Ich habe keine Lust, dass Amerika in einer bedeutungslosen Liga spielen muss", erklärte McEnroe nach der Auslosung, warum er extra für diese Begegnung ins Davis-Cup-Team zurückgekehrt war. "Ich glaube, das Schlimmste, was uns passieren kann, ist ein knapper 3:2-Sieg."

McEnroe schimpft und zetert

Und dann hatte der 19-jährige Becker nach knapp sieben Stunden den großen John McEnroe niedergekämpft, entnervt, ausgespielt, besiegt. 4:6, 15:13, 8:10, 6:2, 6:2 heißt es am Ende, alleine die ersten drei Sätze dauern mehr als fünf Stunden. Alleine in diesen 56 Aufschlagspielen steckt schon mehr Zirkus, Drama und Klasse als in einer ganzen Davis-Cup-Finalrunde in diesen Tagen.

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McEnroe beschimpft seinen jungen Gegner, legt sich mit dem französischen Stuhlschiedsrichter Claude Richard und den Linienrichtern an. 16.000 Menschen im gewaltigen Civic Center verbünden sich mit ihrem wütenden Topspieler gegen den Abstieg und den jungen Deutschen, beide Spieler liefern sich immer wieder Wortgefechte über das Netz hinweg. Es entwickelt sich ein Kampf, der zur Schlacht wird. Becker spricht nach dem Match von "Krieg".

Becker setzt seinerseits immer wieder kleine Nadelstiche, in der Endphase des zweiten Satzes tigert er bei McEnroes Aufschlägen immer wieder die Grundlinie entlang und gewinnt den Marathonsatz schließlich, obwohl McEnroe fünf Satzbälle zur wohl vorentscheidenden 2:0-Satzführung hat. 15:13. Doch die Wut bringt den "Bad Boy" zurück, McEnroe holt sich Satz drei - 10:8.

Doch nach einer Pause reißt irgendein Faden bei McEnroe und Becker nimmt ihn auf. Anstatt aus der hart erkämpften Führung irgendetwas zu machen, geht McEnroe einfach ein. Und zwar, wie es eben sein Stil war, mit Getöse. McEnroe schimpft, zetert und wütet derart selbst destruktiv, dass Becker irgendwann halb-amüsiert, halb-genervt in eine Tirade reinruft: "Was ist denn nun schon wieder los?" Im vierten Satz ist das Momentum schnell wieder auf Beckers Seite, auch wenn sich die amerikanischen Tennisfans, immer wieder angestachelt von McEnroes Teamkollegen die Seele aus dem Leib brüllen. Der fast zehn Jahre ältere McEnroe bekommt physische Probleme, verzweifelt an sich, der Deutsche dagegen wächst mit dem Geräuschpegel im Hexenkessel Civic Center immer mehr.

"Er tut mir als Mensch leid"

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In Hartford geht es in Richtung Mitternacht, in Deutschland sitzen die ersten Menschen schon beim Frühstück, als Becker nach 6 Stunden und 39 Minuten einen profanen Rückhand-Volley ins Feld spielt. Die Schlacht ist zu Ende. "Ganz gleich, was auf dem Platz passiert ist, es hat Spaß gemacht, gegen dich zu spielen", sagt Becker am Netz zu McEnroe versöhnlich. "Ich hatte nicht mehr viel übrig. Ich habe alles gegeben, was ich konnte. Es war schön, Teil eines großen Matches gewesen zu sein. Ich wünschte nur, das Ergebnis wäre anders", sagt ein niedergeschlagener McEnroe auf der Pressekonferenz, Becker spricht "vom größten Match, das ich je gespielt habe" - und gibt seinem Gegner noch eine mit: "Ich bewundere ihn als Tennisspieler, aber er tut mir als Mensch leid. Er wird genau wissen, warum".

Am Ende eines historischen Wochenendes steht ein 3:2-Sieg der deutschen Mannschaft, den standesgemäß Becker sicherstellt, natürlich mit einem angemessen engen Fünfsatz-Sieg gegen Mayotte, "im schwersten Match meines Lebens", inklusive Zwei-Satz-Führung und Breakbällen gegen sich im entscheidenden fünften Durchgang. So was gibt es heute nicht mehr. Dass das 6:2, 6:3, 5:7, 4:6 und 6:2 den Klassenerhalt für die deutsche Mannschaft bedeutet, ist allen klar. Dass in den Tagen von Hartford der Grundstein für zwei deutsche Davis-Cup-Titel in den folgenden Jahren gelegt wird, kann niemand ahnen.

Quelle: ntv.de