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Andre Agassi wird 50 Becker schenkte ihm ein neues Leben

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Andre Agassi ist längst glücklich. Das liegt auch an seiner Ehefrau.

(Foto: imago sportfotodienst)

Andre Agassi ist einer der erfolgreichsten Tennisspieler aller Zeiten. Seine mächtigsten Gegner: Pete Sampras, Boris Becker, sein Vater und er selbst. Agassi hasst seinen Sport, die Liebe lässt ihn später doch noch ankommen. Heute wird er 50 Jahre alt.

Ganz am Ende, als alles vorbei ist, muss Andre Agassi ganz kurz lächeln. Verlegen, erleichtert. Das letzte seiner 1144 Matches auf der Tour der Tennisprofis hat wehgetan, Agassi plagen im September 2006 schon seit Monaten Rückenschmerzen. Die US Open sind sein letztes Turnier, das hatte Agassi, der heute seinen 50. Geburtstag feiert, schon vorher erklärt. Eine Niederlage noch, dann ist unwiderruflich Schluss nach 20 Jahren im Profi-Zirkus, acht Grand-Slam-Titeln, einer olympischen Goldmedaille, 60 Turniersiegen und 101 Wochen an der Spitze der Weltrangliste. 21 Mal in Serie war er bei den US Open angetreten, gegen alle Widerstände.

In der ersten Runde besteht Agassi eine Nervenschlacht gegen den Rumänen Andrej Pavel, drei Durchgänge enden im Tiebreak, bevor er mit einem 6:2 den Viersatzsieg sichert. Für die Partie muss er schon fitgespritzt werden, in diesen Tagen schläft Agassi oft auf dem harten Boden. Seine Rückenschmerzen sind zu stark für ein weiches Bett. Gegen den Zyprioten Marcos Baghdatis verspielt Agassi in der zweiten Runde beinahe eine 2:0-Satzführung.

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Das letzte Shakehands nach einer langen Karriere: Benjamin Becker beendete die Laufbahn von Andre Agassi.

Das Match erzählt die Geschichte seines Lebens. Führung erkämpft, sich selbst zurück an den Abgrund manövriert, um sich doch noch vor dem Absturz zu retten. Agassi gewinnt in fünf Sätzen. Es ist der letzte seiner 877 Siege. Agassi selbst will für sein letztes Spiel jemanden, "den ich respektiere oder mag - oder jemanden, den ich nicht kenne" - er bekommt: Becker. Benjamin, nicht den langjährigen Erzrivalen Boris Der deutsche Jungprofi hat sich durch die Qualifikation gekämpft und schlägt einen für alle auf dem vollbesetzten Center Court sichtbar leidenden Agassi. Nach vier Sätzen ist es vorbei, eine der schillerndsten Sportkarrieren unserer Zeit ist vorüber. Agassi sitzt auf seinem Stuhl und weint mehrere Minuten bitterlich, während Becker sich beim Siegerprotokoll sichtlich unwohl fühlt. Beide wissen um die historische Dimension des Augenblicks.

Punk, der in den Sport einbricht

Schon in den frühen Neunzigern ist Agassi eine Ikone: Im abgerissenen Outfit mit zerschlissenen Jeans und grellen Radlerhosen prügelt er sich mit seiner damals in der Welt von Stefan Edberg, Henri Leconte und Boris Becker noch eher unüblichen beidhändigen Rückhand, gnadenlosen Returns und Passierschlägen über die Courts der Welt, seine wehende Mähne mit bunten Kopftüchern gebändigt. Agassi ist der Tennis-Pirat, ein Punk, der in den weißen Sport einbricht. 1987 gewinnt er mit 17 Jahren seinen ersten Profi-Titel, die Saison 1988 schließt er auf Platz drei der Weltrangliste ab.

In Wimbledon tritt er nach seiner Erstrundenniederlage bei seinem Debüt 1987 drei Jahre nicht an, weil sich die strengen Herren des All England Lawn Tennis Clubs am Outfit des Paradiesvogels stoßen. Eigentlich wollte er nie zurückkommen, denn "was geht es diese Leute an, was für Klamotten ich trage", beschreibt Agassi in seiner Autobiografie "Open" seine einstige Einstellung zum bedeutendsten und traditionsreichsten der großen Turniere. Er würde eher seinen Vater umarmen, als noch einmal nach Wimbledon zurückzukehren.

Der Vater, Emmanuel Agassi, ein ehemaliger iranischer Olympiateilnehmer im Boxen, prügelt den Sohn ins Profileben. "Um mich zu begreifen, muss man sich den Druck vorstellen können, unter dem ich schon als kleiner Junge stand", sagte Agassi vor Jahren in der "Süddeutschen Zeitung". "Bei uns zu Hause war die Stimmung davon abhängig, ob ich gut oder schlecht trainierte, ob ich gewann oder verlor." Sein Vater war aus Teheran in die USA ausgewandert, Andre Agassi sollte den amerikanischen Traum erfüllen. "Ich wollte nicht spielen und musste. Es war das falsche Leben, es war nicht meins", sagt Agassi 2009.

Später kehrt er doch nach Wimbledon zurück - gewinnt 1992 dort seinen ersten von acht Grand-Slam-Titeln. Den Vater beeindruckt das nicht: "Nach drei Finalniederlagen in Grand-Slam-Turnieren hatte ich gegen Ivanisevic in Wimbledon endlich gewonnen", erinnert sich Agassi später. "Ich rief daheim an und Dad sagte: "Wie konntest du den vierten Satz verlieren?" Das Turnier bestreitet er beinahe provokant weiß gekleidet - ansonsten behält er seinen Stil bei. "Wir mussten extra einen Brief nach Wimbledon schicken und um Erlaubnis fragen, dass Andre seine Radlerhosen und ein Shirt tragen durfte, das nicht in der Hose steckt", sagt die Sprecherin seines Ausrüsters nach dem Auftaktmatch.

"Ich wollte in dem Moment zum Boxen wechseln"

Einer seiner ärgsten Rivalen ist Boris Becker, in den vielen Duellen der beiden geht es oft hoch her. "Du hast hoch gegen mich geführt, das war fast schon peinlich für mich", erinnert sich Becker an ein Duell in Wimbledon 1995. "Also habe ich Brooke Shields, deiner damaligen Frau, die im Publikum saß, einen Luftkuss zugeworfen. Das war eine spontane Aktion, hat dich jedoch so aus der Fassung gebracht, dass ich die Partie noch drehen konnte." Agassi bestätigt später den Luftkuss-Ärger, erinnert sich aber ganz anders: Zu dem Vorfall sei es im Halbfinale der US Open gekommen, ein paar Monate nach Wimbledon. Beide Spieler pflegen lange eine Rivalität, die in diesen Tagen kulminiert.

"Vom ersten Moment an läuft es wie erwartet. Wir ziehen höhnische Grimassen und fluchen in zwei Sprachen", schreibt Agassi. Der Amerikaner gewinnt den ersten Satz im Tiebreak und Becker, so Agassi, sucht seinen mentalen Schwachpunkt, "... also tut er etwas, womit er glaubt, mich wieder aus der Fassung zu bringen, das Entwürdigendste, was ein Tennisspieler einem anderen antun kann: Er wirft Luftküsse zu meiner Tribünen-Box hinauf. Zu Brooke." Agassi aber gewinnt die Fassung schnell zurück - und siegt in einem Viersatz-Drama.

"Ich wollte in dem Moment am liebsten zum Boxen wechseln. Ich hätte ihm eine reinhauen können. Ich habe ihn dafür gehasst", sagt Agassi der "Welt". Was er nach dem Match noch nicht weiß: Es ist der große Sieg, der eine große Krise auslöst. Im Finale unterliegt Agassi seiner Nemesis: Pete Sampras. "Wenn du nicht der Letzte bist, der gewinnt, bist du ein Verlierer. Und am Ende verliere ich immer, denn da ist immer Pete. Wie immer Pete", schreibt Agassi in seiner Biografie "Open", die 2009 erscheint.

Die Niederlage nimmt Agassi mehr mit als die meisten vorher, sie stößt ihn in eine neue Lebenskrise und er zweifelt - obwohl er sich bei den Australian Open 1996 auf Platz eins der Weltrangliste vorarbeitet. Doch vor dem Halbfinale gegen seinen Landsmann Michael Chang "droht" im Endspiel schon wieder Becker - und Agassi verliert lieber. "Ich weiß, dass ich gewinnen kann, aber ich weiß auch, dass ich verlieren werde. (...) Das Letzte, was ich im Moment gebrauchen kann, ist ein weiterer heiliger Krieg gegen Becker. (...) Vor die Wahl gestellt zwischen Becker und Chang, verliere ich lieber gegen Chang."

Agassi fühlt sich "erschaffen, um nie zufrieden zu sein"

Was Agassi, einer der erfolgreichsten Vertreter seines Sports aller Zeiten, damals für Kämpfe mit sich austrägt, lässt er nach seinem Karriereende erahnen: "Ich habe Tennis bis heute nicht vermisst, auch den Wettkampf nicht. Ich mochte ihn nie", sagt er 2009 im Interview mit dem "Spiegel". "Ich konnte nie ertragen, dass ich nicht perfekt sein konnte, ich hielt nicht aus, wie sehr Niederlagen wehtaten. Es gab da keine Balance: Kein Sieg fühlte sich so gut an, wie eine Niederlage schmerzte. Alles fühlte sich eher so an, als sei ich erschaffen worden, um nie zufrieden zu sein." Und der "Welt" sagt er: "Ich entlud meine Wut, indem ich nach einem Spiel in meinem Hotelzimmer meine Sachen anzündete. Tennis ist ein so verdammt einsamer Sport. Es gibt kaum jemanden, den das Spiel nicht verrückt gemacht hat - jedenfalls zu meiner Zeit."

Während noch wenige Jahre vorher unzählige Tennistalente und Nachwuchsrüpel auf den heimischen Courts "Agassi sein" wollen, will das Original 1996 alles sein, nur nicht der Tennisspieler Andre Agassi. Eine Handgelenksverletzung plagt ihn lange, wochen-, monatelang verliert er in Serie, egal, wer kommt. Agassi beginnt, Tennis zu hassen, er verliert sich an die Aufputschdroge Crystal Meth und stürzt in der Weltrangliste ins Bodenlose.

1997 heiratet er Shields, 1999 wird die Ehe wieder geschieden. Nach einem Eifersuchtsanfall habe er alles verwüstet und seine Tennistrophäen zerschmettert, darunter auch Pokale von Wimbledon und den US Open. "Andre hat mir plötzlich verraten, dass er die erste Hälfte unserer Beziehung von Crystal Meth abhängig gewesen sei", erinnert sich Shields in ihrer Autobiografie an die Beziehung. Nur ein schamloser Brief an die Herren-Tour ATP und eine Lüge habe danach eine Dopingsperre verhindert, beichtete Agassi in seiner Autobiografie "Open".

Agassi kämpft sich aus der Sinnkrise, kommt über eine Knochentour durch die zweitklassige "Challenger"-Serie stärker, fitter und entschlossener zurück - und wird ab 1998 erfolgreicher, als je zuvor. "Ich bin nach 1997 in der Weltrangliste abgestürzt und habe danach eine zweite Chance bekommen. Ich war so dankbar. Von da an wollte ich zurückgeben: als Ehemann, als Vater, aber auch als Sportler", diktiert er der "Welt". Er gewinnt die French Open und komplettiert damit als erst zweiter Spieler nach Rod Laver den Karriere-Grand-Slam: Er hat nun alle vier Grand-Slam-Turniere jeweils einmal gewonnen, dazu ist er Olympiasieger und ATP-Weltmeister.

"Mir war es ein bisschen peinlich, dass er gegen mich verloren hat. Ich habe mich damit nicht so richtig abfinden können, dass es gegen mich war und nicht gegen einen Andy Roddick oder gegen einen Größeren", erinnert sich Benjamin Becker an das bedeutendste Spiel seiner Laufbahn zurück. Andy Roddick war mal ein formidabler Tennisspieler, der US-Amerikaner gewann 32 ATP-Turniere und führte sogar für ein paar Wochen die Weltrangliste an, als jüngster US-Profi überhaupt. Der US-Boy wäre Agassis nächster Gegner bei den US Open 2006 gewesen. Und fürchtete das Duell so, wie sich Agassi zehn Jahre vorher vor der Konfrontation mit dem anderen Becker gefürchtet hatte. "Ich wollte nicht der Typ sein, der Bambi erschossen hat", sagt Roddick nach Agassis Niederlage erleichtert.

Seinen größten Triumph, den mit dem gewaltigsten Nachhall, größer als Wimbledon und Goldmedaille, feiert Agassi während seiner Karriere neben dem Court. Er erobert das Herz von Steffi Graf, der größten Tennisspielerin aller Zeiten. "Wenn sie still steht, ist sie eine Göttin. Wenn sie sich bewegt, ist sie ein Gedicht", schwärmt Agassi von seiner Frau, der Mutter der beiden gemeinsamen Kinder Jaden Gil und Jaz Elle. Um die immer kühl und beherrscht wirkende Deutsche hatte der Rock'n'Roll-Tennisspieler lange geworben, lange vergebens. Obwohl er früh alle Register zog.

Schicksalsort Wimbledon

"Ich habe es versucht und versucht", schildert Agassi den einsamen Kampf um die Liebe der "Gräfin" in "Open". Schon 1992 beim gemeinsamen Wimbledon-Sieg hofft Agassi auf den traditionellen gemeinsamen Tanz des Siegerpaares, Jahre später lässt Graf den Weltklassespieler abblitzen, der sie beim Training beobachtet. "Sie sieht mich. Ich lächle. Sie lächelt nicht." Aber Agassi bleibt dran, doch noch Wimbledon bringt schließlich die späte Entscheidung, Jahre nach dem ersten Versuch: 1999 bastelt Agassi Graf auf dem Flug nach London aus der Speisekarte und dem Draht einer Champagnerflasche ein Geburtstagsgeschenk. "Das ist für dich", sagt er, als sich beide auf der Anlage treffen. "Wieso weißt du, dass ich Geburtstag habe?", fragt sie gerührt. Im Oktober 2001 heiraten Andre Agassi und Steffi Graf, noch im selben Monat kam Sohn Jaden Gil zur Welt, zwei Jahre später Tochter Jaz Elle.

Graf beendet ihre Laufbahn noch 1999, Agassi spielt noch weiter, bis zu diesem September 2006. Mit dem Spiel hat er seinen Frieden da schon gemacht, auch wegen seiner Frau. "Ich war immer ein Denker, viel zu kompliziert; mein Vater wollte mir das Denken verbieten, ich wollte mir das Denken weganalysieren, also wegdenken. Von Gefühlen hatte mir noch nie jemand etwas gesagt. Stefanie hat mir beigebracht, geduldiger zu werden und mir selbst nicht mehr im Weg zu stehen." Wehmut? Verspürt Agassi schon nicht mehr, als 2009 seine Biografie erscheint: "Ich habe eher Erleichterung gefühlt, als ich den letzten Punkt verloren habe. Ich schaue nach vorn und allein der Gedanke an ein Comeback widerstrebt mir. Der Gedanke würde zu viel Energie kosten, die ich für andere Projekte brauche: die Familie, meine Stiftung."

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Boris Becker und Andre Agassi hatten ihre Rivalität schon während der Karriere überwunden.

(Foto: imago images/Pressefoto Baumann)

Auch die Rivalität mit Becker hat Agassi längst hinter sich gelassen. Becker freue sich, wenn er ihn treffe, so der 52-Jährige. "Du warst einer der besten Spieler aller Zeiten und bist bis heute für Millionen ein Vorbild", schreibt Becker und wünscht sich, Agassi würde häufiger auf der Tennis-Tour auftauchen: "Ich glaube, unsere jungen Talente können viel von dir lernen."

2017 war Agassi nochmal als Coach von Novak Djokovic auf die Tour zurückgekehrt, das Projekt aber nach zehn Monaten wieder beendet. Längst haben Graf und er den Tenniszirkus hinter sich gelassen; wenn überhaupt, tauchen sie nur selten auf Turnieren oder Tennis-Events auf. Meistens, um Geld für ihre vielen Charity-Projekte einzusammeln. "Ich bin verdammt früh berühmt, aber verdammt spät erwachsen geworden", sagt Agassi, der mit seiner Familie schon längst wieder in seiner Heimatstadt Las Vegas lebt.

Und das Erwachsensein steht ihm gut, nach einer jahrzehntelangen, durch viele, viele Kämpfe führenden Reise durch den Zweifel. Wenn man sieht, wie verliebt Agassi nach beinahe 20 Jahren Ehe seine Frau beim Mixed ansieht, spürt man: Auch wenn am Ende seiner Karriere eine Niederlage steht - dieser Mann hat das Match seines Lebens gewonnen.

Quelle: ntv.de