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Fußball-Zeitreise, 21. Juli 1979 Das Ruhrstadion wird zum Schmuckkästchen

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Ausverkauft: Flutlichtspiel im Ruhrstadion 1981.

Als vor vierzig Jahren an der Castroper Straße in Bochum das Ruhrstadion fertiggestellt wurde, träumte eine ganze Stadt vom sportlichen Höhenflug. Dieser gelang dem VfL seitdem nur selten. Doch dafür hat sich das Stadion die Auszeichnung "Schmuckkästchen" verdient.

Vor einem Jahr stieg der 1. FC Köln aus der Fußball-Bundesliga ab - und dennoch gab es Fans, die in diesem Moment nicht nur das Negative im Blick hatten. Nach und nach trudelten Nachrichten von FC-Anhängern in Bochum ein, die schrieben: "Wenigstens können wir so endlich einmal wieder bei euch im wunderschönen Ruhrstadion spielen!" Als vor vierzig Jahren in Bochum das reine Fußballstadion an der Castroper Straße eröffnet wurde, war man sich in Deutschland schnell einig: Hier ist ein echtes "Schmuckkästchen" geschaffen worden. 50.000 Zuschauer sollten damals wetterunabhängig unter Dächern, die wegen des Spannbetons frei in den Lüften "schwebten" und später den Namen "hängende Gärten" verpasst bekommen haben, Platz finden. Die Konstruktion war so angelegt, dass kein Pfosten und keine Mauer die freie Sicht auf das Spielfeld versperrte.

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So sahen die Fans 1987 das Spielgeschehen im Ruhrstadion - in echt allerdings in Farbe.

(Foto: imago/Horstmüller)

Und während anderswo noch der Wind durch die offenen Ecken fegte, hatte man in Bochum ein Stadion geschaffen, das gerade durch seine geschlossene Kompaktheit punkten konnte. Und jeder Platz - das war zur damaligen Zeit in Deutschland in einem Stadion solcher Größe noch absolut einmalig - sollte maximal 30 Meter vom Rasen entfernt liegen. Am 21. Juli 1979 rollte ab 20.25 Uhr nach dreijähriger Bauzeit der erste Ball vom Anstoßpunkt im Mittelkreis des Ruhrstadions Richtung Westkurve. Oberbürgermeister Heinz Eichelbeck hatte die Kugel - die vom Ruhrpott-Barden Ährwin Weiss ("Mäusken willze mit mich Eis essen gehen") per Hubschrauber angeliefert worden war - in Empfang genommen und gleich auch den ersten Schuss ausführen dürfen. Zuvor hatte Gotthilf Fischer, hoch oben auf einem Podest stehend, mit einem Kinderchor und 50.000 Kehlen das Stadion mit dem "Bochumer Jungenlied" feierlich eröffnet. Bei Nieselregen und kühlen Temperaturen sorgte der VfL-Spieler Heinz-Werner "Rakete" Eggeling gegen die Mannschaft des Stadtrivalen von der SG Wattenscheid 09 für das erste Tor im neuen Achteck. Standesgemäß gewann der VfL die Partie mit 3:0 - und träumte fortan noch fester von einer goldenen Zukunft. Denn Jahre zuvor hatte Präsident Ottokar Wüst zu seinem Oberbürgermeister gesagt: "Bauen Sie uns ein großes Stadion und ich baue Ihnen eine große Mannschaft!"

"Sitze nicht auf einem Stuhl, sondern auf einer Bank"

Und nun, als die neue Arena fertig gestellt war, sah sich der Präsident in der Pflicht. Man engagierte mit Helmuth Johannsen einen Trainer, der Ambitionen und als ehemaliger Meistermacher von Eintracht Braunschweig eine sehenswerte Vita aufzuweisen hatte. Wüst verkündete: "Wir wollen endlich das ernten, was wir in vielen mühseligen Jahren gesät haben." Doch nach fünf Spieltagen stand der VfL mit 1:9-Punkten da. Die Mannschaft hatte es fertiggebracht, noch nicht einmal in ihrem eigenen, neuen Stadion einen einzigen Treffer zu erzielen. Allein der Besonnenheit und Erfahrung des neuen Trainers hatte es der Verein zu verdanken, dass sich das Team nach dem Absturz auf den letzten Tabellenplatz wieder fing. Auf die Frage, ob denn sein Stuhl mittlerweile wackeln würde, antwortete der VfL-Coach Johannsen souverän: "Das kann ich nicht beurteilen, ich sitze am Spielfeldrand nicht auf einem Stuhl, sondern auf einer Bank."

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Die Fans des VfL hofften 14 lange Jahre, dass die Worte ihres Präsidenten Wirklichkeit werden würden, doch nie gelang der Sprung ganz nach oben. Dann, im Sommer 1993, passierte etwas, das man nicht mehr für möglich gehalten hatte: Die "Unabsteigbaren" gingen runter in die zweite Liga. Fortan musste sich das Ruhrstadion an neue Gegner und an neue Namen gewöhnen. Doch in den Jahren 1997 und 2004 gab es auch zwei echte Highlights zu feiern. Der VfL Bochum zog in den Uefa-Pokal ein. Insbesondere das 5:3 im Erstrunden-Rückspiel gegen die türkische Mannschaft von Trabzonspor im Herbst 1997 ist nicht nur in die Historie des Klubs eingegangen, sondern auch heute noch allen Fans in bester Erinnerung.

Und auch Berti Vogts wird sich noch gut an einen speziellen Abend im Ruhrstadion erinnern. Als Bundestrainer nahm er an einem der drei Länderspiele teil, die seit 1979 dort ausgetragen wurden. Am 14. April 1993 lag die deutsche Elf unter der Leitung von Vogts bis weit in die zweite Hälfte mit 0:1 gegen Ghana zurück. Die Unmutsäußerungen des Publikums wurden an diesem Abend immer lauter. Doch sechs späte Tore retteten Berti Vogts erstens den Job und sorgten zweitens für ein unvergessliches Erlebnis - denn sechs Treffer in nur 19 Minuten sieht man auch nicht alle Tage.

Handy in der Pinkelrinne

Am vergangenen Donnerstag gab der VfL Bochum nun rechtzeitig zur neuen Saison und zum Jubiläum eine Nachricht bekannt, die viele Fußballfreunde wahrscheinlich einfach überlesen würden. Doch Menschen, die schon einmal einen Fuß ins Ruhrstadion gesetzt haben, werden nun aufhorchen. Die Meldung lautete: "Die Renovierung der Toilettenanlage ist abgeschlossen". Insbesondere Männer wissen sofort, wovon die Rede ist - denn die WC-Anlagen sind in gewissem Maße auch zu einem Alleinstellungsmerkmal des Ruhrstadions geworden. Über viele Jahre hinweg erledigten Herren ihre Geschäfte im Stehen an eine gekachelte Wand. Das hatte große Vorteile, weil einerseits sehr viele Menschen gleichzeitig abgefertigt werden konnten und zweitens Kinder von ihren Vätern problemlos schon ab dem Moment mitgenommen werden konnten, ab dem sie keine Windeln mehr trugen.

In den vergangenen Jahren ersetzten hier und da im Stadion Pinkelrinnen die einfache, gekachelte Wand. Und das führte zu abenteuerlichen Situationen. Als der VfL mal wieder fürchterlich spielte und zur Pause zurücklag, fiel einem Fan das Handy aus der Brusttasche in die gefüllte Rinne. Während die meisten Umstehenden mit einem Seufzer ihr Mitgefühl ausdrückten, kommentierte der Nebenmann die nicht nur hygienisch delikate Situation überaus trocken: "Ich dachte eigentlich, das Spiel wäre heute das Schlimmste." Im Ruhrstadion werden seit 1979 Geschichten nicht nur auf dem Platz geschrieben. Alles Gute zum Jubiläum und Glück auf, liebgewonnenes Schmuckkästchen!

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Quelle: n-tv.de

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