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Weltcup ohne Wengen? Ein aberwitziger Streit bedroht Ski-Klassiker

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Ein Weltcup ohne Wengen? Unvorstellbar

(Foto: dpa)

Die Zukunft der traditionsreichen Lauberhorn-Rennen steht auf der Kippe. In einem aberwitzig anmutenden Streit mit den lokalen Behörden beantragt der Schweizer Skiverband bei der Fis das Streichen des Klassikers aus dem Rennkalender.

Die Kulisse ist einzigartig, für ein Skirennen allemal. Unterhalb der alpinen Dreifaltigkeit aus Eiger, Mönch und Jungfrau im Berner Oberland schlängelt sich die legendäre Lauberhornabfahrt hinab nach Wengen. Die Strecke ist gut 4,5 kraftraubende Kilometer lang und eine imposante Bühne für die Schussfahrer, die unter anderem über den Hundsschopf fliegen oder mit Tempo 160 durch den Abschnitt Langentrejen rasen. Bereits seit 1930 werden dort Rennen ausgetragen.

Die Lauberhornabfahrt hat in der Schweiz den Status eines nationalen Heiligtums, der Tag der Abfahrt ist folglich ein nationaler Feiertag, an dem sich gut und gerne 35.000 Jünger hineinzwängen in die 1893 eröffnete Zahnradbahn, die sie auf den Berg bringt. Auch die Skirennläufer und ihre Betreuer müssen jedes Jahr mit der kompletten Ausrüstung die gelb-grünen Waggons der Wengernalpbahn besteigen, um hinaufzuzuckeln in das nur 1100 Einwohner zählende autofreie Wengen.

Blödsinnige Überlegungen

Nun allerdings stehen die Lauberhornrennen, bestehend aus der Kombination am Freitag, der legendären Abfahrt am Samstag und dem Slalom am Sonntag am Männlichen, auf der Kippe - ausgelöst durch einen aberwitzig erscheinenden Streit ums Geld zwischen den Organisatoren in Wengen und dem Schweizer Skiverband Swiss Ski. In dieser Woche nun hat der nationale Verband tatsächlich beim Weltverband Fis beantragt, die Rennen am Lauberhorn aus dem Kalender für die Saison 2021/22 zu streichen.

Der Ski-Weltcup ohne den Klassiker Wengen, der ein wenig aus der Zeit gefallen scheint und gerade deswegen so einzigartig ist? Unvorstellbar. "Es ist einer der wichtigsten Anlässe im Ski-Zirkus", sagte OK-Chef Urs Näpflin im Schweizer Fernsehen - und widersprechen mag ihm da niemand. "Die Fis will Wengen sicher nicht als Weltcup-Austragungsort verlieren", sagte der noch amtierende FIS-Präsident Gian Franco Kasper, alle anderen Überlegungen seien "Blödsinn".

Sogar schon vor dem Sportgerichtshof

Tatsächlich vergibt die Fis die Rennen an die Verbände, die wiederum geeignete Orte zum zugesprochenen Termin auswählen. Den Etat des OK in Wengen von umgerechnet 8,1 Millionen Euro hat Swiss Ski zuletzt mit 2,4 Millionen Euro bezuschusst, ein Minus ist dennoch immer geblieben. Das OK in Wengen hat daher eine Erhöhung des Zuschusses um eine Million Franken (ca. 940.000 Euro) pro Jahr verlangt. "Das übersteigt den Rahmen", sagt dazu Verbandsgeschäftsführer Bernhard Aregger.

Tatsächlich ist das OK der Lauberhornrennen 2018 schon vor den Internationalen Sportgerichtshof Cas gezogen, um die Frage des Geldes klären zu lassen. Es gibt ein (nicht veröffentlichtes) Zwischenurteil, es steht zu vermuten, dass es die Wengener im Recht sieht und Swiss Ski daher den Antrag auf Entfernung der Rennen aus dem Kalender stellte: Der Verband müsste dann gar nichts zahlen. Swiss Ski versuche, "uns einen Kopf kürzer zu machen", erboste sich OK-Chef Näpflin.

Kommt es zum Äußersten, wollen sich die Wengener direkt bei der Fis um die Aufnahme ihrer Rennen in den Weltcup-Kalender bemühen. Spannend wird auch sein, wie sich Urs Lehmann in der Sache weiter verhält: Der Abfahrts-Weltmeister von 1993 und Präsident von Swiss Ski will im Herbst Nachfolger seines Landsmanns Kasper bei der Fis werden.

Quelle: ntv.de, Thomas Häberlein, sid