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Deutschland, die Eishockey-Macht Weltmeister! Sie haben Weltmeister gesagt!

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Deutschland macht die Eishockey-Elite wütend.

(Foto: AP)

Was für ein furioser Start in die Eishockey-Weltmeisterschaft: Aus den ersten drei Gruppenspielen holt die deutsche Nationalmannschaft drei Siege. Einen äußerst spektakulären gegen Rekordweltmeister Kanada. Ein Wunder? Nein, die Folge einer herausragenden Entwicklung.

Deutschlands bester Eishockeyspieler? Nicht dabei, beschäftigt in den Playoffs der NHL. Deutschlands bester Goalie? Nicht dabei, beschäftigt in den Playoffs der NHL. Deutschlands größtes Talent? Nicht dabei, er kuriert eine hartnäckige Handverletzung aus. Klingt ziemlich bitter. Ist es auch. Denn natürlich würde die Mannschaft von Bundestrainer Toni Söderholm noch besser sein, wenn Leon Draisaitl (bester Spieler), Philipp Grubauer (bester Goalie) und Tim Stützle (größtes Talent) auch auf dem WM-Eis in Lettland stehen würden.

Aber was soll's? Es geht ja auch ohne sie. Und das auf eine Art, die international für Aufsehen sorgt. Spätestens seit Montagabend. Da wurde Rekordweltmeister Kanada in einem epischen Kampf mit 3:1 vermöbelt. Und das ist durchaus wörtlich zu nehmen. Immer wieder setzte es harte Checks, immer wieder schlugen die Fäuste zu.

Nach drei Spieltagen steht die deutsche Eishockey-Nationalmannschaft bei drei Siegen. Mit einem weiteren am Mittwoch gegen Kasachstan (15.15 Uhr im Liveticker bei ntv.de und live bei Sport1) ist das Viertelfinale bereits sicher. Deutschland, eine Eishockey-Großmacht? Klingt komisch. Wird langsam, aber immer mehr zur Realität. Kanada hat das untermauert. Zwar gilt auch für "Team Canada": beste(r) Spieler verhindert, beste(r) Goalie(s) verhindert. Aber mein Gott, was heißt das denn im Mutterland des Eishockeys, wo vermutlich 1,99 von zwei Menschen die Schläger kreuzen. In Deutschland dürfte das Verhältnis übrigens ziemlich genau anders herum sein. Immerhin noch 18 Spieler aus der NHL, der stärksten Liga der Welt, stehen für Kanada auf dem Eis. Dazu ein paar Top-Talente und ein Stürmer aus der russischen KHL, der zweitstärksten Liga der Welt. Und so wuchtig wie sich das anhört, so wuchtig spielte die Mannschaft dann auch ab dem zweiten Drittel gegen Deutschland.

Mathias Niederberger, der deutsche Goalie war "under Fire". Im Akkord knallte das wütende "Team Canada", das völlig überraschend die ersten beiden WM-Spiele gegen Lettland (0:2) und die USA (1:5) tüchtig verbockt hatte, den Puck auf das Tor der DEB-Auswahl. Aber entweder war Niederberger zur Stelle oder aber ein Spieler warf sich mit irgendeinem Körperteil in das Schussgewitter. "Wie wir die Schüsse geblockt und gearbeitet haben, war außergewöhnlich, so ein Spiel hab ich noch nie erlebt", sagte Niederberger, der 39 (!) von 40 (!) Schüssen pariert hatte bei Sport1: "Wir haben ein Löwenherz." Und sie hatten ausreichend "Eis in der Kabine", wie Mannheims Nico Krämmer versicherte. Prellungen kühlen, gute Idee. Leidenschaft ist eben etwas, das Leiden schafft.

Plötzlich wird Eishockey GESPIELT

Nun war das deutsche Spiel aber nicht ein Abnutzungskampf, wie man es aus früherer Zeit gewohnt war. Nicht nur Kampf, Checks und die besten Wünsche, dass ein Helmut de Raaf oder ein "Peppi" Heiß wieder einmal großartige Tage im Tor erwischen würden. Nein, so sehr die Nationalmannschaft gegen Kanada auch kämpfen musste, so sehr bemüht sie sich unter Söderholm auch wieder Eishockey zu spielen. Das 1:0 durch Stefan Loibl war eine prima Szene. Der ehemalige Stanley-Cup-Champion Tom Kühnhackl behauptete an der Bande den Puck, passte ihn perfekt auf den Mannheimer, der wuchtig in den Winkel traf. Ja, Deutschland spielt Eishockey. Nicht nur gegen die kleineren Nationen, sondern auch gegen die Großen. Auch gegen Kanada. Wann hat es das zuletzt gegeben?

Zuletzt bei einer WM gegen Kanada gewonnen hatte Deutschland 1996 in Wien. Damals schnürten noch Peter Draisaitl, der Vater des NHL-Superstars Leon, Jürgen Rumrich, Ben Doucet, Jan Benda oder aber der legendäre Dieter Hegen die Schlittschuhe. Eher die rustikale Schiene, nicht die filigrane. Das ist mittlerweile anders. Die aktuelle Generation ist die vermutlich talentierteste, die es im deutschen Eishockey je gab. Ungeachtet von Tim Stützle. Ungeachtet von Leon Draisaitl. Ungeachtet auch von Dominik Kahun, der ebenfalls für die Edmonton Oliers spielt. Beide könnten nach dem krachenden Playoff-Knockout am Dienstagmorgen unter komplizierten Corona-Umständen nachreisen.

Es ist eine beeindruckende und nachhaltige Entwicklung. Eine, die mit finanziellen Engpässen der DEL-Klubs (weniger Geld für starke Ausländer) ebenso wie mit starker Nachwuchsarbeit in den Klub-Internaten einhergeht. Plötzlich sind Spots in den Kadern frei, plötzlich sind junge Spieler da, die ihre Chancen auf einem hohen Niveau nutzen. Im vergangenen Jahr scheiterte das U20-Team bei der WM im Viertelfinale knapp mit 1:2 am großen Favoriten aus Russland. Eine Ansage dennoch für die Zukunft.

Zu den größten Talenten gehört Moritz Seider. Der 20-Jährige wurde in Schweden gerade erst als bester Verteidiger der Saison geehrt. In Schweden! Auch so einer Giganten-Nation! Seider gilt schon jetzt als nächster Superstar in der NHL. Die Detroit Red Wings haben sich die Rechte an ihm bereits gesichert. Als ganz große Versprechen gelten auch der erst 19-jährige John-Jason Peterka (EC Salzburg) und Lukas Reichel (Eisbären Berlin). Aber auch Lean Bergmann und Leon Gawanke stehen vor dem Vorsprung in die beste Liga der Welt. Beide spielen bereits in den Farmteams der Winnipeg Jets und der San José Sharks. So viel Talent war nie. So viel Mut nicht. So viel Selbstvertrauen nicht. "Von Kampfgeist, Leidenschaft, Stolz und Wille her war es eine unglaubliche Leistung", lobte Söderholm am späten Montagabend, "aber spieltaktisch war es nicht unser bestes Spiel. So wird man kein Weltmeister werden, wenn man so viele Strafzeiten nimmt." Weltmeister! Söderholm hat tatsächlich Weltmeister gesagt!

Locker bleiben, Freunde!

Nun, erst mal locker bleiben. Denn auf dem Weg dorthin warten ja noch so ein einige Knaller. In der Vorrunde zum Beispiel die USA und Finnland. Und später womöglich noch Schweden, Russland oder Tschechien. Verrückt klingt das trotzdem. Fast so verrückt wie 2018. In Pyeongchang gab's bei den Olympischen Spielen auf tragische Weise sensationell Silber. Tragisch, weil der Gold-Coup gegen Russland so nah war, weil er nach einem phänomenalen Spiel erst in der Verlängerung platzte.

Auf dem Weg in dieses Endspiel hatte Deutschland übrigens sein faszinierendes Eishockey-Spiel seit Ewigkeiten gezeigt. Gegen Kanada! Gezaubert hatten sie da. Unvergessen: das Durch-die-Beine-Tor von Frank Mauer zum zwischenzeitlichen 3:0! Mauer ist übrigens auch einer, den Söderholm gerne in Lettland dabei gehabt hätte. Auf den er verzichten muss. Wie so einige andere auch (siehe oben). Nach dem Giganten-Coup gegen Kanada in Südkorea sagte Moritz Müller, der aktuelle Kapitän des DEB-Teams: "Ey lass mal Olympiasieger werden." Noch traut sich niemand, diesen Satz umzuformulieren. Dabei müsste man ja nur ein Wort tauschen ...

Quelle: ntv.de

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