Fußball-WM

Das Tagebuch zur Wüsten-WM Einsamer Taxifahrer kann Neugeborenes nicht sehen

imago1019457959h.jpg

Stau? Saggad umkurvt den einfach.

(Foto: IMAGO/Pro Sports Images)

"Metro? This way!" Das sympathische Gesicht der WM, die vielen Helfer, nützen an manchen Stadien wenig. Denn die Metro ist übervoll. Der Ausweg sind Menschen wie Saggad. Sie bieten ihre Taxikünste feil, öffnen ihr Herz und erzählen manchmal in 20 Minuten ein ganzes Leben.

Mitternacht. Die Massen drängen aus dem Stadion. FIFA-Helfende und Katars Polizisten leiten zu Bussen und Taxi. Es geht durch Wohngegenden der Mittelklasse des WM-Landes. Der Emir schaut von oben zu, seine Bilder prangen an Hauswänden. Da es hier keine Drogendealer gibt, schleichen sich andere Gestalten aus dem Dunkel der Hauseingänge heran. Taxifahrer.

Eine Taxifahrt ist ja immer gut für eine Geschichte. Also bei der 28. Anfrage dann doch schwach werden und "yes" antworten. Innerhalb einer Millisekunde werden aus einem Fahrer sieben. Seepferdchen (2000 Babys in einem Schwung) wären zwar nicht beeindruckt, aber doch stolz vielleicht. Der Auserwählte, Saggad aus Bangladesch - Ende 20, gedrungen, lebendige Augen, blaues Poloshirt - leitet den Weg zu seinem Auto. Eine Seitenstraße folgt auf die nächste.

Endlich im komfortablen Gefährt, erzählt Saggad, dass er seit elf Jahren in Katar arbeitet. Seine Mutter will damals, dass er seine Heimat verlässt und seinem Vater nach Doha folgt, der zu jener Zeit hier ein Internet-Café betreibt. In Bangladesch sei es zu gefährlich gewesen, viel "dreckige Politik und Verbrechen". Dann lieber Katar als Gefängnis.

Was von der DFB-Elf bleibt

Innerhalb von drei Wochen hat Saggad hier seine Taxifahrer-Lizenz erstanden. Seitdem heizt er durch die sich rapide verändernde Stadt. Er braucht kein Google Maps, er ist Google Maps. Nimmt immer die richtige Abzweigung, umfährt jeden Stadionstau gekonnt. Ein Taxameter schaltet er nicht ein, über den Preis könne man ja später sprechen.

Seine Familie kann Saggad nicht nach Doha holen. Das Leben in der Glitzerwelt ist zu teuer. Er kommt gut über die Runden, aber kann nichts zurücklegen. In der Heimat hat er eine Frau mit einem 15 Monate alten Baby, das er noch nie in den Arm nehmen konnte. Im Dezember fliegt er für drei Monate rüber. Das Leben ohne Familie sei hart, sagt Saggad und wirkt einsam.

Natürlich will er auch über Fußball sprechen, während er über die Schnellstraße brettert, seinen Lieblingssport im TV. Selbst spielt er lieber Cricket, aber die Spiele wären nichts fürs Fernsehen, weil sie so ewig lang wären. Saggad schwärmt vom "7:2" der deutschen Elf bei der WM 2014, mag die brasilianische Nationalmannschaft nicht. Neymar dann aber doch. Genauso Ronaldinho, Lionel Messi und Cristiano Ronaldo. Die Leute sollten anerkennen, dass dies einfach die Superstars wären, sagt er.

Fake-News der westlichen Presse?

Berichte über Menschenrechtsverstöße in Katar nennt der Taxifahrer "Fake News". Er meint damit, dass seine Freunde auf den WM-Baustellen immer bezahlt worden seien. Dass sie so lange und in der Hitze arbeiten mussten, findet er auch nicht gut. Dann ist der Katar-Rundumschlag in beeindruckenden 20 Minuten beendet. Bei der Ankunft verhandelt Saggad geschickt über den Preis und schreibt eine Rechnung auf ein angekohltes Papier der Taxi-Firma.

Katar ist voller Saggads, voller Menschen, die sich in Katar eine Existenz aufgebaut haben. Sie schauen auf die Entwicklung des Landes, auf die neuen Städte, die hier für die WM aus dem Meer gewonnen und aus der Wüste gestampft wurden, die so bunt glitzern und von denen es zweifelhaft ist, wie sie nach der Fußball-Weltmeisterschaft überhaupt genutzt werden können. Die großen Goldkästen von Lusail, die Tower von The Pearl - wer soll dort leben und wer soll sich das überhaupt leisten können?

Es ist auch ihre WM

Saggad nicht. Der Rest der Arbeiter aus Indien, Bangladesch, aus Nepal auch nicht. So kärglich jedoch ihre Existenzen, so bescheiden die Arbeitsverhältnisse sind, nicht alle malen das in Europa gezeichnete Schreckensbild. Auch die WM ist beliebt. Es ist gewissermaßen eben auch ihre Weltmeisterschaft. Sie haben mit ihrem Schweiß, teilweise eben auch mit ihrem Leben dafür bezahlen müssen. In einem Interview schraubt der Chef des nationalen Organisationskomitees die Todes-Zahlen diese Woche von drei auf 400 bis 500 hoch, nur um sie später wieder zu relativieren.

Mehr zum Thema

Doch die, die noch da sind, freuen sich, wenn sie sich ihren Traum erfüllen können und einmal einen der Stars im Stadion sehen können. Wie Saggad, der die Niederlage Lionel Messis gegen Saudi-Arabien miterlebt und darüber tieftraurig ist. Sein Star hätte für ihn gewinnen sollen. Aber es gibt immer noch CR7, es gibt immer noch Neymar. Die großen Namen des Turniers.

Bald sind sie eine Erinnerung, ihre Karriere auf Youtube-Videos geschrumpft, so wie Deutschlands Sieg gegen Brasilien 2014. Dann kommt Erling Haaland. Der, sagt er, wird der nächste Star des Weltfußballs. "Er ist eine Maschine, ein Außerirdischer", ruft Saggad aus. Dass Haaland bis zum Sommer in der Bundesliga gespielt hat, weiß er nicht.

Quelle: ntv.de

ntv.de Dienste
Software
Social Networks
Newsletter
Ich möchte gerne Nachrichten und redaktionelle Artikel von der n-tv Nachrichtenfernsehen GmbH per E-Mail erhalten.
Nicht mehr anzeigen