Fußball-WM

USA spenden Trost auf dem Platz Katar-Security schikaniert Iran-Fans bei WM-Aus

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Die Security war überall.

(Foto: IMAGO/Ulmer/Teamfoto)

Das Spiel zwischen den USA und Iran ist das bislang politischste dieser hochpolitischen Fußball-Weltmeisterschaft in Katar. Vom alten Hass zwischen den Ländern ist auf dem Platz wenig zu spüren, doch auf den Tribünen schikaniert die Security die Fans aus dem Iran.

In der Kabine wird Captain America versorgt, auf der Tribüne wacht die Security mit Adleraugen. Sie sind immer da, aber an diesem Abend im Al Thumana machen sie ihren Job besonders sorgsam. Immer wieder gibt es Signale. Einer stößt in die Reihen hinein. Mit klaren Worten fordert er die Zuschauer auf, die Füße jetzt endlich von den Sitzen zu nehmen.

Mit eindeutigen Gesten kassiert er die meist grünen Tröten der iranischen Fans ein. Die Krachmacher wandern in braune Papiertüten. Voller Stolz über ihre Beute steigt die Security die Treppen der Tribüne hinab. In der Halbzeitpause des politisch aufgeladenen Spiels zwischen den USA und dem Iran (1:0) muss ein Tröten-Blitzverbot erlassen worden sein.

Es bleibt unklar, warum und wer dieses Trötenverbot so plötzlich erlassen hat. Doch die Art und Weise, wie es so plötzlich durchgesetzt wird, hinterlässt ein seltsames Gefühl. Fakt ist: Niemand hatte Probleme damit, diese Tröten, die ihren Lärm schon lange vor dem Anpfiff über die Straßen rund um das Stadion in Dohas Süden ausbreiten, waren zugelassen. Jetzt sind sie es nicht mehr. So erweckt es zumindest den Anschein einer Machtdemonstration. Wir können über Euch bestimmen, signalisiert die Security, die anderen Fans im Stadion auch Fahnen aus der Hand entreißt.

Die Security ist an diesem Abend ohnehin um einiges angespannter und präsenter als sie es bei dieser WM ohnehin schon ist. Blickt sie sonst meist Richtung Spielfeld, sind nun zahlreiche Augen in Richtung Zuschauer gerichtet. Kontrolliere jede Bewegung, jede Meinungsäußerung.

Politisch aufgeladen

Die Proteste der Iraner gegen Teheran werden jetzt auch auf der anderen Seite des Persischen Golfs vom Mullah-Regime kontrolliert. Die Iranerinnen und Iranern können ihre Fahnen, Slogans und Bemalungen nicht mehr ohne Weiteres ins Stadion bringen, wie Kollege David Bedürftig hier eindrücklich beschreibt. Und auch die Spieler des Irans singen jetzt wieder ihre Hymne. Sie bewegen kaum ihre Lippen, denn auch sie stehen unter Beobachtung. Ihre Familien sollen im Iran von Revolutionsgarden bedroht worden sein.

Dabei geht es im Al Thumana nicht nur um Politik, sondern um das Weiterkommen bei der WM 2022 in Katar. Ausgerechnet im Duell mit dem Erzfeind aus den Vereinigten Staaten, dem der Iran vor 24 Jahren bei der WM 1998 in Frankreich eine der schmerzlichsten Niederlagen seiner Turniergeschichte zugefügt hat.

Die USA hatten ihren Teil zu diesem politischsten Duell der WM pflichtschuldig beigetragen. Von den Vorwürfen des Ex-Trainers Jürgen Klinsmann über ein Social-Media-Posting, das Irans Fahne ohne das Logo der Islamischen Republik zeigt und den Zorn Teherans auf sich zieht, hin zu einer aufgeladenen, bizarren Pressekonferenz, in der iranische Journalisten US-Trainer Gregg Berhalter grillen. Und das vor einem Spiel, das für die USA, den Gastgeber der WM 2026, von immenser Bedeutung ist. Nur ein Sieg wird sie in die K.-o.-Phase bringen, Unruhe gibt es auch rund um den Dortmunder Gio Reyna. Der versauert auf der Bank und nicht jeder will das verstehen.

Die Fußballgötter sind mit den USA

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Die Iranerinnen und Iraner mussten kreativ sein.

(Foto: IMAGO/Ulmer/Teamfoto)

Als das Spiel beginnt, ist auf dem Platz alles vergessen. Es ist kein gutes Spiel. Die USA kontrollieren das Geschehen und kommen nach einer wundervollen Kombination über die rechte Seite zur verdienten Pausenführung. Der Ball wandert von Kapitän Tyler Adams zu Weston McKennie und von dort auf den Flügel zu Sergino Dest. In der Mitte lauert Pulisic, trifft und verletzt sich dabei, wie es sich für einen echten US-Helden gehört. In der zweiten Halbzeit verteidigen die US-Amerikaner ihren Vorsprung. Achtelfinale. Jetzt gegen die Niederlande. Von den Tribünen schallt es "Iran, Iran, Iran". Für einen Moment eint der Fußball die Protestierenden und ihre Verfolger. Es reicht nicht. Der Iran scheidet aus.

"Die Fußballgötter segnen die, die Tore schießen", sagt Irans Tainer Carlos Queiroz nach dem WM-Aus: "Wir haben keins erzielt." Auf der anderen Seite feiern sie Torschütze Christian Pulisic. Der schafft es nach seinem Treffer nicht aus der Halbzeitpause. Bei seinem Tor hat er sich eine Bauchverletzung zugezogen. "Wir sind ihm dankbar, dass er sich in den Ball geschmissen hat", sagt US-Star Weston McKennie, der in Katar mit den US-Farben im Haar aufläuft. "Wir konnten mit ihm sprechen. Er ist guter Dinge", beruhigt Coach Berhalter. Pulisic wird ins Krankenhaus verbracht, bei ihm wird eine Beckenprellung diagnostiziert.

Brutale Gewalt vor dem Stadion

Auf dem Platz drückt Antonee Robinson den in Tränen aufgelösten Ramin Rezaeian an sich. Er fühlt den Schmerz seines Gegenspielers und doch kann er sich kaum ausmalen, was in dem Iraner vorgeht. Es ist einer der Momente der bisherigen WM. Fußball kann alles überwinden. Diese Aussage ist immer noch wahr, so sehr die FIFA mit ihrem Ausverkauf sämtlicher Werte auch daran zweifeln lässt. So sehr auch die Zeichen, die auf dem Platz gesetzt werden, von den Ereignissen im und rund um das Stadion in den Schatten gestellt werden.

Auf der Tribüne kommt es zu weiteren Vorfällen zwischen der Security und den Fans, denen Plakate entrissen werden. Eine Gruppe aber hat einfach Buchstaben mitgebracht. Sie ergeben"Masha Amini". Auch auf den Tribünen hinter dem Tor beobachtet die Security jede Bewegung der Fans. Einmal, schreibt der Autor James Montague, stürmen sie hinein und entreißen jemanden ein Papierschild mit dem Namen Mahsa Amini.

Der dänische Reporter Rasmus Tantholdt veröffentlicht nach dem Spiel schockierende Bilder von verletzten iranischen Fans. Sie seien unter den Augen der lokalen Polizei von Schlägertruppen des Regimes attackiert worden. Kurzzeitig, so berichtet er, hätten ihn die Behörden festgesetzt und ihn aufgefordert, seine Aufnahmen zu löschen. Das habe er nicht getan.

Quelle: ntv.de

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