Das Tagebuch zur WM in Katar Weihnachten in Katar ist fast wie Halloween in Deutschland

Neben der Schnellstraße.

Neben der Schnellstraße.

(Foto: Stephan Uersfeld)

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Spielfreier Tag in Katar. Atempause, nicht nur für den "besten" FIFA-Präsidenten aller Zeiten. Gianni Infantino besucht jedes Match dieser WM. Jetzt aber ist endlich Zeit für das Weihnachtsfest. Deko und viel mehr gibt es in einer Mall. Dort versteckt sich auch der Weihnachtsmann.

FIFA-Präsident Gianni Infantino ist nicht zu beneiden. Er hat alle Spiele der "besten Gruppenphase aller Zeiten" gesehen, ist mit seiner Kolonne vom Al Thumana im Süden ins Al Bayt ganz im Norden gebrettert, hat alle Gesetze außer Kraft gesetzt, um jede Mannschaft zu unterstützen und die Weltmeisterschaft zu ehren. Insgesamt 48 Spiele, nicht alle kann er sehen. Leider treten am letzten Spieltag die Teams einer Gruppe in Parallelspielen an. Doch auch das gelingt ihm, weil er es kann.

Ganz anders wird das Bild 2026 sein, wenn die Fußball-WM, über drei Länder und etliche Klimazonen verteilt, in die Amerikas zurückkehrt. Mexiko, USA und Kanada werden dann den guten Ruf der FIFA mehren und vielleicht sogar Schauplatz eines Comebacks der deutschen Fußball-Nationalmannschaft sein. Wie auf Italien und auf Spanien lastet ein Fluch auf der DFB-Elf. Nach ihrem Titelgewinn 2014 kann sie kein Spiel mehr in einer K.-o.-Phase einer WM gewinnen, sich, bei genauem Blick, nicht einmal für eine K.-o.-Phase qualifizieren. Die Italiener, legendäre Sieger des Sommermärchens 2006, scheitern in der Folge zweimal in der Vorrunde und scheitern in der Qualifikation für 2018 und 2022. Haben sie den deutschen Weg vorgezeichnet?

Den Spaniern, Titelträger 2010, gelingt nach einem krachenden Vorrundenaus 2014, bei den Turnieren 2018 und 2022 immerhin der Einzug ins Achtelfinale. Doch dort scheiden sie aus: in Russland gegen den Gastgeber und in Katar, wenn man so will, auch. Denn Marokko ist das Team der Stunden bei diesem Arab World Cup. Sie lassen den kompletten arabischen Raum von eben Marokko im äußersten Westen bis eben Katar im äußersten Osten träumen und dazu noch Afrika.

Vorbehalte gegen Marokko

Noch nie stand eine afrikanische Mannschaft im Halbfinale einer WM und es wäre natürlich ein Treppenwitz, würde es ausgerechnet eine nordafrikanische Nation schaffen, die sich eher einem nicht als Kontinent definierten Raum zugehörig fühlt und mit ihrem Fußball nicht nur bei den Verlierern für mächtig Empörung sorgt. Auch "Spiegel"-Autor Felix Dachsel echauffiert sich in seiner WM-Kolumne über den Erfolg, der den Fußball geradewegs in eine Sackgasse führe, in der "getreten, gerannt, gekämpft und aufgeopfert" werde, aber eben kein Fußball mehr gespielt.

All die Aufregungen sind am ersten spielfreien Tag dieser WM jedoch vergessen. Es gibt ganz andere Themen. Im Norden der Halbinsel zieht ein Unwetter auf, über Whatsapp werden immer neue Horrormeldungen von tagelangen Regenfällen und eklatanten Temperatureinbrüchen verbreitetet. Nahe des Al Bayts wütet tatsächlich ein Tornado, über Doha jedoch hängen nur dunkle Wolken und der Wind verweht den Sand ein wenig stärker als sonst.

Was zumindest ein wenig Abwechslung in die karge Tristesse Dohas bringt. Die glitzert außerhalb der zentralen Punkte der Innenstadt nämlich wenig. Sandverstaubte Feuerlöscher wachen über längst verlassene Industriekomplexe an den mächtigen Straßen, die viel zu viele Autos in alle Richtungen befördert. Häuserskelette füllen die Räume zwischen den Straßen. Hinter hohen Mauern stehen verlassene Bauten, neben bereits bewohnten, mit Blick auf eine der sechsspurigen Straßen. Manchmal verdecken Katar-Fahnen die Dächer, manchmal ziert das Porträt des Emirs Tamim bin Hamad Al Thani die Wände.

Weihnachtsmann tanzt wie Hakimi nach dem Elfmeter

An einem Gebäude nahe dem Stadion des katarischen Erstligisten Al Sadd SC, der nach Bayern München, Manchester City und FC Barcelona die meisten WM-Teilnehmer stellt, ist der Emir gleich elfmal zu sehen. So gerät er nicht in Vergessenheit, wie auch das Weihnachtsfest. Denn nur wenige Kilometer weiter entlang der von einem Sandsturm in Beschlag genommenen Mesaimeer Road, die sich, wie so viele andere Straßen hier, unter verschiedenen Namen als halber Ring um die Innenstadt schichtet, befindet sich im ersten Obergeschoss in der Dar Al Salam Mall das Ziel aller Träume: der Cool Jazz spielende Weihnachtsmann.

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Der tanzt wie Achraf Hakimi nach seinem Elfmeter, steht aber nicht auf dem Platz des Education City Stadiums, sondern im Dollar Store, der in jedem Dezember zum Paradies für die Weihnachtsfans im Emirat wird. Sexy Elfenkostüme, Plastikweihnachtsbäume, schneeweiße Bärte, Christbaumkugeln und Glocken sind nur der kleinste Teil des ausführlichen Sortiments, das hier feilgeboten wird. Vor ein paar Jahren einmal hatten sich ein paar konservative Kräfte beschwert, doch eine Einigung wurde erzielt. Nicht jeder in Katar lebende Mensch ist Muslim und Weihnachten ein zu schönes Fest, um es nicht ohnehin auch so zu begehen. Noch ist Weihnachten in Katar kein Halloween in Deutschland, aber das Fest ist auf dem Weg.

Vor der Al Salam Mall verziehen sich die dunklen Wolken des Wetterumschwungs. Der Sandsturm bleibt, auf einer Nebenstraße kämpft ein Arbeiter gegen ihn an und geht in Richtung der Häuserskelette. Auf dem Sandboden liegt eine grüne Feldflasche. Mit Edding ist der Name "Hom Nath" verewigt. Ob er auch alle Spiele der besten Gruppenphase aller Zeiten gesehen hat?

Quelle: ntv.de

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