Das Tagebuch zur WM in Katar Turnier der Reizüberflutung kreiert folgsame Zombies

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Das Medienzentrum vor dem Lusail Iconic Stadium.

(Foto: IMAGO/Focus Images)

Seit über zwei Wochen läuft die Fußball-WM in Katar. Die Routinen haben sich längst eingespielt. Tage und Nächte verschwimmen, da ist immer das nächste Spiel. Das in einer Stadt ausgetragene Turnier fasziniert und schlägt mit einer derartigen Lautstärke um sich, dass alles taub wird.

Welches Stadion ist das eigentlich? Sieht vertraut aus. Irgendwie. Schon mal dagewesen zuvor? Bei welchem Duell? Muss ja eigentlich. Andererseits: Metalgitterschlangen, Scan der Akkreditierung macht "Piep", Security Checks, die Labels von FIFA-fremden Wasserflaschen abreißen, Medienzentrum, Eingang, Fahrstuhl oder Treppe auf die Pressetribüne, nächster Piep, Platz suchen, Laptop aufklappen - die vielen Schritte sind die gleichen in jeder Arena. Vorhersehbare Routine. Gewohnheit, die alles und jeden gleich erscheinen lässt.

Jeden Tag ein Fußballspiel bei einer WM zu besuchen und davon zu berichten, ist ein großer Luxus. Doch irgendwann setzt automatisch eine gewisse Indifferenz ein. Das Besondere eines spannenden Besuchs im Stadion, auf das man sonst hinfiebert, verfliegt. Flitzt man beim Eröffnungsspiel noch die Treppen hoch, schleicht man Tage später, schleppt sich teilweise.

Die Schritte gemächlicher, die Blicke auf den Beton der kargen Treppenhäuser gerichtet, irgendwo sitzt immer ein Security-Guard auf einem Stuhl. Marker des Aufstiegs. Spieltage, Partien, Stadien und Spieler verschwimmen. Welcher Wochentag ist heute? Welches Datum? Keine Ahnung, aber gestern war Frankreich gegen Polen. Das ist die neue Kalenderrechnung in Katar.

Der Mythos Regen

Das soll kein Klage-Buch werden. Aber alles immer gleich, das ist so ein Ding. Auch das Wetter in Doha ist jeden Tag dasselbe. Vorhänge auf am Morgen. Sonne. Da kann man sich schwer beschweren, wenn in Deutschland das Grau und die Kälte übernehmen. Aber ein wenig vermisst man die Abwechslung, mit der man ja aufgewachsen ist, dann eben doch. Ein Adventssonntag auf dem Sofa mit Lebkuchen und den Liebsten, klingt auch nicht verkehrt. Am Mittwoch könnte der große Sturm kommen, heißt es. Die Transition Days, die den "Winter" bringen. Dann stehen die Straßen unter Wasser, der Regen wäscht den Dreck weg. So gehen die Erzählungen.

Auch immer gleich: der WM-Song. Hala hala hala yalah hayhm arhbo. An jeder Ecke. Schon beim Frühstück und ganz spät auf dem nächtlichen Streifzug vom Stadion nach Hause. Zwischendurch in Bussen, Bahnen oder auf öffentlichen Plätzen sowieso. Immer Hala hala hala yalah hayhm arhbo. Gefolgt von einem On y va, here we go (Oh-oh-oh-oh-oooooh). Es ist, als würde verboten, dass der Kopf mal abschaltet. Vielleicht sollen auch andere, kritische Gedanken übertönt werden?

Überhaupt lauert überall die totale Reizüberflutung. Die FIFA und Katar wollen, dass dies die beste WM aller Zeiten (was heißt das überhaupt?) wird. Deshalb muss es kräftig glitzern. An jeder Ecke. Schon vor dem Stadion wummern die Bässe von der Pre-Game-Show. Im Stadion ist es sogar noch lauter. Dann heizen Ansager mit lautem Geschrei die beiden Fangruppen an. Die Halbzeit wird zugeballert mit 15 Minuten Party-Musik und Lichtshow. Epilepsie-Warnung wäre definitiv angebracht.

Die Geburt der Wüstenzombies

Generell ist das Leben an vielen Orten der Erde lauter als in Deutschland. Sogar als in Berlin. Ruhe ist ein Luxusgut, das hauptsächlich wohlhabende Menschen auf der Erde haben, wenn man nicht gerade völlig abgeschieden auf dem Land haust. Im Wüstenstaat Katar ist letzteres ohnehin nicht möglich. Und deshalb haben sich die Leute hier an Krach auf den Straßen oder in den Metros gewöhnt. Immer viele Menschen, Handylärm, Babygeschrei, "Metro? This Way!" in Dauerschleife durch mittlerweile schon krächzende, automatisierte Lautsprecher. Dazu performen die Stewards ihre Routinen. Vielleicht filmt es jemand, vielleicht geht alles viral. Vielleicht ist das der Ausbruch aus der Schleife. Weiter. Die Treppen hinab. Kälte.

Dem Kopf wird keine Sekunde Pause gegönnt. Als Mensch, der sowas nicht gewöhnt ist, fühlt man sich mehr und mehr von innen ausgehöhlt. Langsam aber sicher zu einem Zombie verformt, der von Krach angezogen durch die WM-Wüste schlurft.

Zwar nicht immer gleich, aber dafür umso anstrengender für mit diesem System noch nicht vertraute Körper: Es geht in Katar ständig von heiß zu kalt. Und wieder zurück. In einem fort. Weg zur U-Bahn: heiß. Drinnen in der Metro: kalt. Ausstieg am Stadion: Sauna. Auf dem Platz in der Arena: Eisschrank. Katar kühlt die Stadien mit überdimensionalen Klimaanlagen dermaßen herunter, dass sie in Brasilien schimpfen, das würde für Krankheitsfälle in der Mannschaft sorgen.

Menschen, Menschen, Menschen

In endlosen langen Fahrten im Media Shuttle, der die Journalisten vom Medienzentrum zu den Stadien bringt, fliegt die Stadt vorbei. Neben den grauen Bauruinen niemals fertiggestellter Shopping-Malls öffnen sich Wüstenlandschaften inmitten der Stadt. Die "Deutsche Brücke", die der Beeckerwerther Brücke auf der A42 in Duisburg nachempfunden ist, wechselt die Beleuchtung der Schrägseile im Sekundentakt. Toyota Pick-Ups verstopfen die Schnellstraßenlabyrinthe, haben immerhin keine MGs auf den Ladeflächen aufgebaut.

Die Villaggio Mall soll an Venedig erinnern. Gondoliere schippern über nach Chlor stinkende Wasserläufe, der gewölbte Himmel und die omnipräsenten Überwachungskameras schießen einen in die Umlaufbahn der "Truman Show". Von überall plärrt es, überall glitzert es, überall hat es schon einmal gebrannt, überall hat es Unglücke gegeben und überall: Menschen, Menschen, Menschen.

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Die Abwesenheit von Ablenkungsmöglichkeiten unter freiem Himmel treibt sie hier rein. Draußen droht das Tageslicht mit der unnachgiebigen Sonne, die einen erstarren lässt, die jeden Gedanken austreibt. Und drinnen die wüste Nervosität der Reize. Ein Entkommen erscheint unmöglich. Dann besser rüber in die Stadien. Die Stadt-WM ist, wenn man so will, die letzte WM aller Zeiten. Mit 48 Mannschaften verteilt über drei gigantische Länder wird das 2026er-Turnier nicht vergleichbar sein. Katar ist die Verdichtung aller bisherigen Turniere. Katar ist die absolute Reizüberflutung.

Gibt man sich diese WM in Katar über mehrere Wochen mit all ihren Reizen - mit all dem, was die FIFA einem auf die Augen klatscht und um die Ohren haut - hört der Kopf irgendwann auf zu denken. Folgsam schlurft man mit der Masse dahin. Zombie-Modus. Akku leer. Kritische Gedanken? Viel zu anstrengend. Besonders, wenn die schmachvolle DFB-Elf einem auch noch den letzten Schlaf raubt. Hala hala hala yalah hayhm arhbo.

Quelle: ntv.de

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