Fußball

Ex-Trainer feiert 75. Geburtstag Als Heynckes' Hüften zur Legende werden

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Diese Trophäen sind Zeugen von Heynckes erfolgreicher Karriere.

(Foto: imago images/Sven Simon)

Mit unglaublichen 73 Jahren reckt Jupp Heynckes im Mai 2018 noch einmal die Meisterschale in die Höhe. Es ist der Schlusspunkt einer einzigartigen Karriere, zwischen Triple und Terz. Sein Scharmützel mit Christoph Daum ist in die Geschichte eingegangen - genauso wie ein Tänzchen in Berlin.

Und dann war er plötzlich wieder da. Anfang Oktober 2017 kehrte Jupp Heynckes an die Säbener Straße in München zurück. Mit 72 Jahren. Nur "aus Freundschaft" habe er dem Gesuch der Führungsriege um Uli Hoeneß nach der Entlassung von Coach Carlo Ancelotti nachgegeben, ließ er die Öffentlichkeit wissen: "Ich wäre zu keinem anderen Verein der Welt zurückgekehrt, aber der FC Bayern München ist eine Herzensangelegenheit für mich. Ich habe ein sehr gutes Gefühl." Und dieses Gefühl sollte ihn wieder einmal nicht trügen. Am Ende gewann Jupp Heynckes seine vierte Deutsche Meisterschaft mit den Bayern. Seit diesen letzten Tagen auf der Trainerbank im Sommer 2018 ist nun endgültig Schluss. Wahrscheinlich jedenfalls.

Denn das hatte man ja auch schon nach seinem vorletzten Ausscheiden im Jahr 2013 nach dem Gewinn des Triples gedacht. Doch nun saß Jupp Heynckes im Oktober 2017, vier Jahre nach seinem Weggang von den Bayern, bei der Begrüßungs-Pressekonferenz vor den Medienvertretern und erzählte mit zittriger Stimme vom Ableben seiner geliebten Katze und betonte, wie schwer es ihm falle, seinen zwölf Jahre alten Hund Cando, mit dem er jeden Tag zweimal ausgiebig Gassi gehe, zurückzulassen. Nicht nur die Journalisten, sondern auch die vielen Fußballfans an ihren Smartphones und vor ihren Fernsehgeräten hörten interessiert zu.

Und wer es bis zu diesem Tage noch nicht wusste, konnte spätestens in diesem Moment sehen, welch tiefe emotionale Seite der Bayern-Trainer hat. Auch Kalle Rummenigge hatte an diesem Herbsttag offensichtlich sehr aufmerksam den Ausführungen seines neuen, alten Übungsleiters gelauscht, denn zufrieden stellte er hinterher fest: "Wie ich gerade lernen durfte, ist es Jupp gelungen, Hund und Katze zu befrieden. Wer Hund und Katze befriedet, das weiß ich aus eigener Erfahrung, der ist auch in der Lage, den FC Bayern zu trainieren."

Die Sache mit den Socken

"Offenheit, Teamgeist, Ehrlichkeit, Arbeitsmoral hast Du uns vorgelebt", hat Bastian Schweinsteiger dieser Tage in einem offenen Brief zum Geburtstag an seinen ehemaligen Trainer geschrieben. Und wenn man zurückschaut auf die Karriere des Spielers und Coachs Jupp Heynckes, kann man genau diese Eigenschaften, die der Weltmeister von 2014 anführt, wiederentdecken.

Schweinsteiger selbst wird sich bei dem Stichwort "Teamgeist" sicherlich an eine Geschichte besonders erinnern, die man sich im Umfeld des FC Bayern heute noch gerne erzählt. Im Wintertrainingslager in Dubai sollen Toni Kroos und er bei einer Einheit nicht die gleichen Socken wie der Rest der Mannschaft getragen haben - woraufhin sich Heynckes die beiden langjährigen Nationalspieler nach dem Training höchstpersönlich zur Brust genommen haben soll: "Wir haben ein gemeinsames Ziel. Wir brauchen Disziplin. Das fängt bei einheitlichen Socken an!" Man kann sich die Situation bildhaft vorstellen.

Doch die Story täuscht etwas bei einem anderen Wesenszug des Jupp Heynckes. Über die Jahre hat sich der gebürtig aus München Gladbach, dem heutigen Mönchengladbach, stammende Trainer in einer Sache deutlich verändert. Denn früher trug Heynckes seinen Spitznamen "Osram" durchaus zurecht, wie sein ehemaliger Kollege Reinhard Saftig einst erzählte: "Der Jupp Heynckes ist lockerer geworden. Der hatte früher sogar einen Rückspiegel im Bus, um auch auf den hinteren Rängen alles mitzukriegen."

Legendärer Streit im Sportstudio

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Mit Christoph Daum leistete sich Jupp Heynckes ein geschichtsträchtiges Scharmützel.

(Foto: imago/Pressefoto Baumann)

Ältere Fußballfans kennen Heynckes tatsächlich noch genau so. Und das hatte legendäre Auswirkungen, wie sich viele Anhänger der Bundesliga sicherlich noch erinnern werden. Als damals in der Spielzeit 1988/89 ab dem 24. Spieltag der Druck auf die Bayern immer mehr stieg, wurde auch Heynckes zusehends nervöser. Nach einem Sieg der Kölner in Hamburg und der gleichzeitigen Niederlage des Vorjahreszweiten in Gladbach stand der neue Rivale der Münchener, der 1. FC Köln, nur noch drei Punkte hinter den Bayern in der Tabelle. Doch das interessierte den jungen, wilden FC-Nachwuchscoach Christoph Daum überhaupt nicht. Er giftete Richtung München: "Wir sind bis auf einen Punkt an den Bayern dran."

Der selbstbewusst auftretende Kölner Trainer baute einfach öffentlich darauf, dass der FC sein noch ausstehendes Heimspiel gegen die Münchener gewann. Das passte Jupp Heynckes ganz und gar nicht. Verschnupft reagierte er auf so viel Offensivdrang: "Der Daum soll Lotto spielen, da kann er Millionär werden, wenn er alles im Voraus weiß!" Die Sache schaukelte sich damals immer mehr hoch - und endete vor der alles entscheidenden Partie am 31. Spieltag zwischen dem FC und den Bayern in einem echten Highlight in der mittlerweile 57-jährigen Geschichte der Fußball-Bundesliga.

Es war eines der legendärsten Gespräche, das je im "Aktuellen Sportstudio" des ZDF stattgefunden hat. Das Rededuell zwischen Christoph Daum und Udo Lattek auf der einen und Uli Hoeneß und Jupp Heynckes auf der anderen Seite ging in die Liga-Historie ein und prägte auf lange Zeit das Bild der anwesenden Akteure in der Öffentlichkeit.

Die Belohnung für jeden Titel

Ben Redelings ist ein leidenschaftlicher "Chronist des Fußballwahnsinns" (Manni Breuckmann) und Anhänger des ruhmreichen VfL Bochum. Der Autor, Filmemacher und Komödiant lebt im Ruhrgebiet und pflegt sein Schatzkästchen mit Anekdoten. Für ntv.de schreibt er dienstags und samstags die spannendsten und lustigsten Geschichten auf. Weitere Informationen zu Bens aktuellem Buch und seinem gleichnamigen Tourprogramm ("Fußball. Die Liebe meines Lebens") gibt es auf seiner Seite www.scudetto.de.

Daum hatte sich im Vorfeld zu Äußerungen wie "Heynckes könnte auch Werbung für Schlaftabletten machen" oder "Jeder Wetterbericht ist aussagekräftiger als ein Gespräch mit Heynckes" hinreißen lassen. Und als er auch noch giftete - "Die Münchener Journalisten haben mich nach dem Unterschied zwischen Heynckes und einem großen Trainer gefragt" - reagierte nicht etwa der Bayern-Trainer selbst, sondern Manager Uli Hoeneß: "Das Semester der Rhetorik hat der Daum wohl versäumt."

Erst danach schoss auch Heynckes zurück: "Der Daum ist eine billige Lattek-Imitation. Er hat zu viel Hafenstraßen- und Kreuzberg-Niveau. Er hätte den Knopf finden müssen, um sich abzustellen, der braucht doch Medikamente gegen Höhenrausch." Verbal verlor Heynckes damals das Duell gegen Daum, gewann aber schlussendlich sportlich diesen Wettkampf zwischen zwei ganz und gar unterschiedlichen Menschen.

Dass Jupp Heynckes allerdings nicht auch damals schon den einen oder anderen lockeren Spruch draufhatte, zeigt ein Zitat von seinem Wechsel von Borussia Mönchengladbach zu den Bayern aus dem Jahr 1987: "Nach jedem Titelgewinn habe ich mir eine Zigarette genehmigt. Da hat mir unser Präsident Dr. Beyer stets das Feuer gereicht. Ich hoffe, dass ich in München öfter die Gelegenheit habe, mir eine Zigarette anzustecken. Seit acht Jahren bin ich jetzt schon Abstinenzler." Wie wir heute wissen, müssten es nach Adam Riese in der Zeit des Jupp Heynckes bei den Bayern also mindestens vier Zigaretten gewesen sein.

"Dieses Rhythmusgefühl in den Hüften"

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Auch ein Heynckes kann mal locker lassen.

(Foto: imago sportfotodienst)

Und auch etwas anderes entdeckte der Bundesliga-Torschützenkönig der Jahre 1974 und 1975 mit der späten Lockerheit, wie Bastian Schweinsteiger in seinem Geburtstagsbrief ausplauderte. Nachdem die Mannschaft im Frühjahr 2013 eine Woche zuvor in London gegen den BVB die Champions League geholt hatte, hatte dort zu später Stunden noch Heynckes' Co-Trainer Hermann Gerland das Mikrofon ergriffen und gefordert: "Josef, Champions-League-Sieger, ich habe einen Wunsch. Ich möchte, dass Du mal ein wenig lockerer wirst. Denn irgendwann kommt der Sensenmann. Du kommst in den Himmel, ich komme in die Hölle. Davor müssen wir noch mal richtig die Sau rauslassen!" Doch der Trainer behielt die Contenance - noch, wie wir heute wissen.

Denn eine Woche später, nach dem Gewinn des DFB-Pokals und damit des Triples, konnte schließlich auch Heynckes nicht mehr an sich halten, wie Bastian Schweinsteiger sich erinnert: "Die Feier danach in Berlin war die beste, die wir je bei Bayern hatten. Wir hatten eine Location organisiert, irgendwann bist auch Du dort aufgetaucht. Es gab einen Riesenapplaus, und dann haben wir Dich auf der Tanzfläche erlebt. Unvergesslich! Dieses Rhythmusgefühl in den Hüften!"

In der Hoffnung, dass auch heute ein Tänzchen drin ist, gratulieren wir mit den allerbesten Wünschen zum 75. Geburtstag, lieber Jupp Heynckes. Alles Gute und Glück auf!

Quelle: ntv.de