Fußball

Pierluigi Collina wird 60 Auch der beste Schiri der Welt macht Fehler

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Auch seine Mimik machte Pierluigi Collina unverwechselbar.

(Foto: imago images/Camera 4)

Der italienische Schiedsrichter Pierluigi Collina wurde von 1998 bis 2003 sechs Mal zum Welt-Referee des Jahres gewählt. Sein prägnantes Aussehen und seine souveräne Art der Spielführung sind unvergessen. Ebenso wie seine besondere Geste, als Oliver Kahn einst am Boden zerstört war.

Pierluigi Collina so zu reizen, dass er außer Kontrolle geriet, war auf dem Fußballfeld ein Ding der Unmöglichkeit. Selbst als ein Spieler ihn am Hintern tätschelte, blieb der italienische Schiedsrichter erstaunlich ruhig. Doch abseits des grünen Rasens konnte Collina durchaus aus der Haut fahren. Als der Mann mit dem stechenden Blick kurz nach dem WM-Endspiel 2002 zwischen Brasilien und Deutschland, das er souverän geleitet hatte, in seiner Heimat geehrt werden sollte, erlaubte sich der Moderator der Preisverleihung auf Collinas Kosten einige Scherze. Genauer gesagt: Er spottete über die fehlenden Haare des Schiedsrichters. Pierluigi Collina zögerte keine Sekunde und verließ augenblicklich das TV-Studio während einer Live-Sendung. Hinterher erklärte er, dass er Humor sehr zu schätzen wisse, doch Scherze über eine Krankheit, die viele Menschen beträfe und unter der sie häufig stark litten, zu machen, würde zu weit gehen.

Collina selbst hat lange Zeit gebraucht, bis er seine Erkrankung Alopezie, die ihn im Alter von 26 Jahren quasi über Nacht komplett kahl werden ließ, zu akzeptieren lernte. Seine Denkweise über sein Agieren als Schiedsrichter hat diese Krankheit und das daraus resultierende prägnante Äußere sehr beeinflusst. So konnte Collina nie viel mit dem Satz "Der beste Schiedsrichter ist der, der am wenigsten auffällt" anfangen. Das war in seinem Fall naturgemäß ein Ding der Unmöglichkeit.

Fehlerlos? Keine Chance

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Collina tröstete Oliver Kahn nach dessen Patzer im WM-Finale 2002.

(Foto: imago images/Ulmer)

Doch auch etwas anderes, das ihm die älteren Schiedsrichter mit auf den Weg gaben, konnte und wollte Collina nicht akzeptieren. Er glaubte von Anfang an nicht an den "fehlerlosen Unparteiischen", den die erfahrenen Kollegen als die oberste Maxime für die Leitung eines Spiels ausgaben. Für den Italiener stand und steht bis heute fest: "Fehler hat es immer gegeben und wird es immer geben." Für Collina war etwas anderes entscheidend: Wie geht man mit einem einmal gemachten Fehler um? Für ihn gab es da nur eine Lösung: "Sich vollkommen abzuschotten ist unmöglich. Und daher ist es viel besser, die Initiative zu ergreifen, um zu zeigen, dass der Fehler nur ein Ausrutscher war." Diese Offenheit und der daraus sich ergebende handfeste Pragmatismus zeichnen den Mann, der von 1998 bis 2003 sechs Mal in Folge zum Welt-Referee des Jahres gewählt wurde, bis heute aus.

Bei der Weltmeisterschaft 2018 in Russland war es Pierluigi Collina, der federführend die Arbeit der VARs zu verantworten hatte. Ausgerechnet der Mann, der noch 2003 in seinem Buch "Meine Regeln des Spiels" erklärt hatte: "Ich persönlich glaube nicht an eine technologische Lösung des Problems mit dem Einsatz des Videobeweises auf dem Spielfeld." Doch als man ihn Ende 2014 noch einmal konkret mit den neuen Möglichkeiten konfrontierte und ihn dafür gewinnen wollte, am systematischen Aufbau dieser Technologie mitzuarbeiten, sagte Collina aufgrund seiner umfangreichen Erfahrungen als einer der weltbesten Unparteiischen zu. Denn eins hatte er rückblickend verstanden: "Du kannst der beste Schiedsrichter der Welt sein, aber wenn du in einem wichtigen Spiel einen Fehler machst, kann in dieser einen Sekunde deine Karriere vorbei sein. Die Unterstützung des VAR ist deshalb nur logisch."

"Da war jemand, der gut fand, was ich tat"

Und genauso offen, wie er einst seine eigenen, wenigen Fehlentscheidungen auf dem grünen Rasen kommunizierte, spricht Collina heute über die Probleme des Videobeweises: "Ich habe damals im November 2014 das erste Mal überhaupt von der Idee gehört. Wir haben also erst fünf Jahre von dem Nichts bis zu dem, was heute da ist, zurückgelegt. Natürlich sind wir noch immer dabei, die ganze Sache zu verfeinern und zu verbessern. Insbesondere die Zeit der Entscheidungsfindung muss dringend reduziert werden. Wir sind da noch lange nicht am Ende der Entwicklung angekommen." Das sind klare Worte, die man sich so auch in Deutschland in den Wochen und Monaten nach der Einführung gewünscht hätte. Doch stattdessen wurde versucht, die Fehler kleinzureden. Ein Weg der Problembewältigung, den der ehemalige italienische Weltklasse-Schiedsrichter für sich und sein Leben ausgeschlossen hat.

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Als Collina im Herbst 2019 in Nürnberg den Walther-Bensemann-Preis der "Deutschen Akademie für Fußballkultur" verliehen bekam, erzählte er mit seinen berühmten leuchtend blauen Augen von dem Tag, als für ihn im Alter von 17 Jahren in seiner Heimatstadt Bologna all das begann, wofür er heute steht. Damals nahm er an einem Schiedsrichterkurs seiner Schule teil. Irgendwann an diesem Tag sagte jemand zu ihm: "Du machst das nicht schlecht!" Collina erinnert sich genau an diesen Moment, der den Fortgang seines ganzen weiteren Lebens so nachhaltig beeinflussen sollte: "Da war jemand, der gut fand, was ich tat. Ich hätte an diesem Tag den Mount Everest besteigen können, so viel hat mir diese Aussage bedeutet. Wegen dieses Mannes ist das aus mir geworden, was ich heute bin."

Collina, der seine Fassung auf dem grünen Rasen nie verlor, zeigte menschliche Größe, als ein anderer fassungslos versuchte zu begreifen, was da gerade mit ihm geschehen war. Der deutsche Nationaltorhüter Oliver Kahn, der eine Weltmeisterschaft der Superlative gespielt hatte, hatte ausgerechnet im Finale einmal gepatzt. Nach dem Endspiel saß er zuerst minutenlang am Torpfosten und tigerte anschließend mit hängendem Kopf durchs Stadion. Collina tat an diesem Abend etwas durchaus Ungewöhnliches für einen Schiedsrichter. Er ging zu Kahn hin, gab ihm die Hand und legte ihm einen Arm auf die Schulter. Später sagte er einmal über diesen besonderen Augenblick: "Er hatte einen Fehler gemacht. Ich wusste genau, wie er sich in diesem Moment gefühlt hat!"

Am 13. Februar 2020 feiert Pierluigi Collina seinen 60. Geburtstag.

Quelle: ntv.de