Fußball

Existenzangst überschattet 0:1 Chemnitzer FC zerbricht am Boykott-Chaos

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Nur 4566 Fans kamen ins Stadion.

(Foto: imago images / HärtelPRESS)

Rassismus-Eklat, Insolvenzgefahr, Fan-Boykott: Fußball-Drittligist CFC richtet sich selbst zugrunde. Bei der Niederlage gegen 1860 München geht die Existenzangst um - während der Verein keine Antwort auf das Rechtsradikalismus-Problem findet.

"Wir lassen uns nicht erpressen", steht auf einem Banner geschrieben, das die Chemnitzer Fans vor der Südkurve aufgehängt haben. Die verbliebenen Fans, muss es heißen. Denn die Kurve ist nicht voll, mehrere Ultra-Gruppierungen boykottieren die Drittliga-Partie am Freitagabend gegen die Kellerkollegen von 1860 München. Der Boykott und das Banner sind Antworten auf Geschäftsführer Thomas Sobotzik. Er hatte den CFC-Spielern nach der Begegnung bei Bayern München II vergangene Woche verboten, in die Kurve zu gehen, nachdem er von CFC-Anhängern als "Judensau" beleidigt worden war. Doch den Chemnitzer Fans geht es um viel mehr. Sie haben Angst um die Existenz ihres Klubs.

Mehr Keller geht nicht. Das Duell zwischen den Himmelblauen und den Löwen ist die Partie zwischen dem Verein, der am längsten auf einen Heimerfolg wartet (Chemnitz, drei Punkte nach sechs Spielen) und dem, der seit dem 9. März nicht mehr in der Fremde gewonnen hat (München, fünf Punkte). Der CFC könnte also gerade jetzt jede Unterstützung gebrauchen. Doch es kommen lediglich 4566 Zuschauer - 5598 waren es beim letzten Heimspiel gegen Magdeburg - und 1860 München schafft es ausgerechnet gegen die Sachsen, seine Negativserie zu durchbrechen. Dank des späten Treffers von Leon Klassen (77. Minute) siegen die Bayern mit 1:0 in einem Spiel, das vor allem in der ersten Halbzeit von Langeweile und Fehlpässen geprägt ist. Die Talfahrt geht für den CFC auch sportlich weiter - er belegt jetzt den vorletzten Tabellenplatz.

"Wir werden nicht mitgenommen"

Draußen vor dem Stadion harren derweil einige der Ultras aus. Sie wollen Präsenz zeigen, ins Stadion gehen sie nicht. Einer von ihnen ist Fansprecher von "Fanszene Chemnitz" und will namentlich nicht genannt werden. Er erklärt gegenüber n-tv.de den Grund für den Boykott. "Die Fans werden von den Verantwortlichen immer stärker übergangen. Das war auch bei der Mitgliederversammlung so. Wir werden nicht mitgenommen." Seit jener Versammlung vor knapp zwei Wochen, bei der die Wahl eines neuen Aufsichtsrats scheitert, ist der Klub quasi führungslos und Insolvenzverwalter Klaus Siemon bleibt der starke Mann. Der Fansprecher, Bier in der Hand, ist Mitte 20 und seit 19 Jahren CFC-Fan. "Aber Sobotzik und Siemon kamen einfach hierher, haben die GmbH ausgegründet und auf die Fans und unsere Bedürfnisse wurde überhaupt nicht eingegangen", sagt er. "Wir haben kein Mitspracherecht mehr." Mit dem Boykott wollen die Ultras sich eine Stimme verschaffen.

Für den Fansprecher vor dem Stadion gibt es mit dem Verein kein Miteinander mehr: "Die wollen die kritischen Fans aus dem Stadion raushaben." Tatsächlich kursiert in einigen Medien die Debatte, ob es einen Ausschluss des CFC aus dem Ligabetrieb geben könnte. Schließlich knabbert der CFC an einem Konkursverfahren, das sich zieht und viel Unmut verbreitet. Die Fans wittern eine Verschwörung, hassen die Ausgliederung der Fußballabteilung seit Januar 2019 als GmbH, die nun von mehreren Gesellschaftern gehalten wird. Sie haben Angst, dass der Klub eingestampft werden soll - oder mindestens seine Identität verliert. In ihren Worten spürt man Verbitterung. Verbitterung des abgehängten Ostens, gegen den "die da oben" konspirieren. Was bleibt dem "kleinen Mann"? Sein Fußballverein - der ihm jetzt auch noch genommen werden soll. Mit einer ähnlichen Rhetorik strebt die AfD bei der Landtagswahl am Sonntag an, stärkste Kraft zu werden.

Angst vorm Ausverkauf

"Unsere größte Angst ist, dass es so wird wie bei RB Leipzig: ohne Seele, eine reine Geldmaschine", sagt ein eher gediegener Fan, der auf der Gegengerade sitzt. "Dann gehen wir zur A-Jugend oder nach Zwickau, aber nicht mehr hier ins Stadion." Die  Angst vorm Ausverkauf geht um und die CFC-Anhänger fühlen sich hilflos. Die Kluft zwischen Fans und Vereinsführung scheint kaum noch überwindbar. "Der Boykott heute bringt auch nichts, Sobotzik und Siemon werden einfach so weitermachen", sagt der langjährige Chemnitz-Unterstützer.

Der Mann sieht aber auch noch andere Probleme im Verein, nämlich "Rassismus und rechtsradikales Gedankengut", das mittlerweile "leider in ganz Deutschland und besonders in Chemnitz weit verbreitet" sei. Er vermisst klare Aktionen seitens des CFC dagegen. Er habe auch gehört, dass Fans, die für Vielfalt einstehen, im Stadion massiv bedroht wurden. Die Himmelblauen bekommen ihr Problem mit rechtsradikalen Fangruppen nicht in den Griff. Vor genau einem Jahr finden in Chemnitz Hetzjagden auf Menschen statt, die für die Angreifer nach Asylsuchenden oder "ausländisch" aussehen. Auch die Hooligan-Gruppierung "Kaotic Chemnitz" und die aufgelöste Gruppe "NS-Boys" sind daran beteiligt. Am 9. März dieses Jahres halten Hooligans eine Gedenkfeier für einen verstorbenen rechtsradikalen Fan im Chemnitzer Stadion ab. Wenig später besucht der Kapitän Daniel Frahn mit Personen der obigen Gruppierungen ein Fußballspiel und wird entlassen. Es folgen Hakenkreuz-Graffiti auf Stadion-Toiletten und der Rassismus-Eklat beim Spiel bei Bayern München II.

Zeichen gegen Rassismus? Fehlanzeige!

"Was da letzte Woche in München passiert ist, war natürlich scheiße", sagt der Ultra-Fansprecher gegenüber n-tv.de. Er selbst sei nicht auswärts dabeigewesen, habe aber in mehreren Chat-Gruppen gehört, dass die Aussagen nur von vereinzelten Personen gestammt haben können, weil die meisten nichts davon mitbekommen hätten. "Leider gibt es Rassismus bei uns im Stadion, so aber auch in jedem anderen Stadion in Deutschland", sagte er. "Aber bei uns wird das natürlich wieder hochgeschaukelt." Ein Zeichen gegen Rassismus will die "Fanszene Chemnitz" aber nicht setzen. Ihnen geht es darum, dass die Führung sie ernst nimmt - und um die Existenz ihres Vereins.

Und der Verein? Bei der Trennung von Ex-Kapitän Frahn lässt der CFC verlauten, ein "Bollwerk gegen Rechtsradikalismus" sein zu wollen. Und doch schweigt er beim Spiel gegen 1860 mal wieder, trotz all der Eklats. Kein Aufruf gegen Rassismus und für Vielfalt vor dem Anpfiff, kein Banner, keine Videobotschaft. Besonders im Hinblick auf die Äußerungen vom vergangenen Wochenende hat der Verein hier eine Chance verpasst. Er hätte sogar zwei Fliegen mit einer Klappe schlagen, die Rechtsradikalen verurteilen und den Schulterschluss mit der Fan-Mehrheit erreichen können.

Weiter bergab für Baustellen-Klub

Doch so herrscht im Stadion an der Gellertstaße vor allem Stille. Der Boykott wirkt. Das komplette Spiel über hört man fast nur den Gästeblock aus München. Dabei bäumt sich der CFC zum Schluss noch mal auf und wird endlich auch von den Zuschauern nach vorne gepeitscht. Vergebens. Geackert, aber wieder geht's bergab. Das 0:1 gegen München steht sinnbildlich für die Baustellen-Situation der Himmelblauen.

Schnell verschwinden die Fans nach dem Abpfiff. Das Team hat diesmal kaum eine Chance, zu seinen Unterstützern zu gehen. Es präsentiert sich dem kleinen verbliebenen Rest der Kurve dann aber doch und erntet warmen Applaus. Hinter der Mannschaft stehen die Fans weiterhin. Sie hoffen, ihre Spieler noch lange unterstützen zu dürfen - ohne sich dabei zu einem Ausverkauf erpressen lassen zu müssen.

Quelle: ntv.de