Fußball

30. Todestag von Lew Jaschin Der Übertorwart schwor auf Schnaps

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Jaschin im Duell mit dem deutschen Nationalstürmer Uwe Seeler im WM-Halbfinale 1966 ...

(Foto: imago sportfotodienst)

Lew Jaschin gewinnt als bisher einziger Torwart den Ballon d'Or, hält 151 Elfmeter und gilt bis heute als Jahrhundertkeeper. Heute jährt sich sein Todestag zum 30. Mal. Wir blicken zurück auf eine Karriere voller Höhen und Tiefen, in der Jaschin sich fast für Eishockey entschieden hätte.

Jedes Wochenende fuhr Lew Jaschin zwischen 1950 und 1970 mit seinem himmelblauen Wolga aus Moskaus Innenstadt hinaus an den See, um zu angeln. Während er eine Zigarette nach der anderen rauchte, genoss er die Stille und wartete auf das Anbeißen der Fische. Seine Frau Walentina verriet: "Vor den Spieltagen ging Lew gerne fischen. Wenn er etwas fing, schaute er dem Spiel gelassen entgegen."

Lew Jaschin, geboren am 22. Oktober 1929, galt als herausragendes Bewegungstalent. Erst spät legte er sich auf den Fußball fest. Davor versuchte er sich im Hochsprung, im Boxring, beim Wasserball, Eisschnelllaufen, im Fechten, Tennis und: Eishockey. Darin war er sogar so gut, dass er kurz vor der Nominierung in den sowjetischen Kader für die Eishockey-WM in Stockholm stand. Mitgefahren ist er nicht, weil er sich dann doch für den Fußball entschied. Jetzt, 50 Jahre nach seinem Karriereende und 30 Jahre nach Jaschins Tod, kann man sagen: zum Glück!

Angefangen hat alles während des Zweiten Weltkriegs, als Lew Jaschin in der Werksmannschaft der Rüstungsfabrik, in der er arbeitete, Fußball spielte. Dort machte er Dynamo Moskau auf sich aufmerksam und trat so 1949 im Alter von 20 Jahren dem Klub bei, den er bis zum Karriereende nicht mehr verlassen würde. Zu Beginn fiel es Jaschin schwer, bei Dynamo Fuß zu fassen und sich zu behaupten. Er kassierte bei seinem ersten Einsatz ein Tor durch den Abstoß des gegnerischen Keepers, die nächsten Spiele brachten wenig Besserung. Der Trainer beorderte Jaschin direkt wieder auf die Bank - ganze drei Jahre ließ er ihn dort schmoren. Die Karriere schien beendet, bevor sie überhaupt richtig begonnen hatte.

"Viel Arbeit, sonst nichts"

Doch Jaschin trainierte weiter jeden Tag, hielt sich mit anderen Sportarten fit, arbeitete akribisch, fast manisch an sich und seiner Fitness. "Viel Arbeit, sonst nichts", beschrieb er Jahre später diese Zeit. 1952 wurde er bei Dynamo Moskau zum Stammtorhüter, fünfmal gewann er die Meisterschaft, dreimal den Pokal. Weltweite Bekanntheit erlangte Jaschin bei der Fußball-Weltmeisterschaft 1958: Auch wenn die Sowjetunion im Viertelfinale scheiterte, wurde das Ausnahmetalent zum besten Torwart des Turniers gewählt. Jaschin spielte seine gesamte Karriere für Dynamo Moskau. Als einziger Torwart in der Fußball-Geschichte konnte Jaschin den Ballon d'Or gewinnen und im Jahr 2000, zehn Jahre nach seinem Tod, kürte ihn die Fifa zum "Jahrhundertkeeper".

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... und Jaschin mit Seeler bei einem kalten Getränk 1974.

Sein Torwartspiel war einzigartig. Schnell begann er die Rolle des Keepers zu revolutionieren. 1958 war er der erste Keeper, der Handschuhe trug. Er wurde bekannt für sein sicheres Passspiel und seine lauten Spielanweisungen. "Er spielt besser Fußball als ich", sagte einst der italienische Ex-Nationalspieler Sandro Mazzola. Seine Ausnahmeleistungen könnten auch an Jaschins Ritualen vor dem Anpfiff gelegen haben. Nicht nur das Angeln versetzte ihn in die richtige Stimmung. Vor jedem Spiel schmiss er sich in seine immer gleiche Ausrüstung: schwarze Stutzen, schwarze Hose, schwarzes Trikot, schwarze Kappe. Und: "Ich habe einen ganz einfachen Trick", erklärte er. "Ich rauche eine Zigarette, um die Nerven zu beruhigen, und trinke anschließend einen Schluck Schnaps, um die Muskeln zu stärken."

1968 teilte sich Jaschin in Rio de Janeiro ein Zimmer mit dem Hamburger Innenverteidiger Willi Schulz. Beide waren eingeladen, in einem Benefizspiel der Fifa-Weltauswahl mitzuspielen. Schulz erinnerte sich noch Jahre danach an das erste Aufeinandertreffen der beiden im Hotel, als Jaschin mit einem einzigen Koffer das Zimmer betrat. "Den Koffer legte er aufs Bett und machte ihn auf. Darin waren nur zwei Flaschen Wodka und zwei Dosen Kaviar", erzählte der 66-malige deutsche Nationalspieler. "Wir haben uns dann einige gemütliche Stunden gemacht." Am Morgen danach hat die Weltauswahl gegen Brasilien mit 1:2 das Nachsehen - vielleicht war die Verteidigung nicht ganz bei Kräften.

"Black Panther" schüchterte die Gegner ein

Jaschin war der Denker-Typ, versuchte stets das Spiel seiner Gegner zu erahnen, antizipierte jeden Schuss, jeden Laufweg und hechtete dann leichtfüßig und schnell durch den Strafraum. Jede Bewegung wirkte eleganter als die zuvor. Seine Gegenspieler und die Journalisten gaben ihm Spitznamen wie "Schwarze Spinne" oder "Black Panther", der gegnerische Stürmer "mit seiner Statur und der schwarzen Kleidung ganz schön einschüchterte", wie der englische Nationalspieler Tom Finney erzählte, der bei der WM 1958 einen Elfmeter gegen Jaschin verwandelte. Damit sollte er einer von ganz wenigen bleiben: Der Legende nach hat Jaschin in seiner Karriere insgesamt 151 Elfmeter gehalten, so viele wie kein anderer Torwart jemals. "Jaschin ist der beste Torwart der Welt", sagte der ehemalige englische Nationalkeeper Gordon Banks. "Und das steht völlig außer Frage." 270 Mal spielte er im Laufe seiner Karriere zu null, neunmal innerhalb von elf Jahren wurde Jaschin zum besten Torwart Europas gewählt.

1970 beendete Jaschin seine aktive Karriere nach seiner vierten WM, arbeitete danach weiter bei Dynamo, unter anderem als Jugendtrainer. In Moskau sind Dutzende Straßen nach ihm benannt, es gibt Jaschin-Statuen, das neu gebaute Dynamo-Stadion trägt seinen Namen. 1984 wurde bei Jaschin eine Thrombose im rechten Bein diagnostiziert, es musste amputiert werden, 1989 folgte das zweite. Am 20. März 1990 starb der Jahrhundertkeeper, der Torwart-Pionier, das eigenwilligste Schlusslicht der Welt in Moskau. Niemand hat ihn bis heute vergessen.

Quelle: ntv.de