Fußball

"Dixie" machte, was er wollte Der sturste Fußballer der DDR

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DDR-Legende: "Dixie" Dörner.

(Foto: imago images/Magic)

Hans-Jürgen "Dixie" Dörner war ein Gentleman, aber auch ein sturer Typ. Er war von seinem Spiel so überzeugt, dass er sich von Trainern nicht reinreden lassen wollte. Das zwang ihn sogar zu einem vorzeitigen Ende seiner Spielerkarriere. Nachruf auf eine Legende des DDR-Fußballs.

Über Hans-Jürgen "Dixie" Dörner gibt es Dinge, die muss man nicht unbedingt wissen. Etwa, dass er einer der ersten Fußballer der DDR war, der sich eine Dauerwelle machen ließ. Man kann das belächeln, aber tatsächlich war das in den 70er-Jahren ein Thema, über das gesprochen wurde. Nicht so emotional allerdings wie über das Ende seiner Fußballer-Karriere. Der Abschied fiel schwer. Im Sommer 1986 musste er seinen Herzensklub, die SG Dynamo Dresden, verlassen. Sein ehemaliger Teamkollege und neuer Cheftrainer Eduard Geyer wollte das so. Er hatte sportliche Ideen, die mit "Dixie" nicht durchzusetzen waren, wie Thomas Schmidt, der ehemalige Sportchef der "Morgenpost" in Dresden unserer Redaktion nun erzählt. Eine Geschichte, die so bislang kaum bekannt war.

Neue sportliche Ideen, die waren grundsätzlich nicht mit "Dixie" zu machen. Der Gentleman neben dem Platz war ein sturer Spieler auf dem Feld. Und er hatte dafür seine Gründe. Denn Hans-Jürgen Dörner, der in der Nacht zu Mittwoch im Alter von 70 Jahren nach schwerer Krankheit starb, war ein herausragender Fußballer. Ein genialer, ein moderner Stratege. Über Dörner erzählt man, dass er immer gut spielte. Eine Partie, in der "Dixie" mal nicht lieferte, ist im kollektiven Gedächtnis der DDR nicht verfangen. Vielleicht gab es sie tatsächlich nicht? Vielleicht überstrahlt die Erinnerung an jenen, der den Fußball im Land auf eine völlig neue Weise interpretiert und geprägt hatte, auch einfach mögliche Erbstücke der Schwäche?

Nun, "Dixie" war eine Ikone. Schon mit Anfang 20 war er Libero und Regisseur in einem. Eine Rolle, die eigentlich den Älteren in den Teams vorbehalten war. Aber "Dixie" war die eben Perfektion auf dieser Position. Obwohl er eigentlich als Stürmer ausgebildet worden war. Er konnte eben alles, überall. Alle Angriffe seiner Mannschaften wurden von Dörner initiiert. Weil er spielte, wie er spielte wurde er zum "Beckenbauer des Ostens" gemacht. Ein Vergleich, der ihm in jungen Jahren gefiel. Aber je älter Dörner wurde, je mehr er den Fußball prägte, desto mehr ärgerte in die Schmeichelei. Dörner war Dörner. Und nicht Beckenbauer. Fünf Mal wurde er mit der SG Dynamo Dresden Meister, vier Mal gewann er den Pokal. 100 Spiele bestritt er für die Nationalmannschaft der DDR, mit der er 1976 in Montreal sensationell Gold bei Olympischen Spielen gewann. Gegen die hoch favorisierten Polen.

Große Siege, historische Niederlagen

Womöglich war das Finale (3:1) das größte Spiel seiner Karriere. Vielleicht war es das Spiel, dass ihn zur Legende machte. Legenden brauchen so etwas, so ein Spiel, das an ihnen erzählt wird. Das ihnen auf ewig nachhängt. Helmut Rahn hat so einst, Uli Hoeneß, Jürgen Sparwasser, Andi Brehme oder auch Bastian Schweinsteiger, der sich 2014 im WM-Finale gegen Argentinien aufopferte. Bei "Dixie", der übrigens selbst nicht wusste woher dieser Spitzname kam, war das aber eben anders. Der hat diese Heldenspiele gehabt, aber er war oft nicht der alleinige Protagonist. Gegen Polen spielte er überragend, gab der Mannschaft Sicherheit und Stabilität. Aber da waren eben auch noch Reinhard Häfner, der mit dem 3:1 (84.) das Gold fixierte, da waren aber auch noch Wolfram Löwe und Hans-Jürgen Riediger, die die Polen fortwährend stressten.

Mit Dörner erlebte der Fußball in der DDR seine herausragende Zeit. Und so wurden die Spieler der Generation zu Helden. Und "Dixie" einer ihrer größten. Auch deshalb war die Enttäuschung bei den Fans von Dynamo groß, als Dörner den Klub verlassen musste. Mit ihm hatten sie schließlich die großen Siege gefeiert und legendäre Niederlage durchlitten, wie etwa gegen den FC Bayern (1973, 3:4 in München, 3:3 in Dresden im Europapokal der Landesmeister) unter dem legendären Trainer und großen Förderer von "Dixie", Walter Fritzsch oder gegen Bayer 05 Uerdingen (3:7, im März 1986 im Rückspiel des Europapokals der Pokalsieger). Auch für den Verein war die Trennung nicht einfach, aber die Entscheidung halt rational.

Mit "Ede" Geyer hatte er sich für den Startrainer der DDR entschieden. Ein Mann für die Zukunft. Das war Dörner mit seinen 35 Jahren nicht mehr. Und so endete seine Karriere plötzlich und überraschend. Geyer hatte offenbar geahnt, dass es zwischen ihm und dem Spieler knirschen würde. Wie es oft zwischen Dörner und seinen Trainer knirschte, wenn die Dinge anders laufen sollten, als sich der Spieler das gewünscht hatte. Die Alphatiere machten aber nie eine große Sache draus. "Die Nachricht (Anmerk. d. Red.: vom Tod Dörners) hat mich umgehauen, ich bin tief betroffen und fassungslos", sagte Geyer nun zum Sportinformationsdienst: "Dixie und ich haben viele Kämpfe ausgetragen. Er hatte das gewisse Etwas und war eine Inspiration für viele Fußballer."

Erster DDR-Trainer im Westen

Womöglich stand die eigene Überzeugung auch einer großen Trainerkarriere von Dörner im Weg. Nach dem Ende der DDR arbeitete er jahrelang im Nachwuchs des DFB, ehe er das Angebot von Werder Bremen annahm und sich als erster Trainer aus dem Osten in der Bundesliga probierte - mäßig erfolgreich, nach anderthalb Jahren war das Abenteuer beendet. Dörner schob das auch auf das schlechte Standing der Osttrainer. Danach verschwand er von der großen Bühne. Dort tauchte er nur noch gelegentlich auf, war aber stets gern gehört, wenn es um Dynamo ging. Auch als Mitglied des Aufsichtsrats.

Vor ziemlich genau einem Jahr, zu seinem 70. Geburtstag, gab er seinem Herzensklub, für den er 558 Mal auflief und erstaunliche 101 Tore erzielte, ein großes Interview. Er blickte auf seine Karriere zurück. Und war dankbar. So wie die Dinge gelaufen waren, so waren sie gut gelaufen, fand er. Für die Zukunft hatte er einen großen Wunsch geäußert: Gesundheit. Dieser ging nicht in Erfüllung, nach schwerer Krebserkrankung ist er an diesem Mittwoch gestorben.

Quelle: ntv.de

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