Fußball

"Glück aus" Der verzweifelte Kampf um Schalke 04

imago0087066485h.jpg

(Foto: imago images/biky)

Das Chaos beim FC Schalke 04 wird immer größer. Zwei Spieler sind suspendiert, ein Neuzugang muss gehen. Dazu kommt die Trennung vom Kaderplaner. Nur die Fans kämpfen noch. Schalke, was hat dich bloß so ruiniert?

Ein Spaziergang über die Schalker Meile, das wäre mal was. Einfach mal vorbeilaufen an Frittenschmieden und Trinkhallen. Einfach mal den Blick heben, die 1000 Feuer sehen. Den Rost der alten Zechen. Einfach mal die Vergangenheit und Gegenwart der Stadt spüren. Der Stadt Gelsenkirchen, in der jahrzehntelang schwer malocht, in der für eine gute Zukunft gekämpft wurde. Trotz all der harten Rückschläge. Die Stadt, sie ist vielen Menschen in Deutschland (die meisten waren sicher nicht da) ein Synonym für Tristesse und hohe Arbeitslosigkeit geworden. Ein Synonym für abgehängt und aufgegeben. Ein Spaziergang über diese Schalker Meile, das wäre mal was für Fußballer wie Nabil Bentaleb und Amine Harit.

Die Schalker Meile, sie steht nämlich auch für ein anderes Gelsenkirchen. Trotz der unverkehrbaren Spuren der harten Vergangenheit. Die Meile, wo links und rechts die Autos fahren, in der Mitte die Straßenbahn, sie steht für die Leidenschaft der Stadt, für den Stolz. Den Stolz auf den FC Schalke 04, ihren FC Schalke 04. Die Straße, sie ist ein blau-weißes Freilichtmuseum. Eine Pilgerstätte für die Fans. Hier wird der Gang zum Stadion zelebriert. Hier gibt's das Weg-Bier, die Currywurst, das Schnitzel. Seit Jahrzehnten. Nur in diesem Jahr kaum bis gar nicht. Und das liegt keineswegs an dem nicht enden wollenden sportlichen Horror der Mannschaft von 24 Ligaspielen ohne Sieg (!). Das liegt vor allem an der Corona-Pandemie, die den Gang ins Stadion verhindert.

Denn trotz einer Phase, die kein Fußballer des FC Schalke 04 je zuvor erlebt hatte, würden die Anhänger kommen. Sie würden leiden, sie würden pfeifen, sie würden schimpfen. Aber sie würden kämpfen. Wohl kein Klub in Deutschland, nicht mal der benachbarte BVB, hat über 116 Jahre hinweg eine so tiefe und krisenfeste Verbindung zu seinen Fans aufgebaut, wie die Gelsenkirchener. Umso mehr wird es nun jeden Einzelnen von ihnen zur inneren Eskalation bringen, wenn die teuer bezahlten Spieler sich nicht absolut diesem Klub hingeben. So wie es Harit und Bentaleb vorgeworfen wird. Sie sind nun suspendiert.

"Schalke ist tot, da will ich auch nicht mehr leben"

Wie exzessiv und in Teilen auch dramatisch überhöht diese Liebe auf Schalke ist, das erzählt eine traurige Geschichte aus dem Jahr 1981. Schalke spielt am 32. Spieltag zu Hause gegen den 1. FC Nürnberg. Nach dem 1:1 ist die Lage quasi aussichtslos. Es ist fast entschieden: Die Königsblauen müssen wohl runter in die zweite Liga. Das ist für einen 18-jähriger Anhänger zu viel. In seiner Verzweiflung stürzt er sich unmittelbar am Parkstadion von einer Brücke auf die Straßenbahnschienen. Er stirbt am nächsten Tag. In seiner Jackentasche findet die Polizei einen Zettel: "Schalke ist tot, da will ich auch nicht mehr leben."

Die Identität des Klubs, das sind die Fans. Sie tragen den Stolz. Der FC Schalke 04 ist ohne seine Anhänger schlicht unvorstellbar. Und genau das macht die Lage im Moment auch so dramatisch. Am Ernst-Kuzorra-Weg 1 auf dem Berger Feld arbeiten sie in diesen Tagen fast ungestört vor sich hin. Da ist kein starkes Korrektiv, kein starkes Urgestein, kein starker echter Schalker, der den Herren Geschäftsführern um den angeschlagenen Sportvorstand Jochen Schneider den Kopf wäscht. Und da sind auch keine Fans, keine Trainingsplatz-Rentner, die mit ihrer ehrlichen Schnauze die Missstände beim Namen nennen.

Als Schalke 1981 tatsächlich zum ersten Mal aus der Fußball-Bundesliga abstieg, war das eine Katastrophe für diesen Verein. Damals war ein Anker, ein Gesicht nach innen und außen das Betreuer-Unikum Charly Neumann. Jeder Königsblaue kennt noch die Bilder vom Kaiserslauterer Betzenberg, als Neumann nach dem endgültigen Abstieg vom Ex-Schalker Hannes "Spargeltarzan" Bongartz gestreichelt und geknuddelt wurde. Unter Tränen stammelte Charly: "Ich hätte das nie geglaubt!" Dann reckte er die Arme flehend gen Himmel, nahm einen jungen Schalker in seinen kräftigen Arm, der hemmungslos alles Elend der Welt aus seinen Augen presste, und predigte lautstark und voller Überzeugung: "Wir steigen wieder auf, wir gehen nicht unter!" Gefühle pur. Ob echt oder ein wenig inszeniert - egal!

"Clemens, kümmere dich um Schalke!"

Genau diese Emotionen fehlen im Augenblick auf Schalke. Man mag es sich zwar nicht ausmalen, dass die Königsblauen tatsächlich zum vierten Mal den Gang in die zweite Liga antreten müssen, doch was noch schlimmer als ein Abstieg wäre: Dieses Mal wäre es ein Abschied ohne großes Drama. Die Fans, die diesen Niedergang erst zur eigentlichen Tragödie machen würden, dürfen nicht ins Stadion, nicht zum Training, nicht mal auf die Meile, wo ihre Kneipen und Restaurants im Lockdown sind. Sie leiden zu Hause. Still.

Die bittere Ironie dieses Trauerspiels wird noch dadurch überhöht, dass es im Sommer ausgerechnet die Anhänger waren, die eine langjährige Führungsgestalt aus dem Haus gejagt haben. Ob Clemens Tönnies tief drinnen stets nur das Wohl des Klubs im Sinn hatte, darf wenigstens bezweifelt werden. Die Gründe für seinen erzwungenen Abgang waren erdrückend, doch Tönnies hatte eine emotionale Bindung zum Verein. Sein Bruder Bernd, der noch im Krankenhaus nur an den Klub dachte ("Ein gutes Dutzend neuer Schalke-Mitglieder habe ich schon geworben. Ich habe den Ärzten sofort gesagt: Hier darf keiner nur eine Hand an mich legen, wenn er nicht sofort die Beitrittserklärung unterschreibt. Das hat gewirkt"), soll bei seinem letzten Gespräch auf dem Sterbebett Clemens mit auf den Weg gegeben haben: "Kümmere dich um Schalke!" Und das tat er fortan.

Doch Clemens Tönnies ist es auch gewesen, der maßgeblich an der Demission der letzten großen Identifikationsfigur, Rudi Assauer, mitgewirkt hat. Das Vakuum, das Assauer nach seinem Rücktritt im Jahr 2006 hinterließ, füllte Tönnies fast im Alleingang aus. Nun, nach dem Ausscheiden des Fleischproduzenten aus Rheda-Wiedenbrück aus dem Verein, klafft bei den Königsblauen ein riesiges Loch. Und diese Leere ist brutal. Denn auch wenn der Klub im klassischen Sinne nicht führungslos ist, steht er dennoch kurz vorm Exodus. Denn viel schlimmer als ein führungsloser Klub ist ein Verein, der ohne gefühlte und erlebte Identität auf der rauen Bundesliga-See bestehen muss. Dieses Vorhaben kann eigentlich nur schiefgehen.

Nicht die Asche bewahren, das Feuer weitergeben

Jemand, der weiß, was diesem Klub in diesen traurigen Tagen am meisten fehlt, ist der gebürtige Schalker ("auf Gelsenkirchener Kohle geboren") Olivier Kruschinski: "Seit vielen Jahren setze ich mich mit Kopf, Herz und Hand dafür ein, dass nicht die Asche bewahrt, sondern das Feuer weitergegeben wird. Getreu dem Leitsatz 'Nur wer die Vergangenheit kennt, kann die Gegenwart verstehen'". Männer wie Kruschinski kennen den Verein und die Stadt von der Pieke auf. Sie wissen, dass der Fußball auf Schalke weit mehr ist als ein bloßer Zeitvertreib. Für die Gelsenkirchener war und ist ihr Klub Lebensinhalt. Olivier Kruschinski lässt auf seinen legendären "Mythos-Touren" dieses besondere Schalke-Gefühl regelmäßig aufleben.

Diese besondere Schalke-Gefühl. Es verbindet. Selbst die Omma wusste immer bestens Bescheid. Beim Telefonat ging's meist zuerst um Aufstellung, Tore und Ergebnis, erst dann kam die Frage: "Un' sons' so Junge, wie isset?" "Och, muss ja." Das Schnäpsken gab's, ob bei Sieg oder Niederlage. Glück auf.

Vor fünf Jahren hat Sky ein Werbevideo gedreht. Beim ältesten Fanklub Deutschlands. Natürlich ist der Clip inszeniert. Auf Emotionen getrimmt. 80- und 90-Jährige, die mit dem Rollator zur alten Spielstätte pilgern, ihre leidenschaftlichen Erinnerungen teilen, ihren Stolz. Dieser Clip transportiert eben Schalker Lebenswirklichkeiten. Wer einen alten Schalker kennt, der weiß: Isso! Wirklich. Alte Schalker, die kennen die meisten Fußballer des Klubs nicht. Sie kennen bestenfalls die Kurve, die Wucht und die Wut, die sie entfalten kann. Ohne dieses Korrektiv zerbricht die Mannschaft in ein Meer von Egoisten. Wann hat es zuletzt eine Ansammlung von elf Spielern gegeben, die so mit sich selbst beschäftigt sind, die hadern, fluchen und abwinken. Die sich ergeben statt zu kämpfen. Die sich, bei aller Bereitschaft, von den Chef-Egoisten anstecken lassen.

ANZEIGE
Schalke-Album: Unvergessliche Sprüche, Fotos, Anekdoten
9,99 €
Zum Angebot

Bentaleb und Harit sind raus. Respektlos gegenüber dem Trainer Manuel Baum seien sie gewesen. Auch Vedad Ibisevic hatte keine Zukunft mehr. Dabei sollte der 36 Jahre alte Stürmer eben diese zumindest kurzfristig gestalten. Als Kämpfer auf dem Platz, als Anführer daneben. Als Brücke für eine neue Generation, die angesichts der existenziell bedrohlichen Finanzsituation (bei einem Abstieg droht der Super-GAU) aus dem jungen Bestand des Teams wachsen sollte. Wachsen musste. Ablösen sind für den Klub derzeit schwierig zu stemmen, Gehälter dürfen eine Grenze von rund 2,5 Millionen Euro (so heißt es) nicht mehr überschreiten. Mehr denn je, mehr als bei den Abstiegen, sind die Schalker gefordert, sich mit ihren Werten, ihrer Leidenschaft, ihrem Stolz, zu wehren.

Trainer Baum hat nach den Turbulenzen der vergangenen Wochen, die mit dem Wut-Interview von Mark Uth begann und den zwei Suspendierungen und zwei Kündigungen (neben Ibisevic muss auch Kaderplaner Michael Reschke gehen), eine neue Linie angekündigt: "Das alles Entscheidende ist, elf Spieler auf den Platz zu kriegen, die das Ganze mit Herzblut füllen", sagte er: "Wenn es am Ende des Tages viele aus der U19 oder der U23 sind, dann wird es so sein." Es klingt endlich wieder nach "Steht auf, wenn ihr Schalker seid." Und auch die Fans stehen wieder auf. Einige Gruppen haben am Donnerstag ihren Unmut mit Spruchbändern kundgetan. "Beschämende Außendarstellung, planloser Vorstand und charakterlose Mannschaft. Das Ergebnis eurer jahrelangen Misswirtschaft" sowie "Eins ist sicher, ihr werdet sehen: Kampflos lassen wir unseren Verein nicht untergehen!"

Den Fußballer schrieb der einflussreiche Fanklub Supporters Club in einem offenen Brief, dass man "nicht mehr still mit ansehen" könne, "wie ihr unseren Verein gerade in den Exitus treibt!" Die Forderung angesichts des sportlichen Horrors: "Zerreißt euch auf dem Platz für die königsblauen Farben, kämpft bis zur völligen Erschöpfung!" Diese Tugenden habe die Mannschaft in den letzten Monaten "allesamt vermissen" lassen, "ihr ergebt euch in Selbstmitleid und Egoismus". Am Freitag wurde noch ein Video veröffentlicht. Von Fans. Für die Spieler. Emotional, nicht vorwurfsvoll. Motivierend, nicht anklagend.

Es ist der letzte Kampf der Schalker. Der Kampf gegen das "Glück aus".

Quelle: ntv.de

ntv.de Dienste
Software
ntv Tipp
Newsletter
Ich möchte gerne Nachrichten und redaktionelle Artikel von der n-tv Nachrichtenfernsehen GmbH per E-Mail erhalten.