Fußball

Mit Talenten und Lampards Charme Die kuriose Wandlung des FC Chelsea

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Unter Frank Lampard wird der FC Chelsea vielen Menschen auf der Insel plötzlich sympathisch.

(Foto: Action Images via Reuters)

Eine unerfahrene Klub-Ikone als Coach. Ein an Madrid verlorener Superstar, der der Klub wegen einer Transfersperre nur mit Nachwuchstalenten ersetzem kann. Der FC Chelsea setzt auf Hochrisiko-Fußball. Damit gewinnen die Blues nicht nur Spiele, sondern gar Sympathien.

Mitte der ersten Halbzeit hatten es sich die Eindringlinge in den dunkelblauen Trikots gemütlich gemacht im Haus des Gegners. Der FC Chelsea führte bei Meister Manchester City durch das Tor des französischen Weltmeisters N’Golo Kanté und ließ den Ball laufen. Souverän reihten die Londoner einen Pass an den anderen. Am Spielfeldrand kratzte sich Josep Guardiola am Kopf und klatschte in die Hände. Es waren Zeichen der Hilflosigkeit von Citys Trainer. Und vermutlich war er auch verblüfft von der Dreistigkeit des Gegners. Chelsea wagte es, so zu spielen, wie man es eigentlich von Guardiolas Mannschaft kennt.

Zwar drehten die Gastgeber das Spitzenspiel der englischen Premier League noch und gewannen 2:1, trotzdem hatte Chelsea Eindruck gemacht. Das belegte am besten ein anderes Ergebnis: Die 46,7 Prozent Ballbesitz für Manchester City waren der niedrigste Wert überhaupt in dieser Kategorie in Guardiolas Laufbahn als Coach. "Wir wollten mutig sein und nehmen aus diesem Spiel viele positive Dinge mit", sagte Chelseas Legende Frank Lampard nach der Partie. 13 Jahre hat er dem Klub als Profi gedient, seit dieser Saison ist er als Trainer der Fußballer an der Stamford Bridge angestellt und leistet Erstaunliches.

Meisterkandidat? Erst einmal nicht

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Tammy Abraham ist eines dieser neuen Top-Talente des FC Chelsea.

(Foto: REUTERS)

Vor der Reise nach Manchester war debattiert worden, ob dieser FC Chelsea ein Kandidat auf die Meisterschaft ist. Die Antwort darauf fällt fürs Erste negativ aus. Trotzdem liegen die Blues als Tabellenvierter über den Erwartungen. Es war nicht damit zu rechnen, dass der amtierende Europa-League-Sieger eine so gute Figur macht - und das aus mehreren Gründen. Der 41 Jahre alte Lampard ist ein Berufseinsteiger. Er hatte erst eine volle Saison als Trainer beim Zweitligisten Derby County hinter sich, als er im Sommer die Nachfolge von Maurizio Sarri antrat. Außerdem gab Chelsea seinen besten Spieler Eden Hazard an Real Madrid ab. Verstärkungen durfte der Klub wegen einer Transfer-Sperre durch die Fifa nicht beschaffen.

Diese erschwerten Bedingungen hat Lampard in einen Vorteil verwandelt. Chelsea mischt mit vielen Talenten aus der eigenen Akademie die Liga auf. Spieler wie Innenverteidiger Fikayo Tomori, Mittelfeldmann Mason Mount und Angreifer Tammy Abraham, alle Anfang 20, sind in Rekordzeit zu Stützen des FC Chelsea und zu Hoffnungsträgern der englischen Nationalmannschaft für die EM im kommenden Jahr geworden. Die heimische Presse ist vom Aufschwung der jungen Blues begeistert, weil er auch der nationalen Sache dient. Das Transfer-Embargo wird von vielen Fachleuten als "blessing in disguise" erachtet, also als heimlicher Segen.

Millionen-Oase wird zum Talente-Biotop

In der Tat ist es eine kuriose Wendung, dass der Verein, der nach dem Einstieg von Roman Abramowitsch 2003 den Markt mit seinen Millionen überschwemmte und dafür Talente wie Kevin De Bruyne oder Mohamed Salah verschmähte, plötzlich ein Biotop für den englischen Nachwuchs ist. Auch der US-Spieler Christian Pulisic, den Chelsea vor der Fifa-Sperre für mehr als 60 Millionen Euro von Borussia Dortmund holte, ist mit seinen 21 Jahren ein Mann für die Zukunft. Er hat sich zuletzt mit fünf Toren in drei Spielen einen Stammplatz erarbeitet.

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Stammplatz: Christian Pulisic.

(Foto: imago images/Sportimage)

Lampards unterhaltsamer Stil zwischen mutiger Offensive und defensivem Leichtsinn trägt dazu bei, dass sich die Blues in ungewohnter Lage befinden: "Chelsea läuft ernsthaft Gefahr, gemocht zu werden", stellte die "Times" neulich fest. Dieses Risiko bestand in den Jahren von José Mourinhos Kraftfußball oder beim zynischen Raub des Champions-League-Pokals 2012 unter Roberto Di Matteo nicht.

Die unumstrittene Hauptfigur der blauen Charme-Offensive ist Lampard. Chelsea ist in den englischen Medien "Frank Lampards Chelsea". Der Trainer ist größer als der Verein selbst. Das nimmt den Druck von der jungen Mannschaft. Sie kann gedeihen, während die ganze Aufmerksamkeit dem Mann an der Seitenlinie gilt. Nach der Niederlage bei Manchester City ließ sich die Hierarchie gut beobachten: Lampard schritt vor den Gästeblock und applaudierte dem mitgereisten Anhang. Die Fans feierten ihn mit einem Gesang aus seiner Zeit als Spieler: "Super, super Frank!", riefen sie. Die aktuellen Chelsea-Profis hielten Sicherheitsabstand. Sie blieben ein paar Meter hinter ihrem Trainer zurück.

Quelle: ntv.de