Fußball

Marcelinhos Karriereende mit 44 Ein Paradiesvogel ist am Ende

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Von Hertha BSC hatte sich Marcelinho schon 2006 verabschiedet, 2008 kehrte der Brasilianer noch einmal für ein Kurzgastspiel in die Bundesliga zurück - im Trikot des VfL Wolfsburg.

Er lässt Hertha BSC für ein paar Jahre schillern - trotz oder wohl eher wegen zahlreicher Eskapaden. Jetzt ist Marcelo dos Santos Paraibo, den alle nur als Marcelinho kennen, "am Ende", wie er sagt. Mit 44 Jahren beendet er eine verrückte Karriere.

Es sind die vorerst letzten Meter auf dem Rasen, wenige Sekunden vor dem Halbzeitpfiff: Marcelinho, eigentlich Marcelo dos Santos Paraibo, läuft vor den Augen seiner Freunde und Familie vom Platz und beendet seine Karriere genau dort, wo sie einst angefangen hat - in seiner Heimat, im Stadion von Campina Grande in Brasilien. "Es musste hier in Amigão sein, wo alles begann", sagte Mareclinho: "Ich habe in Campinense angefangen und jetzt bin ich am Ende einer erfolgreichen Karriere, die Dinge gehen sehr schnell. Ich hätte nicht gedacht, dass dieser Tag kommen würde, aber er ist gekommen." Und Marcelinho beendet ihn mit einem 2:1-Sieg.

Er war ein Superstar der Bundesliga früherer Tage. Lief von 2001 bis 2006 für Hertha BSC auf, bescherte der Alten Dame als Spielmacher mit der Nummer zehn schillernde Zeiten, nach denen sie sich heute trotz der vielen Investormillionen zurücksehnen. Er schoss in 155 Ligaspielen 65 Tore und sich selbst damit für immer in die Berliner Fanherzen. Der Brasilianer schickte Freistöße mit fast beängstigender Präzision in die Winkel der Republik, spielte begeisternd spektakulär. Wegen Marcelinho sind einst Kinder Hertha-Fans geworden.

Eine (mal wieder) eigenmächtig verlängerte Reise in die Heimat sorgte dann 2006 für ein unwürdiges, aber irgendwie auch passendes Ende in Berlin. "Das war dumm von mir. Ich war damals einfach so, das ist schade", hadert Marcelinho mit seinem Verhalten. Er heuerte daraufhin im Sommer bei Trabzonspor in der Türkei an, kehrte aber schon nach wenigen Wochen in die Bundesliga zurück und unterschrieb beim VfL Wolfsburg. Nach anderthalb Jahren bei den Niedersachsen, mit 50 Bundesligaeinsätzen und 18 Treffern, zog es den Superstar im Sommer 2008 zurück in die brasilianische Heimat - dieses Mal für immer.

Ein Leben mit Erfolgen und Skandalen

Marcelinhos Karriere ist mit vielen Erfolgen geschmückt und von fast genauso vielen Skandalen gezeichnet. Um die Jahrtausendwende entkam er den armen Verhältnissen seiner Kindheit, ging nach Europa und sorgte schnell für Furore. Er fiel nicht nur mit immer wieder wechselnden Haarfarben und Frisuren auf ("Seit ich in Berlin gespielt habe, mache ich immer etwas mit meinen Haaren"), sondern auch mit vielen privaten Exzessen. Er wurde in Berlin schnell Stammgast brasilianischer Nachtclubs, verlor nach einer Alkoholfahrt mit über einer Promille den Führerschein, hatte finanzielle Schwierigkeiten und dubiose Bauvorhaben in Brasilien - die Liste von Marcelinhos Eskapaden ist lang. Im Januar 2012 musste er wegen einer angeblichen Vergewaltigung sogar für ein paar Tage ins Gefängnis.

"Wenn du als brasilianischer Nationalspieler bei der Polizei landest, weiß es am nächsten Tag das ganze Land", erzählte Marcelinho einst in einem Interview mit "11Freunde". Andreas "Zecke" Neuendorf", einst Hertha-Kollege und enger Freund, wusste: Marcelinho konnte richtig gut feiern. "Er hat hundertfach versprochen: Das war das letzte Mal." Dass er das nicht einhielt, verrieten nicht nur die "Duftwolken" in der Kabine, wie Neuendorf sich erinnert: "Wenn er angeschlagen zum Training kam, redete er immer Deutsch." Und das wohl am liebsten montags. Doch all die Ausfälle Marcelinhos duldete die Hertha mit zugedrückten Augen, zu wertvoll war er auf dem Platz: War er in Bestform, spielte Berlin oben mit, war er verletzt, kämpfte der Klub gegen den Abstieg. "Marcelinhos Nutzen ist höher als der Verdruss über seine Eskapaden", sagte Herthas Ex-Manager Dieter Hoeneß damals.

"Wenn das Leben Spaß macht, dann macht Fußball Spaß"

Doch irgendwann war dann auch bei Hertha die Schmerzgrenze erreicht. "Das Herz sagt: Er hat uns große Momente gegeben. Das hat hier keiner vergessen", bekannte Hoeneß. "Aber er hat auch große Probleme gemacht." Dieter Hoeneß "war wie ein Vater" für Marcelinho: "Ich habe ihm viel Freude gemacht, aber auch viele Kopfschmerzen", erinnert sich der Linksfuß. "Wenn mir das Leben Spaß macht, dann macht mir auch der Fußball Spaß. In Berlin hatte ich sehr viel davon, auf dem Platz, aber auch daneben. Die Zeit bei Hertha war die beste in meiner Karriere", schwärmte Marcelinho nach seinem Abschied. Und so bleibt er dem Hauptstadtklub mit seiner Wucht, seiner Zweikampfstärke, seinen genialen Momenten irgendwo zwischen Eleganz und Effizienz in Erinnerung - und mit einem ganz besonderen Treffer: Am 9. April 2005 erzielte der Linksfuß ein Tor aus knapp 50 Metern über Freiburgs Keeper Richard Golz hinweg, das wohl keiner je vergessen wird, es wurde später zum Tor des Jahres gewählt.

Für seine Zukunft hat der einstige Paradiesvogel genaue Pläne. Und die könnten ihn schneller zurück nach Berlin führen, als es seine Fans für möglich gehalten hätten. Marcelinho will Trainer werden und dafür bei der Hertha hospitieren: "Das wäre eine tolle Sache für mich, wenn ich mich bei meinem Lieblingsverein für den Trainerschein fortbilden kann." Er bringt die Erfahrung von Stationen bei 25 Klubs mit und Hertha will ihn mit offenen Armen empfangen. "Marcelo ist einer der größten Hertha-Spieler aller Zeiten. Er ist hier immer herzlich willkommen", sagte Geschäftsführer Michael Preetz. Im Mai soll dann ein Lehrgang zur Fußballlehrer-Lizenz beim brasilianischen Verband beginnen. Und bis dahin hat Marcelinho selbst Zeit zurückzublicken und sich zwei Monate vor seinem 45. Geburtstag und nach insgesamt 29 Jahren als Profi gebührend von der Bühne zurückzuziehen.

Quelle: ntv.de

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