Fußball

Wilder und das Sheffield-Wunder Ein Typ, der Klopp Konkurrenz macht

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Trainer des Jahres unter sich.

(Foto: imago images/Action Plus)

Sheffield United ist das Sensationsteam der Premier League. Der Aufsteiger spielt gegen die Schwergewichte der Liga um den Europapokal-Einzug mit, und das ohne große Transfers. Die Mannschaft von Trainer Chris Wilder ist altmodisch und innovativ zugleich.

Chris Wilder war zufrieden mit dem Ergebnis, wieder einmal, wie schon so oft in den vergangenen Monaten. Das Erstaunliche in diesem Fall war allerdings, dass seine Mannschaft verloren hatte. Premier-League-Aufsteiger Sheffield United hatte bei Leicester City eine der schwächsten Leistungen der Saison abgeliefert und konnte sich dennoch lange Chancen auf einen Punkt ausrechnen. Erst der Treffer zum 2:0-Endstand für Leicester durch Demarai Gray in der Schlussphase entschied die Veranstaltung. "Wir haben es nicht verdient, aus diesem Spiel etwas mitzunehmen. Das wäre eine Ungerechtigkeit gewesen. Das Ergebnis ist das richtige", sagte Sheffield-Trainer Wilder.

Der 52 Jahre alte Engländer ist berühmt für seine brutale Ehrlichkeit. Er stellt an seine Spieler die höchsten Anforderungen, lässt keine Ausreden gelten und kritisiert sie offen, wenn er es für nötig hält. Bei anhaltendem Misserfolg könnte diese Art der Kommunikation schnell als Ablenkungsmanöver von eigenen Fehlern gedeutet werden, doch diese Gefahr besteht für Wilder nicht.

Er hat Sheffield United von der dritten Liga in die Premier League geführt und ist dafür verantwortlich, dass der Klub in der ersten Saison im Oberhaus seit 13 Jahren sensationell um den Einzug ins internationale Geschäft mitspielt. Nach Siegen zuletzt gegen Chelsea und Tottenham war die Niederlage bei Leicester ein Rückschlag, doch die Europa-League-Qualifikation ist immer noch möglich für den Tabellenachten, zumal es für die Gegner in den letzten beiden Partien (Everton und Southampton) um nichts mehr geht.

Auf unverkennbare Weise altmodisch

Der Erfolg des Traditionsklubs aus der ehemaligen Stahlarbeiter-Stadt in South Yorkshire ist vor allem Wilders Erfolg. Er kommt aus Sheffield, ist seit seiner Kindheit Fan des Vereins und begann dort seine Profikarriere. Mit seiner Rückkehr als Trainer vor vier Jahren schloss sich sein persönlicher Kreis. "Er ist einer von uns", singt das Publikum an der Bramall Lane, die als ältestes Stadion der Welt gilt, auch wenn sie natürlich umfassend überholt wurde in den vergangenen Jahren und Jahrzehnten. Ein Besuch in der Spielstätte nur wenige Fußminuten von der Innenstadt entfernt ist wie an allen anderen Premier-League-Standorten eine komfortable Erfahrung.

Trotzdem ist Sheffield United auf unverkennbare Weise altmodisch. Unter Wilder gelten Werte wie Disziplin, harte Arbeit, Teamgeist und Bescheidenheit. Auf die Debatten um den möglichen Europapokal-Einzug reagiert der Trainer genervt. Die Niederlage gegen Leicester war eine günstige Gelegenheit, um seine Profis zu erden: "Vielleicht dachten sie, dass sie plötzlich eine Spitzenmannschaft in der Premier League sind, und haben deshalb vergessen, was nötig ist, um ein Spiel zu gewinnen", knurrte er.

Wilder wird mit den großen Namen seiner Branche verglichen. Das Magazin "FourFourTwo" nannte ihn vor einer Weile "den englischen Guardiola", weil in England nur Manchester City seit 2016 mehr Punkte eingefahren hatte als Sheffield United in den verschiedenen Ligen. In der laufenden Saison gilt Wilder neben Liverpools Meistermacher Jürgen Klopp als Trainer des Jahres.

Eine Low-Budget-Mannschaft

Er mischt die Premier League mit einer fast nur aus Briten bestehenden Low-Budget-Mannschaft auf. Schlüsselspieler wie die Verteidiger Jack O'Connell und Chris Basham, Mittelfeldmann John Fleck und der kultisch verehrte Angreifer Billy Sharp spielten schon in der dritten Liga an der Bramall Lane. Weitere Leistungsträger kamen in den vergangenen Jahren für wenig Geld oder ablösefrei von Klubs wie Oxford United, Portsmouth oder Brentford. Der einzige wirklich herausragende Spieler, Torwart Dean Henderson, ist von Manchester United geliehen.

Die etwa 48 Millionen Euro, die Sheffield United vor der Saison in neues Personal investiert hat, sind zwar viel für den Klub, aber immer noch wenig für die Verhältnisse der Premier League, wo selbst Aufsteiger wie Fulham oder Aston Villa in den vergangenen Jahren das Doppelte und Dreifache in neues Personal gepumpt haben. Dass die Mannschaft künftig von der wohlhabenden Konkurrenz auseinander gepflückt wird, ist unwahrscheinlich, denn das Team funktioniert vor allem über das Kollektiv. Weil nur Liverpool weniger Tore zugelassen, ist es nicht weiter schlimm, dass Sheffield United von allen Teams in der oberen Tabellenhälfte am seltensten trifft. Die beiden Toptorjäger des Teams, Lys Moussett und Oliver McBurnie, stehen bei gerade mal jeweils sechs Treffern.

Trotz allem wäre es falsch, Sheffield United als reine Oldschool-Truppe abzuqualifizieren. Die Mannschaft hat der Premier League auch eine fußballerische Innovation gebracht, nämlich die Innenverteidiger, die im Ballbesitz immer wieder die Außenspieler im Mittelfeld hinterlaufen und damit selbst zu Außenstürmern werden. Mit diesem Trick begeistert der Aufsteiger sogar Taktik-Nerds. Ein bisschen Guardiola steckt also tatsächlich in Trainer Wilder. Auch wenn dieser das natürlich nie zugeben würde.

Quelle: ntv.de

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