Fußball

Auch Fans tut Gelassenheit gut Lasst die Schnellfeuer-Gewehre ruhen!

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Der Umgang mit Wolf-Dieter Ahlenfelder lehrt: Mehr gelassen täte uns allen gut!

Über den Neustart der Fußball-Bundesliga wird derzeit heftig diskutiert. Es sind überwiegend Schwarz-Weiß-Debatten. Dabei würde uns allen ein wenig mehr Abstand gut tun - wie eine der kuriosesten Liga-Geschichten zeigt.

Heute hätte es diese Wahl erst gar nicht gegeben. Denn die Karriere des Schiedsrichters Wolf-Dieter Ahlenfelder wäre schon viele Jahre zuvor beendet worden. Im ultimativen Shitstorm-Shutdown. Erschlagen vom Twitter-Hagel. Doch tatsächlich schaffte es der "Dicke mit Pfiff", wie der "Kicker" damals schrieb, im Jahr 1984 die Auszeichnung "Schiedsrichter des Jahres" zu erlangen.

Es ist verblüffend, aber ich lande immer wieder bei dieser einen Geschichte über den Schiri aus Oberhausen, der am 8. November 1975 nach 32 Minuten die Partie zwischen Werder Bremen und Hannover 96 in die Halbzeitpause pfiff. Die Story kennt mittlerweile (fast) jeder. Und auch, dass Ahli, wie er sich selbst gerne nannte, zum Zeitpunkt dieser kuriosen Aktion den einen oder anderen Schnaps und ein paar Pils intus hatte, weil die fettige Martinsgans, die Klöße und der Rotkohl noch nicht ganz verdaut waren, wissen die allermeisten Fußballfans.

Gut, dass es keine Online-Richter gab

Ben Redelings

Ben Redelings ist ein leidenschaftlicher "Chronist des Fußballwahnsinns" (Manni Breuckmann) und Anhänger des ruhmreichen VfL Bochum. Der Autor, Filmemacher und Komödiant lebt im Ruhrgebiet und pflegt sein Schatzkästchen mit Anekdoten. Für ntv.de schreibt er dienstags und samstags die spannendsten und lustigsten Geschichten auf. Weitere Informationen zu Bens aktuellem Buch und seinem gleichnamigen Tourprogramm ("Fußball. Die Liebe meines Lebens") gibt es auf seiner Seite www.scudetto.de.

Doch kaum einem ist bekannt, dass das Spiel im Bremer Weserstadion damals erst die dritte Bundesliga-Begegnung des Mannes aus Oberhausen war und Wolf-Dieter Ahlenfelder trotz dieses schweren Fehlers – da muss man nicht drum herumreden – noch 103 weitere Partien pfeifen durfte.

Man muss kein Defätist sein, um zu erkennen: Dieser Samstag im November 1975 wäre heutzutage der letzte Arbeitstag des Bundesliga-Schiedsrichters Ahlenfelder gewesen. Denn noch während des laufenden Spiels hätte man ihn geächtet, abgeurteilt und aus dem Verkehr gezogen. Die mächtige Schar der Online-Richter hätte ganze Arbeit geleistet. Die zweite Chance, die Ahlenfelder damals erhielt, verdankt er nur der Zeit, in der er lebte. Eine Zeit, in der Meinungen und Befindlichkeiten noch nicht aus Schnellfeuer-Gewehren geschossen wurden, weil sie ansonsten in der ständigen Aufgeregtheit der Aktualität kein Gehör und keine Beachtung mehr finden würden.

Mediale Unaufgeregtheit

Man kann aus heutiger Perspektive nur mit dem Kopf schütteln, aber damals berichtete der "Kicker" am Montag nach diesem denkwürdigen Wochenende tatsächlich nur über genau zwei Spalten über diesen Jahrhundert-Fauxpas eines Schiedsrichters. Äußerst vorsichtig deutete man zudem nur an, dass Alkohol im Spiel gewesen sein könnte ("Auch Hannovers Präsident Ferdinand Bock beurteilte den Mann aus Oberhausen nicht positiv: ‚Hat der vielleicht was getrunken?).

Und da keine Live-Bilder von diesem spektakulären Nachmittag im Weserstadion existieren – die Partie endetet 0:0 und die "Sportschau" berichtete damals von höchstens drei Begegnungen; ein 0:0 schaffte es da nur selten in die Sendung -, konnte sich auch im Nachhinein kein größerer Unmut mehr bilden, der den DFB zu dem Schluss hätte kommen lassen müssen, den Schiedsrichter für immer aus dem Verkehr zu ziehen. Und so durfte einer der populärsten und "lustigsten Schiedsrichter der Bundesliga" (wie der "Kicker" direkt nach der Partie in Bremer schrieb) weitermachen – und den Fußballfans und Spielern in den Folgejahren viel Freude bereiten.

Viele Wahrheiten – keine ist die ultimative

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Wir alle werden die Welt, in der wir leben, nicht mehr grundlegend ändern können. Aber wäre es nicht manchmal schön, wenn wir nicht immer dem ersten Impuls folgen würden, sondern uns selbst wieder ein wenig mehr Zeit geben würden, um Dinge sacken zu lassen, sie einzuordnen und zu relativieren? Denn Zeit schafft Abstand. Zeit lässt Luft zur Reflektion, zum Nachdenken. Und sie hilft dabei, dass man die Welt, die Dinge und die Menschen nicht stets durch die Schwarz-Weiß-Brille sieht. Es gibt viele Wahrheiten da draußen – und keine ist die ultimative. Sollten wir uns nicht ein wenig mehr Platz für die Grautöne einräumen? Denn genau die sind es doch eigentlich, die das Leben so spannend machen.

Und auch das wusste niemand besser als Wolf-Dieter Ahlenfelder. Denn obwohl er 1984 die Wahl zum "Schiedsrichter des Jahres" ziemlich eindeutig gewann, war er auch bei der Entscheidung zum "Schlechtesten Schiedsrichter" weit vorne. Nur wenige Prozentpunkte hinter Norbert Brückner belegte er den zweiten Platz. Mehr als bemerkenswert!

Samstag soll die Bundesliga nun wieder neu starten. Im Moment wird intensiv und aufgeregt diskutiert – über etwas, wovon niemand weiß, wie es am Ende ausgehen wird. Vielleicht wäre es nicht schlecht, wenn man dem Ganzen trotz aller Bedenken auch erst einmal eine Chance geben würde. Und mit ein wenig Abstand die Dinge anschließend sachlich und ruhig beurteilt. Denn auch hier ist nicht alles Schwarz und Weiß. Genau wie im November 1975 in Bremen. Und im Jahr 1984 wird sicherlich nicht nur Wolf-Dieter Ahlenfelder froh gewesen sein, dass es diese Wahl für ihn, den Schiri aus Oberhausen, überhaupt gab.

Quelle: ntv.de