Redelings Nachspielzeit

Helden für die Ewigkeit Das Geheimnis der Weltmeister von 1990

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Guido "Diego" Buchwald mit dem WM-Pokal 1990.

(Foto: imago images/Laci Perenyi)

Die Mannschaft, die 1990 in Rom die Weltmeisterschaft für Deutschland gewann, weckt die Emotionen. Die Zuneigung der Fans zu ihren alten Idolen und Helden ist unerschütterlich und immer noch phänomenal. Aber warum ist das eigentlich so?

Wussten Sie, dass die beiden Hunde, die Lothar Matthäus vor dreißig Jahren hatte, Babette und Balou hießen? Der Wellensittich von Guido "Diego" Buchwald Bubi gerufen wurde und Pierre Littbarski seinen kläffenden Vierbeiner Gante vom Nahetal nannte? Nein? Ist auch nicht so schlimm. Aber wenn Sie damals schon gelebt haben, hätten Sie es wenigstens wissen können. Denn all das stand in bunten Fachmagazinen, die uns in wunderbar bebilderten Homestorys unsere Stars näherbrachten. Eine seltsam vertraute wie entfernte Welt - aus heutiger Sicht.

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Buchwald und Ehefrau ganz nah.

(Foto: imago sportfotodienst)

Nachdem am Montag eine Geschichte über das Foto, das die deutschen Fußball-Weltmeister von 1990 bei ihrem Jubiläumstreffen in der Toskana zeigte, fast eine Million Mal angeklickt worden war, wurde ich gefragt, was denn wohl die unglaubliche Faszination dieser Mannschaft bis auf den heutigen Tag ausmachen würde. Ehrlich gesagt, ist das eine Frage, die ich mir selbst noch nie gestellt hatte, auch wenn ich natürlich die 22 Männer auf diesem "Gemälde" immer noch fast ohne zu Zögern herunterbeten konnte.

Selbstverständlich sind der schlussendliche Triumph von Rom und der besondere Verlauf des Turniers schon Grund genug, warum man sich auch heute noch gerne und mit Inbrunst des 1990er-Teams erinnert. Aber es ist noch etwas anderes, etwas Stärkeres, das jeden einzelnen Weltmeister von damals unwiderruflich in unsere Herzen eingebrannt hat. Es sind die zu heute vollkommen anderen Zeitumstände, die unsere Erinnerungen immer noch so wach und lebendig halten.

Guido und Silvia Buchwald am Kochtopf

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Denn all die Männer, die vor dreißig Jahren den WM-Titel für Deutschland gewannen, sind über viele Jahre auf eine gewisse Weise zu einem Teil unserer Familien geworden. Als kleiner Junge ist man mit ihnen aufgewachsen und hat in den nach Schokolade und Haselnüssen riechenden Turnier-Alben nicht nur erfahren, wie groß und alt unsere Idole waren, nein, man konnte auch nachlesen, welchen Lieblingssänger (Pierre Littbarski: Peter Maffay) sie hatten oder welches Lieblingsessen (Lothar Matthäus: Schweinebraten mit Klößen) bei ihnen auf den Tisch kam.

Und wir haben damals jede noch so kleine Information in uns aufgesogen - denn im Gegensatz zu heute erstickten wir in diesen Tagen noch nicht unter einer Informationsflut auf allen Kanälen. Es gab nur ein paar Magazine, Bücher und Alben und vereinzelte Sendungen wie die "Sportschau" am Samstag und die "ZDF-Sportreportage" am Sonntag im Fernsehen. Dort staunten wir dann auch über unsere drei Italien-Legionäre - Jürgen Klinsmann, Andreas Brehme und Lothar Matthäus - und ihr spannendes Leben jenseits des Brenners bei Inter Mailand. Der Mangel an Informationen machte jede noch so kleine Randnotiz besonders wertvoll.

Ben Redelings

Ben Redelings ist ein leidenschaftlicher "Chronist des Fußballwahnsinns" (Manni Breuckmann) und Anhänger des ruhmreichen VfL Bochum. Der Autor, Filmemacher und Komödiant lebt im Ruhrgebiet und pflegt sein Schatzkästchen mit Anekdoten. Für ntv.de schreibt er dienstags und samstags die spannendsten und lustigsten Geschichten auf. Weitere Informationen zu Bens aktuellem Buch und seinem gleichnamigen Tourprogramm ("Fußball. Die Liebe meines Lebens") gibt es auf seiner Seite www.scudetto.de.

Und gleichzeitig öffneten sich die Stars ihrem Publikum so viel mehr als heute. Sie erzählten aus ihrem Leben und holten uns zu sich nach Hause. Immer noch erinnern sich viele Fans an das legendäre Bild im "fussball-magazin" von Guido Buchwald und seiner Frau Silvia, als die beiden in der heimischen Küche stehen und "Diegos" Gattin lächelnd mit einem Stab in einem leeren Topf herumrührt. Mittendrin statt nur dabei, war damals tatsächlich noch ein aktiv gelebtes Motto.

Das Geheimnis ist die Zeit

Und wenn Michael S. aus 7519 Eppingen von Stefan Reuter voller Neugierde wissen wollte, ob denn dieser eine Freundin habe, dann gab der Weltmeister eine Antwort und kein weichgespültes Berater-Statement. Im Falle von Reuter war es dann zusätzlich auch noch schlagfertig und humorvoll zugleich: "Immer mehrere auf einmal." Wie sollte man da nicht ganz unbewusst ehrliche Sympathien und Nähe aufbauen?

Das Geheimnis der Weltmeister von 1990 ist wohl tatsächlich die Zeit, in der sie groß und berühmt geworden sind. Denn wir Fans und Zuschauer durften damals noch ungekünstelt, aktiv und unmittelbar ein Teil ihres Lebens sein. Daraus ist ein unsichtbares Band der Zuneigung entstanden. Natürlich hat man nicht zu allen "Familienmitgliedern" die gleichen positiven Gefühle - aber zu jedem einzelnen hat man eine Geschichte zu erzählen. Und sei es nur, dass man noch heute weiß, wie die Hunde, Katzen und Wellensittiche der alten Helden damals hießen.

Quelle: ntv.de