Wirtschaft

Welt ohne Verpackungsmüll "50 Prozent weniger Plastik" ist die schlimmste Idee

229422768.jpg

Mit dem Grünen Punkt, dem Gelben Sack und dem Pfandsystem gehört Deutschland zu den weltweit besten Recyclern.

(Foto: picture alliance/dpa/dpa-Zentralbild)

Sebastiaan Krol träumt von einer Welt ohne Abfall. Doch davon sind wir noch ein gutes Stück entfernt, auch wenn das deutsche Recyclingsystem bereits "State of the Art" ist, wie der Chef des Abfalldienstleisters Interzero im "Klima-Labor" von ntv erklärt. Bisher werden nämlich nur 60 Prozent aller Verpackungsabfälle recycelt. Der gebürtige Niederländer ist allerdings überzeugt, dass mit den richtigen Materialien eine vollständige Kreislaufwirtschaft möglich ist - wenn Verpackungsindustrie und Lebensmitteleinzelhandel bei der Entwicklung neuer Verpackungen eine simple Grundregel beachten: je homogener das Verpackungsmaterial, desto einfacher die Wiederverwertung. Das gilt zumindest für die Bereiche, in denen Verpackungen unverzichtbar sind. Denn "die beste Art, Müll zu vermeiden, ist, indem man verhindert, dass überhaupt welcher entsteht", sagt der Recycling-Experte. Dann muss man Verbraucherinnen und Verbraucher nur noch "intelligente Fehlwürfe" austreiben.

ntv.de: Die Vision von Ihnen und Interzero ist eine Welt ohne Abfall. Wie soll das gehen?

Sebastiaan Krol: Wir erleben derzeit zwei Sachen. Einerseits entfernen wir uns Gott sei Dank vom Grundgedanken einer linearen Wirtschaft. Ich finde sehr positiv, dass die meisten Leute festgestellt haben, dass wir nicht mehr so weitermachen können wie in den letzten 20, 30 oder auch 50 Jahren, sondern eine Kreislaufwirtschaft brauchen. Diese Zirkularität entsteht genau dann, wenn man vermeidet, dass aus einem Gegenstand überhaupt Müll wird. Man kann bei ganz vielen Produkten und Materialströmen bereits realisieren, dass am Ende nichts weggeworfen, sondern in irgendeiner Form wiederverwendet wird - ob man das recycelt oder aufarbeitet. Dafür stehen wir.

Und auf diese Weise kann man ultimativ jeglichen Müll vermeiden?

4958-Portrait-Krol-_c_Interzero-ICS.jpg

Der gebürtige Niederländer Sebastiaan Krol hat Anfang 2022 die Unternehmensführung der ALBA Services Holding (ASH) übernommen. Inzwischen führt der Ingenieur die Interzero Circular Solutions (ICS) als Geschäftsführer in die Zukunft.

(Foto: Interzero)

Wir glauben daran, dass das abgesehen von wenigen Ausnahmen möglich ist. Noch gibt es weltweit natürlich sehr gefährliche Abfälle und Sachen, die nicht unbedingt zur Wiederverwendung geeignet sind. Aber wenn man sich anschaut, welche Produktionsgüter die Welt typischerweise produziert, kann man einen sehr großen Anteil davon in einen Kreislauf überführen.

Verbraucher müssen ihren Abfall aber schon noch zu Hause wegwerfen und recyceln? Oder ist das Ziel, dass man gar keine Mülltüten mehr braucht?

Beides. Die meisten Leute vergessen das, aber die beste Art, Müll zu vermeiden, ist, indem man verhindert, dass überhaupt welcher entsteht. Ist das nicht möglich, guckt man am Lebensende, ob man das in irgendeiner Art und Weise wiederverwenden kann. Erst wenn diese beiden Optionen ausgeschlossen sind, kommt man zum dritten Punkt und überlegt: Wie kann ich das recyceln? Sicherlich mit dem Ziel, die thermische Verwertung zu vermeiden. Wobei das in einer Kreislaufwirtschaft ohnehin nicht passiert. Wir sind nicht dafür da, Verbrennungsanlagen zu befeuern.

Aber wie soll das denn im Supermarkt funktionieren? Fast alles, was wir in den Einkaufswagen legen, ist verpackt. Manchmal sogar Obst und Gemüse. Frischwaren wie Wurst sowieso.

Für viele Waren gibt es ausreichend Möglichkeiten, sie unverpackt einzukaufen. Das ist der Königsweg. Dann vermeiden Sie schlicht und ergreifend, dass Sie etwas zurückbringen müssen. Ab dem 1. Januar 2023 gilt außerdem die neue gesetzliche Vorgabe, dass Essenswaren, die mitgenommen werden, in Mehrweg-Verpackungen angeboten werden müssen.

Kaffee zum Beispiel?

Genau. Kaffee oder typischerweise der Salat an der Bar oder die geschnittene Ananas. Wurst zählt nicht dazu, aber auch bei diesen Lebensmitteln, die verpackt werden müssen, ist es am Ende relativ einfach: Sie müssen sicherstellen, dass die Verpackung gut recycelbar ist. Kunststoffe kann man sehr gut recyceln, wenn man es vernünftig macht. Das ist eine gemeinsame Verantwortung von uns und der Lebensmittelindustrie. Dann liegt es an der Konsumentin und dem Konsumenten, sicherzustellen, das vernünftig zu trennen. Wenn sie das tun, ist aus meiner Perspektive alles getan, was man tun muss, um es ökologisch zu entsorgen.

Es klingt so, als wären wir auf einem guten Weg. Insgesamt wirkt die Menge an Müll aber nach wie vor erschreckend. Wie weit sind wir denn bei dieser Vision einer Welt ohne Müll?

Ich bin immer ein Freund von offenen Worten und davon, nichts vorzugaukeln. Das, was wir im Hier und Jetzt in Deutschland machen, ist "State of the Art". Beim Sortieren und Recyceln reizen wir das absolute Maximum aus. Aber diese Recycling-Prozesse haben technische Limitationen. Wenn Sie einen Gelben Sack ausleeren und sortieren, können Sie eine bestimmte Quote erreichen, manche Dinge funktionieren aber technologisch einfach nicht. Wo ich aber noch eher mit Argwohn hingucke, ist die Lage außerhalb von Deutschland. Sie finden relativ schnell Länder, wo es keinen Gelben Sack und kein Pfandsystem gibt. Dann erreichen Sie keine Recyclingquote von 60 Prozent wie in Deutschland, sondern landen ganz schnell im einstelligen Bereich.

Aber selbst mit "State of the Art"-Recycling erreicht man nur eine Quote von 60 Prozent?

Das war kein Versuch, sich aus der Verantwortung zu winden. Wir sind mit Interzero in zehn europäischen Ländern vertreten und tragen durchaus Verantwortung dafür, dass wir in Polen, Italien, Kroatien und anderen Staaten mit Deutschland gleichziehen. Daran arbeiten wir gemeinsam mit den Kommunen, den Mitgliedstaaten und unseren Kunden.

Aber selbst eine gute Recyclingquote von 60 Prozent ist ja weit entfernt von einer Welt ohne Abfall.

Es ist wie bei einem Verbrennungsprozess. Auch dort werden Sie niemals eine Effizienz von 100 Prozent erreichen. Und ob Sie es glauben oder nicht, aber beim Gelben Sack variiert die Quote je nach Bundesland, Wetter und so weiter.

Wo finde ich das Klima-Labor?

Das Klima-Labor finden Sie bei ntv und überall, wo es Podcasts gibt: Audio Now, Apple Podcasts, Amazon Music, Google Podcasts, Spotify, RSS-Feed

Wie wirkt sich denn das Wetter auf den Müll aus?

Das verändert das Konsumverhalten der Menschen. Wassermelonen werden zum Beispiel nur gekauft, wenn gutes Wetter ist.

Zum Essen am See oder Pool?

Exakt. Das Gleiche gilt für die Bratwurst. Die wird mit Vorliebe gekauft, wenn gegrillt werden kann. Aber kommen wir zurück zum Gelben Sack: Darin finden Sie immer Abfall, der nicht verwertet werden kann. Das können Lebensmittelreste sein, aber auch Fehlwürfe. Es gibt in Deutschland sogar einen Begriff für das Phänomen, den sogenannten "intelligenten Fehlwurf".

Das müssen Sie erklären.

Gerne. Es gibt Menschen, die denken, der Gelbe Sack sei für Kunststoffe gedacht. Dem ist nicht so. Der Gelbe Sack ist für Verpackungen oder dafür gedachte Materialien vorgesehen. Nehmen wir ein Bobbycar: Das Ding gehört nicht in den Gelben Sack. Wird es trotzdem reingeworfen, spricht man vom "intelligenten Fehlwurf: Der Grundgedanke ist nicht falsch, aber auch nicht richtig. Davon haben Sie eine ganze Menge. Das werden Sie aber nie verhindern können. Das ist Teil des Systems.

Müsste man das System dann nicht ändern?

Man kann die Konsumenten bestimmt besser ausbilden, was in einen Gelben Sack gehört und was nicht. Das versuchen wir über den Verband der deutschen Entsorgungswirtschaft.

Aber ist das System nicht wirklich ein bisschen kompliziert? Den Fall kennt bestimmt jeder, dass man dreimal überlegen muss, welcher Müll in welche Tonne oder welchen Sack gehört.

Es gibt sicherlich Verbesserungsbedarf bei der Kennzeichnung, was wo hingehört. Das gilt aber nicht nur für die Kennzeichnung der Materialien, sondern auch bei der Identifikation von dem, was in Tonne oder Sack gelandet ist. Die Ansätze sind unterschiedlich, aber egal wie, Sie müssen mit einem sehr hohen technischen Aufwand untersuchen, welche Plastiksorte dort hineingeworfen wurde. Das kann man besser lösen mithilfe von Markern oder anderen Verfahren, bei denen Sie nicht versuchen müssen, zu messen, um welchen Kunststoff es sich handelt.

Das heißt, es gibt auch in Deutschland noch viele Möglichkeiten, die Recyclingquote zu verbessern oder insgesamt die Menge an Müll zu reduzieren?

Ja. Unsere Sortieranlage arbeitet mit der modernsten Sensorik der Welt und holt raus, was man herausholen kann - partiell auch in einem Nach-Sortierverfahren. In der Hinsicht sind wir wirklich gut unterwegs. Man kann noch Verbesserungen erzielen, aber das sind keine Zehn-Prozent-Sprünge, sondern ein paar Prozentpunkte hier, ein paar Prozentpunkte da. Am sinnvollsten wäre es aber wirklich, wenn man nicht länger messen muss, was für Plastik das ist, sondern es einfach draufschreibt.

Das wäre eine Idee.

Wir arbeiten bereits mit der Verpackungsindustrie und anderen Inverkehrbringern daran, dass sich so etwas in den nächsten Jahren etabliert. Das würde der Recyclingquote guttun.

Machen die Verpackungsindustrie und die Lebensmittelindustrie in diesem Bereich denn einen guten Job?

Die Frage ist natürlich ein bisschen schwierig (lacht). Auf jeden Fall sind auch Verpackungsindustrie und Lebensmitteleinzelhandel mittlerweile an einem Punkt angekommen, an dem klar ist: Wir können nicht so weitermachen wie bisher. Wir müssen uns um Zirkularität und Recycelbarkeit kümmern. Ich will die Verpackungsindustrie nicht in Schutz nehmen, aber man muss auch wissen, dass sie zwei Aufgaben hat: Sie muss eine attraktive und vernünftig recycelbare Verpackung gestalten. Sie muss aber ebenso sicherstellen, dass das Lebensmittel sicher verpackt ist. Manchmal ist das ein Trade-off. Man kann gut Verpackungen entwickeln, die leicht zu recyceln sind, aber dann hält das Lebensmittel darin nicht so lange. Was ist jetzt besser für die Umwelt? Manche Verpackungen sind darauf ausgerichtet, dass das Hackfleisch zehn Tage länger hält. Für die Umwelt ist das trotzdem besser als eine perfekt recycelbare Verpackung, bei der Sie das Fleisch fünf Tage früher wegschmeißen müssen.

Gibt es denn trotzdem Dinge, die Sie total ärgern? Verpackungen, wo Sie sagen: Die müssen einfach nicht sein?

Durchaus. Ich bin immer vorsichtig damit, offen Kritik an guten Vorsätzen zu üben, die nicht sinnvoll umgesetzt wurden, aber als Beispiel: Wenn Sie was recyceln wollen, ist die sehr einfache Grundregel, dass es umso einfacher ist, je homogener das Produkt ist. Egal, worum es geht. Wenn die Verpackung nur aus einem Material besteht, ist es einfach zu recyceln.

Also möglichst nur Papier, nur Plastik oder nur Aluminium?

Genau. Vor allem bei Mischkunststoffen muss man darauf achten, dass man die gleichen Sorten verwendet. Denn die sind ansonsten nur schwer oder gar nicht recycelbar. Oder nur mit einem enormen Aufwand. Aber es gibt natürlich ganz viele Hersteller, die sagen: Ich wünsche mir eine nachhaltige Verpackung. Dann generieren sie manchmal Hybrid-Verpackungen, die zum Teil aus Plastik und zum Teil aus Papier bestehen.

Bei denen steht dann drauf, dass sie 90 Prozent weniger Plastik enthalten?

Korrekt. Das Problem daran ist aber, dass man das Papier niemals wieder vom Plastik trennen kann. Deshalb geht das Ding in die Verbrennung. Wäre es eine alte Plastikverpackung gewesen, hätte man sie recyceln können.

Und wie oft kommt diese Art von Verpackung vor?

Ich habe keine Statistik parat. Es sind auch keine großen Mengen. Der Hintergedanke ist auch richtig, aber falsch umgesetzt. Damit helfen wir niemandem. Das Wichtigste ist, und das ist unser Appell: Wer eine nachhaltige und gut recycelbare Verpackung haben möchte, sollte einen Experten konsultieren, der weiß, wie die Dinger sortiert und verarbeitet werden. Dann erschafft man wirklich etwas Gutes und nicht nur eine Verpackung, wo man "50 Prozent weniger Plastik" draufschreiben kann.

Sind denn die Anreize für die sogenannten Inverkehrbringer groß genug, wirklich etwas zu verändern? Oder braucht es neue politische Regeln?

Auf europäischem Boden sind wir relativ gut dabei. Wenn Sie sich die Entwicklung der Recyclingquote im Bereich der Kunststoffe angucken, sehen Sie, dass wir uns in den letzten Jahren deutlich verbessert haben und auch in Zukunft noch weiter verbessern werden. Das passiert nicht, weil wir uns beim Sortieren mehr Mühe geben, sondern weil die Industrie in die Verantwortung genommen wird.

Mehr zum Thema

Noch einmal zu Ihrer Vision, die Welt ohne Abfall: Wann ist es denn ungefähr so weit?

Die Frage ist mehr als berechtigt, aber ich werde sie leider nicht beantworten. Wann kommt die Welt ganz ohne Abfall aus? Dafür habe ich nicht genügend Doktortitel in Wirtschaft und Co. Aber ich kann Ihnen versprechen, dass wir in bestimmten Abfallströmen gar nicht mehr so weit von diesem Ziel entfernt sind.

Und wer sich vegetarisch ernährt, muss sich auch keine Sorgen um die Wurstverpackung machen.

Korrekt!

Mit Sebastiaan Krol sprachen Clara Pfeffer und Christian Herrmann. Das Gespräch ist zur besseren Verständlichkeit gekürzt und geglättet worden.

Klima-Labor von ntv

Was hilft gegen den Klimawandel? Klima-Labor ist der ntv-Podcast, in dem Clara Pfeffer und Christian Herrmann Ideen und Behauptungen prüfen, die toll klingen, es aber selten sind. Klimaneutrale Unternehmen? Gelogen. Klimakiller Kuh? Irreführend. Aufforsten? Verschärft Probleme. CO2-Preise für Verbraucher? Unausweichlich. Windräder? Werden systematisch verhindert.

Das Klima-Labor - jeden Donnerstag eine halbe Stunde, die informiert und aufräumt. Bei ntv und überall, wo es Podcasts gibt: Audio Now, Apple Podcasts, Amazon Music, Google Podcasts, Spotify, RSS-Feed

Quelle: ntv.de

ntv.de Dienste
Software
Social Networks
Newsletter
Ich möchte gerne Nachrichten und redaktionelle Artikel von der n-tv Nachrichtenfernsehen GmbH per E-Mail erhalten.
Nicht mehr anzeigen