Wirtschaft

Zimmer gratis, keiner checkt ein Berliner Quarantäne-Hotel wartet auf Gäste

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Unmut bei Reiserückkehrern in Großbritannien: London hat eine 14-tägige Hotel-Quarantäne für Einreisende aus Ländern der "Roten Liste" eingeführt.

(Foto: REUTERS)

Während britische Reiserückkehrer zu einer teuren zehntägigen Isolation in Hotels auf eigene Kosten gezwungen werden, stehen in Berlin kostenlose Corona-Zimmer leer. Den Lagerkoller will offenbar keiner geschenkt. Und wer zahlt die Zeche?

Von dem Berliner Angebot, sich bei Bedarf freiwillig und kostenlos in einem Hotel zu isolieren, können Reiserückkehrer in Großbritannien derzeit nur träumen. London greift hart durch. Britische und irische Staatsbürger sowie Einwohner des Vereinigten Königreichs, die aus einem von 33 Risikostaaten anreisen, müssen sich seit dieser Woche vorab registrieren und ein Zehn-Tages-Paket für ein sogenanntes Quarantäne-Hotel buchen. Kostenpunkt: umgerechnet gut 2000 Euro pro Person.

Die Regierung will angesichts der ansteckenderen Corona-Mutationen jetzt auf Nummer sicher gehen. Knapp 5000 Zimmer wurden in 16 Hotels in Flughafennähe von London, Gatwick, Birmingham und Farnborough bereits reserviert. Weitere 58.000 Zimmer sollen bereitstehen, heißt es. Bei Verstoß drohen drakonische Strafen: Wer nicht in eines der vorgeschriebenen Hotels eincheckt, muss bis zu umgerechnet 11.450 Euro bezahlen.

Die Rückkehrer sind "not amused" über die Umstände ihrer Wiedereinreise. Obwohl das Zimmer "nicht schlecht" sei, seien die Kosten für den Aufenthalt "zu hoch" und "verrückt für zehn Tage", zitiert die BBC einen Mann aus der ersten Gruppe, die am Montag in einem Quarantäne-Hotel gestrandet ist. Andere klagen, dass sie keine Bücher oder Sachen mitgebracht hätten, um sich in der Zeit zu beschäftigen.

Johnson: Wer reist, "sollte die Kosten tragen"

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Menschen, die jetzt unter Quarantäne gestellt würden, weil sie im Ausland Urlaub machten, obwohl es verboten sei, sollten auch in der Lage sein, hierfür "die Kosten zu tragen", rechtfertigte Premier Boris Johnson das harte Durchgreifen. Im europäischen Vergleich gehört Großbritannien zu den Ländern, die am heftigsten von Corona betroffen sind. Angesichts wochenlanger strikter Einschränkungen kommt die Kurve mittlerweile deutlich zurück.

Auch Deutschland schottet sich derzeit gegen die neuen Corona-Mutationen ab, um die Infektionsketten zu unterbrechen. Hierzulande können ebenfalls Quarantäne-Zimmer in Hotels gebucht werden. Das Angebot ist jedoch zum einen vergleichsweise überschaubar und zum anderen absolut freiwillig. Solange kein Verstoß gegen Quarantäneauflagen vorliegt, kann jeder Einzelne selbst entscheiden, wo er seine Quarantäne verbringt.

Die rot-rot-grüne Regierung in Berlin hielt es Ende 2020 für sinnvoll, im Kampf gegen Corona kostenlose Isolationszimmer vorzuhalten. Seit November gibt es deshalb im Stadtteil Neukölln ein entsprechendes Angebot in einem Hotel in der Jahnstraße. Es richtet sich vor allem an diejenigen, die in großen Familien und in zu kleinen Wohnungen leben beziehungsweise gar keine Wohnung haben. Die Ärztegewerkschaft Marburger Bund begrüßt diese Idee. Beengte Wohnverhältnisse "gefährden den Erfolg der Quarantäne", heißt es. Allerdings betonen die Mediziner auch, dass es unabdingbar sei, dass die Menschen freiwillig in ein Hotel gehen wollten.

3135 Euro pro Tag für meist leere Zimmer

Wie viele Unterbringungsmöglichkeiten für Quarantäne es in Deutschland gibt und wie sie angenommen werden, wissen die Ärzte nicht. Das Interesse dürfte jedoch nicht groß sein. Denn selbst das kostenlose Angebot in Berlin wird nur spärlich nachgefragt. Ende 2020 hieß es noch, die Stadt würde 500 Zimmer in Hotels anmieten, um Menschen die Möglichkeit zu geben, sich dort zurückzuziehen. Daraus geworden sind schlappe 57. Die Zuteilung für ein Quarantäne-Zimmer erfolgt über das Gesundheitsamt. Lediglich fünf Personen seien in Neukölln zwischen dem 21. November bis Jahresende 2020 untergebracht worden, sagt Bezirksgesundheitsstadtrat Falko Liecke ntv.de. In diesem Jahr seien es 22 Personen gewesen.

"Grundsätzlich gilt, dass eine Unterbringung im Hotel nur freiwillig und grundsätzlich nachrangig erfolgt. Trotz der Sicherstellung der Versorgung im Hotel ist die Durchführung einer notwendigen Absonderung in den eigenen Räumen meist angemessener und schlicht bequemer möglich. Zudem wird eine Trennung von der Familie meist abgelehnt", wird schriftlich mitgeteilt.

Die Kosten pro Tag betragen 55 Euro je Zimmer - unabhängig davon, ob das Zimmer belegt ist oder nicht. Eigentlich war angedacht, dass der Bund die Kosten hierfür trägt. Jetzt zahlt die Stadt insgesamt pro Tag 3135 Euro, zuzüglich Kosten für Frühstück, Mittag- und Abendessen, für meist leerstehende Zimmer. Das Konzept des Quarantäne-Hotels sei "gescheitert", urteilte die CDU-Abgeordnete Emine Demirbüken-Wegner bereits im Januar, Kosten und Nutzen stünden "in keinem Verhältnis". Trotzdem wurde das Angebot bis Ende März verlängert.

"Quarantäne-Hotel" kann den Ruf schädigen

In anderen Städten hat das Berliner Beispiel keine Schule gemacht. In Bremen hatten die Behörden anfangs zwar großes Interesse, weil sie einen klaren Zusammenhang sahen zwischen beengtem Wohnen und hohen Infektionszahlen. Doch am Ende ging es über ein Interesse nicht hinaus. Die Stadt übernimmt die Kosten für die Quarantäne nicht - auch nicht in Notfällen. Die Isolationszimmer in seinem Hotel "Munte" in Bremen würden überwiegend von Firmen gebucht und gezahlt, erzählt Detlef Pauls ntv.de. Pauls ist auch Vorsitzender des Deutschen Hotel- und Gaststättenverbands für Bremen. Größtenteils seien es Beschäftigte der Meyer Werft in Papenburg, die aus einem Risikogebiet eingereist seien, die bei ihm ihre Quarantänezeit verbrächten. Sein Hotel habe einen Flur dafür abgetrennt.

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Für Hotels bedeuten Corona-Zimmer Sondereinnahmen, die sie sonst nicht hätten. Trotzdem sieht Pauls darin nur eine nette "Grundidee", selbst wenn sie dauerhaft gebucht und bezahlt würden. Er würde lieber schnell zum Normalbetrieb zurückkehren. "Wir wollen lieber arbeiten, als alimentiert zu werden." Ihn treibt dabei auch eine konkrete Sorge bei dem Konzept um: Die Durchmischung von Corona- und normalen Gästen könnte abschreckend wirken, meint er. Er müsse auch an seine gesunden Kunden denken. "Würden Sie in ein Hotel gehen, in dem auch Gäste untergebracht sind, die in Quarantäne sind?"

Auch die Hoteliers in Großbritannien überlegen jetzt, was es für ihren Ruf bedeutet, wenn sie das Quarantäne-Ticket zücken. London hat zur Auflage gemacht, dass sie sich entscheiden müssen, wen sie beherbergen wollen: Menschen in Corona-Quarantäne oder "normale" Gäste. Beides geht nicht. Man laufe Gefahr, dass der Ruf des "Corona-Hotels" am Haus kleben bleibe, zitiert die britische Zeitung "The Guardian" einen Branchenvertreter. "Hotels möchten möglicherweise nicht als Quarantäne-Hotels bekannt sein."

Quelle: ntv.de