Wirtschaft

Dieselantrieb auf Abstellgleis Erste Wasserstoffzüge nehmen Betrieb auf

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Der Wasserstoffzug von Alstom war im Februar testweise auf der Heidekrautbahn in Brandenburg im Einsatz.

(Foto: picture alliance/dpa)

Noch immer fahren auf etlichen deutschen Eisenbahnstrecken Dieselloks und Dieseltriebwagen. In Zukunft sollen sie unter anderem durch Wasserstoffzüge ersetzt werden. Testweise kommen die emissionsfreien Triebwagen bereits zum Einsatz.

Nur 61 Prozent des deutschen staatlichen Eisenbahnnetzes ist elektrifiziert. Das zeigt eine Auswertung des Bündnisses Allianz pro Schiene. Mit diesem Wert hinkt Deutschland anderen Ländern hinterher. Zum Vergleich: Die Schweiz hat ausschließlich elektrifizierte Strecken, in Belgien sind 86 Prozent der Strecken mit einer Oberleitung überspannt, in Schweden sind es immerhin noch drei Viertel.

Zwar will das Bundesverkehrsministerium bis 2025 auf 70 Prozent der deutschen Eisenbahnstrecken Strom fließen lassen, doch so richtig geht es nicht voran. Zumal sich der Bau von Oberleitungen auf wenig befahrenen oft eingleisigen Nebenstrecken auch nicht rechnet.

Das Problem: Dort, wo es keine Elektrifizierung gibt, kommen in der Regel umweltschädliche Dieselloks oder Dieseltriebwagen zum Einsatz. Einer der Hersteller dieser Fahrzeuge ist der französische Zugbauer Alstom. "Wir waren bei den Dieseltriebwagen recht lange führend in dem Markt mit unserem Coradia Lint. Und dann haben wir uns gefragt, wie wir auf dieser Basis etwas mit weniger oder gar keinen Emissionen entwickeln können", sagt Andreas Frixen im ntv-Podcast "Wieder was gelernt".

Ab 2022 im kommerziellen Einsatz

Der Ingenieur ist bei dem Zugbauunternehmen für grüne Bahnlösungen verantwortlich. "Da gibt es im Wesentlichen momentan zwei Technologien. Die Brennstoffzellen-Technologie, die mit Wasserstoff betrieben werden kann und batterieelektrische Triebwagen. Und wenn man sich die Topografien und die Strecken in Deutschland anguckt, merkt man, dass nicht alle mit batterieelektrischen Triebwagen betrieben werden können", erklärt Frixen.

Deshalb habe Alstom vor sieben Jahren angefangen, einen Wasserstoffzug zu entwickeln. Man habe eine Lösung finden wollen, die "für alle Strecken passt" und bei der Suche schnell festgestellt, "dass das Thema Brennstoffzelle schon sehr ausgereift ist, gerade im Bereich Busse", berichtet Frixen. Daraufhin habe Alstom auf Basis des Dieseltriebwagens Coradia Lint einen elektrischen Triebwagen gebaut, "der die Brennstoffzelle an Bord hat, die aus Wasserstoff und der Umgebungsluft Energie erzeugt."

Entstanden ist der weltweit erste Personenzug, der mit einer Wasserstoff-Brennstoffzelle betrieben wird. 2016 hatte Alstom den Coradia iLint auf der Verkehrsmesse Innotrans erstmals der Öffentlichkeit präsentiert. 2017 gab es die erste Probefahrt auf der Teststrecke von Alstom Deutschland in Salzgitter. Von Ende 2018 bis Anfang 2020 wurden die Züge zwischen Buxtehude und Cuxhaven in Norddeutschland erstmals im regulären Fahrplan eingesetzt. Der Testlauf verlief gut, ab März 2022 sollen die Wasserstoffzüge auf der Strecke in Niedersachsen den kommerziellen Betrieb aufnehmen.

"Wieder was gelernt" ist ein Podcast für Neugierige: Bekommt die Deutsche Bank ihr Geld von Donald Trump zurück? Warum bezahlen manche Berufspiloten Geld für ihren Job? Warum ziehen Piraten von Ost- nach Westafrika? Hören Sie rein und werden Sie dreimal die Woche ein bisschen schlauer.

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Niedersachsen hat insgesamt 14 Wasserstofftriebwagen bei Alstom bestellt, 27 Fahrzeuge gehen nach Hessen, weitere Bundesländer haben Testfahrten durchgeführt oder werden das noch tun. Und auch das europäische Ausland steht in den Auftragsbüchern. Jeweils zwölf Brennstoffzellen-Fahrzeuge gehen nach Italien und Frankreich.

Siemens bringt Zug 2024 auf die Schiene

Konkurrenz hat Alstom auf dem Wasserstoffzugmarkt bislang kaum. Siemens arbeitet zwar ebenfalls an einem solchen Triebwagen, der wird aber erst 2024 zum Einsatz kommen. Die Deutsche Bahn hat mit dem Konzern einen einjährigen Testzeitraum zwischen Tübingen und Pforzheim vereinbart.

Das Siemens-Fahrzeug hat gegenüber dem von Alstom aber einen Vorteil: Während die Franzosen den Coradia iLint aus einem Dieseltriebwagen entwickelt haben, ist der Mireo Plus H eine Allzweckwaffe. Auf einer elektrifizierten Strecke kann sich der Siemens-Zug seine Energie aus der Oberleitung ziehen und ansonsten zwischen Batterie- oder Brennstoffzellenbetrieb wechseln. Der Alstom-Zug wiederum hat eine größere Reichweite, schafft 1000 Kilometer. Siemens nur 600, sofern der Zug nicht auf einer elektrifizierten Strecke Energie "sparen" kann.

"Ein wesentlicher Vorteil der Brennstoffzellen-Technologie und der damit verbundenen Wasserstoffversorgung ist, dass Tankstellen für Züge nicht nur von Zügen genutzt werden können. Man kann sie auch ausbauen, sodass dort Busse, Privatfahrzeuge, LKW und kommunale Fahrzeuge betankt werden können", erklärt Andreas Frixen im Podcast. Wasserstoffversorgung stelle "keine individuelle Inselversorgung" dar, könne stattdessen in ein Wasserstoff-Konzept für eine ganze Region eingebettet werden.

Wasserstoffzüge im Berliner Umland

Ein Beispiel für ein regionales Wasserstoffnetz findet sich in Brandenburg. Im Landkreis Barnim haben sich ein lokaler Energieversorger, die Kreiswerke, und ein privates Eisenbahnunternehmen zusammengeschlossen. Auf der Heidekrautbahn im Berliner Umland kommen bislang Dieseltriebwagen zum Einsatz. Ab Ende 2024 sollen sie durch Wasserstoffzüge ersetzt werden. Für das Projekt werden etwa 100 Millionen Euro veranschlagt, 25 Millionen steuert das Bundesverkehrsministerium bei. Der benötigte Wasserstoff soll zu 100 Prozent aus erneuerbaren Energien erzeugt werden. Versorger Enertrag baut deshalb ein eigenes Wasserstoffwerk, die Kreiswerke Barnim errichten eine Wasserstoff-Zugtankstelle.

Welche Züge von welchem Unternehmen die Niederbarnimer Eisenbahngesellschaft auf der Heidekrautbahn einsetzen wird, ist noch unklar. Die Ausschreibung hat noch nicht begonnen. Alstom hat sein Modell auf der Strecke jedenfalls vor zwei Jahren bereits einmal getestet.

Quelle: ntv.de

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