Wirtschaft

"USA und China werden gestärkt" Kaeser sieht Europa als Krisen-Verlierer

Siemens-Vorstand Joe Kaeser steht in einer Fertigungshalle des Siemens-Werks Görlitz vor einer Turbine. Foto: Sebastian Kahnert/dpa-Zentralbild/Archivbild/dpa

Seit 2013 ist Joe Kaeser Vorstandsvorsitzender von Siemens.

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Die Coronavirus-Krise lasse die europäische Wirtschaft zurückfallen, meint Siemens-Chef Kaeser. Als Grund nennt er die "Entkoppelung multilateraler Beziehungen", von der die USA und China profitieren würden. Dabei lobt er vor allem Pekings "stringente Regierungsführung".

Europa könnte nach Ansicht von Siemens-Chef Joe Kaeser durch die Coronavirus-Krise im globalen Wirtschaftswettbewerb zurückfallen. "Vermutlich werden die USA und China gestärkt aus der Corona-Krise hervorgehen", sagte Kaeser. In den USA profitierten die großen Technologie- und Digitalisierungsfirmen von der Krise: "Die Pandemie wird die Digitalisierung deutlich schneller vorantreiben." Und China habe sich durch die kompromisslose Bekämpfung der Virusausbreitung bereits einen zeitlichen Vorsprung verschafft. Besonders Deutschland könnte eine Entflechtung der globalen Wirtschaftsbeziehungen zu schaffen machen, mahnt Kaeser. "Deutschland könnte als große Exportnation Verlierer dieser wachsenden Entkoppelung multilateraler Beziehungen sein."

"Chinas Firmen kümmern sich bereits um große Projekte, während wir noch darüber diskutieren, wie unterbrochene Lieferketten wieder hergestellt werden können und wo sie künftig sein sollen", sagte der Siemens-Chef, der auch Vorsitzender des Asien-Pazifik-Ausschusses der deutschen Wirtschaft (APA) ist. Er verwies auf eine sehr langfristige Planung und eine stringente Regierungsführung in Peking, die sehr "umsetzungseffizient" sei.

"Ich sage nicht, dass dies mit unserer demokratischen und präferierten Werteordnung übereinstimmt", betonte Kaeser. Fest stehe aber, dass in China die Industrie in vielen Segmenten wie etwa dem Automobilsektor bereits wieder auf dem Level arbeitete wie Ende 2019. "Wir sehen schon jetzt, dass China im Infrastrukturbereich, wie zum Beispiel bei Kraftwerken und anderen Großprojekten, die internationalen Leerräume besetzt, die wir ihnen derzeit an einigen Stellen bieten." Das setze auch Siemens in Märkten wie Afrika und Lateinamerika zu.

Fokussierung auf Zukunftstechnologien

Kaeser verwies zudem auf die strategische Ausrichtung des Seidenstraßen-Projekts, mit dem China Investitionen in anderen Ländern vorantreibe. "Das Projekt dient auch der produktiven Verwendung eigener Überkapazitäten", betonte er. Chinesische Überkapazitäten gebe es etwa bei Stahl, Zement oder im maritimen Sektor. Während westliche Unternehmen auf Überkapazitäten meist durch einen Arbeitsplatzabbau und Sozialprogramme reagierten, stecke Chinas Führung Milliarden in die Förderung internationaler Infrastrukturprojekte.

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Siemens profitiere davon auch, weil man zusammen mit chinesischen Firmen in Drittländer gehe. "Im Rahmen der Seidenstraßen-Initiative haben wir schon mit 100 chinesischen Firmen zusammengearbeitet", sagte Kaeser. Chinesische Firmen seien nicht überall gut etabliert. Siemens genieße dagegen großes Ansehen, weil das Unternehmen in vielen Ländern schon sehr lange vertreten sei.

Kaeser forderte von der EU eine radikale Fokussierung auf Zukunftstechnologien, um im weltweiten Wettbewerb mithalten zu können. "Die EU hat bisher die Pandemie nicht als Chance genutzt, eine gemeinsame wirtschaftspolitische Position zu finden", kritisierte er. Die Europäische Union müsse nun eine gemeinsame Außenwirtschaftspolitik entwickeln.

"Europa, Europa, Europa"

Besorgt zeigte sich Kaeser über Abschottungsversuche der USA und Chinas. "Das ist brandgefährlich für Europa und Deutschland", sagte er. "Die Hauptgefahr ist dabei eine Lokalisierung der Wertschöpfung, wenn die USA und China auf lokale Produktion pochen." Große Konzerne wie Siemens müssten sich dann darauf einstellen und ihr Geschäft dezentral aufspalten. Bei Mittelständlern gehe dies aber nicht so einfach.

Kaeser warnte vor allem vor einem drohenden Arbeitsplatzabbau in Deutschland. Siemens mache etwa rund 20 Prozent des Umsatzes in den USA, zwölf in China, zehn in Deutschland. "Aber ein Drittel der Belegschaft ist aus guten Gründen in Deutschland beschäftigt. Mit dem Zwang zur Lokalisierung gleichen sich Angebot und Nachfrage regional an. Damit ziehen die Jobs und Wertschöpfung in andere Länder um."

Deshalb müsse die EU zu einem eigenständigen starken Spieler in der globalen Wirtschaft werden. "Aber dazu muss sich die Europa-Politik radikal fokussieren", mahnte er. Nötig sei die Konzentration der Milliardenförderung auf Bereiche, die den Kontinent technologisch souveräner machten. Als Beispiele nannte er Mobilität, Automatisierung, Gesundheitstechnik und Umwelttechnik. Die Antwort auf die Konkurrenz zu den USA und China müsse sein: "Europa, Europa, Europa - die Reihenfolge können sich die Regierungen selbst aussuchen", sagte Kaeser.

Quelle: ntv.de, mli/rts