Wirtschaft

Heizlüfter kein Ersatz für Gas Mit Strom heizen? "Nur für den Notfall eine gute Idee"

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Eine Wohnung mit Strom zu heizen, zum Beispiel einem Radiator, kostet mindestens doppelt so viel wie das Heizen mit Gas.

(Foto: IMAGO/Christian Ohde)

Deutschland bereitet sich auf eine Gasknappheit vor. Aus Angst vor einer kalten Wohnung im Winter kaufen sich viele Menschen Elektroheizungen. Heizen mit Strom ist aber längst nicht günstiger als mit Gas. Das massenhafte Anschließen könnte auch einen Kollaps der Stromsysteme auslösen.

Im Herbst und Winter frieren, das will niemand. Immerhin etwa die Hälfte der deutschen Haushalte heizt mit Gas. Und das könnte in der kalten Jahreszeit knapp werden. Außerdem klettert der Gaspreis immer weiter in die Höhe.

Viele Menschen kaufen sich deshalb eine Elektroheizung. Jeder zehnte Deutsche hat im vergangenen Halbjahr einen Heizlüfter, Heizstrahler oder einen Radiator gekauft, fand das Vergleichsportal Verivox in einer Umfrage heraus. Zudem wurden von Januar bis Juni in Deutschland knapp 35 Prozent mehr elektrische Heizlüfter verkauft als im Vorjahreszeitraum. Ein Viertel der Menschen denkt, eine elektrische Heizung wäre insgesamt günstiger.

"Wenn jemand ein Elektroheizgerät kauft, weil er für den Notfall vorsorgen will, wenn die Gasheizung ausgefallen ist, dann ist es eine gute Idee. Wenn jemand denkt, damit will ich Geld sparen, das ist billiger als Gas, dann ist es eine schlechte Idee", sagt Reinhard Loch im ntv-Podcast "Wieder was gelernt". Er leitet bei der Verbraucherzentrale Nordrhein-Westfalen die Gruppe Energieeffizienz.

Strom doppelt so teuer wie Gas

Zwar sind Elektroheizungen nicht teuer. Einfache Heizlüfter sind schon ab rund 30 Euro zu haben. Mit ihnen eine Wohnung zu heizen, ist aber teurer als mit Gas. Der Strompreis ist im Vergleich viel höher: Eine Kilowattstunde Strom kostet mehr als doppelt so viel wie die gleiche Menge Gas. Sie kostet im Durchschnitt momentan etwa 42 Cent. Der durchschnittliche Gaspreis liegt bei rund 18 Cent pro Kilowattstunde.

Reinhard Loch erwartet nicht, dass sich das Verhältnis in Zukunft ändert, obwohl auch Strom immer teurer wird. Die Heizkosten für eine 70-Quadratmeter-Wohnung, die mit Gas oder Öl beheizt wird, lägen bei etwa 1000 Euro im Jahr. "Würde man das komplett auf Strom umstellen, wären es mindestens 2000 Euro, vielleicht sogar 2500 Euro", rechnet Loch vor.

Außerdem könnten die elektrischen Heizungen zu einer Gefahr für das Stromnetz werden. Das Bundeswirtschaftsministerium schreibt in einer Analyse zur Stromversorgung im kommenden Winter 2022/23, dass "ein sicherer Betrieb des Elektrizitätsversorgungsnetzes weiterhin gewährleistet ist". Doch die Stromversorger schlagen Alarm. Die Stromversorgung ist für so eine Zusatzbelastung nicht ausgelegt, sagen auch die Branchenverbände DVGW und VDE. Das örtliche Netz könnte überlastet werden - Stromausfälle wären dann wahrscheinlich.

Stromnetz nicht für Millionen Elektroheizungen ausgelegt

"Das Gasnetz ist dafür ausgelegt, dass wir alle gleichzeitig heizen. Das Stromnetz ist es nicht", sagt der Energieexperte. "Wenn alle 20 Millionen Haushalte, die mit Gas heizen, gleichzeitig mit Strom heizen und alle Zimmer mit kleinen Heizlüftern und Elektroradiatoren bestücken würden, wäre das problematisch für die Netze. Da fliegt dann in der Straße oder im Quartier auch mal eine Sicherung raus." Zudem könnten die Stromversorger diese Kapazitäten überhaupt nicht zur Verfügung stellen. "So viele Kohlekraftwerke können wir gar nicht mehr ans Netz bringen für die dann erforderliche Gesamt-Spitzenleistung."

Wir bräuchten also viel mehr Strom, wenn alle Menschen, die Gasheizungen haben, im Winter stattdessen Elektroheizungen nutzen würden. Kurzfristig könnte man das nicht ausgleichen, rechnet Loch vor.

Würden alle 20 Millionen Haushalte jeweils gleichzeitig drei oder vier Elektroheizungen in Betrieb nehmen, sei hochgerechnet mit einer Anschlussleistung von 100 Gigawatt zu rechnen, bei fünf Kilowatt pro Wohnung, so Loch. "Das entspricht praktisch der gesamten Leistung, die wir im Moment an Kohle und Kernenergie im Netz haben. Die werden dann sozusagen auf einen Schlag ausgelastet und wir haben ja noch den sonstigen Stromverbrauch. Das würde praktisch eine Verdoppelung des Stromverbrauchs von der Spitzenleistung her bedeuten und das haben wir in den Kapazitäten gar nicht vorrätig."

Atom- kaum Ersatz für Gasstrom

Nicht nur die Nachfrage nach Heizlüftern und Co. bedroht die Stromversorgung in Deutschland. Wenn es zu Gas-Engpässen kommt, müssen Gaskraftwerke, die Strom erzeugen, möglicherweise abgeschaltet werden. Die Gaskraftwerke machen momentan etwa 15 Prozent unserer Stromversorgung aus, weiß Energieexperte Loch. "Die Tendenz ist aber rückläufig, weil das Gas so teuer ist und die Stromversorger es nicht mehr gerne einsetzen." Zudem soll das Gas fürs Heizen reserviert werden. Stattdessen sollen Kohlekraftwerke wieder ans Netz genommen werden. So wie das Kohlekraftwerk im niedersächsischen Mehrum Anfang des Monats. Zudem wird über längere Laufzeiten der Atomkraftwerke in Deutschland diskutiert.

Atomkraftwerke würden aber nur einen kleinen Teil des Stroms aus Gas ersetzen, nur bis zu 1,5 Prozent, sagte der Verein Deutscher Ingenieure ntv.de. Denn viele Gaskraftwerke können - wenn es nötig ist - in wenigen Minuten auf Spitzenleistungen hochgefahren werden. Das verhindert Stromausfälle, wenn mehr verbraucht wird. Gaskraftwerke sorgen dafür, dass das Stromnetz stabil bleibt. Das können Atomkraftwerke nicht leisten. Sie können nicht einfach an- oder ausgeschaltet werden.

Ein weiteres Problem für die Stromversorgung sind die rückläufigen Energielieferungen aus Frankreich. Über die Hälfte der französischen Atomreaktoren sind derzeit nicht am Netz. Deshalb hat Deutschland von April bis Juni laut Bundesnetzagentur fünfmal mehr Strom in das Nachbarland exportiert, als es von dort bekommen hat. Normalerweise ist es umgekehrt. In den vergangenen beiden Jahren lieferte Frankreich mehr Strom nach Deutschland, als es von dort erhalten hat.

"Strommix in Europa ist stabil"

Trotzdem sei die Stromversorgung in Deutschland momentan sicherer als die Gasversorgung, sagt Reinhard Loch. "Wir sind ja auch in den europäischen Verbund eingebunden. Die Nachbarländer machen ihren Strom zum Teil mehr mit Kohle, zum Teil mehr mit Atomkraft, zum Teil mehr mit Wind und Sonne. Da sind andere Länder uns voraus. Der Strommix in Europa ist recht stabil."

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Elektroheizungen sollten trotzdem nicht dauerhaft, sondern nur als Not-Heizung eingesetzt werden, macht der Energieexperte im Podcast deutlich. Zum Beispiel, wenn bei einem Gasmangel in bestimmten Regionen der Gasdruck unter eine kritische Grenze fällt. "Dann werden automatisch bestimmte Schutz-Ventile im Haus, in der Straße, aber vielleicht auch in der ganzen Stadt heruntergefahren und die Heizungen fallen aus. Das dauert vielleicht ein paar Tage, bis dann die Gasgeräte wieder hochgefahren sind. Für solch eine Notsituation ist es natürlich möglich, einzelne Räume mit einem Heizlüfter oder mit einem Elektroradiator zu versorgen." Ein bis zwei Geräte pro Wohnung reichten aber aus.

Das einfachste Rezept ist jetzt aber: Energie sparen. Die EU-Länder wollen bis März nächstes Jahr freiwillig 15 Prozent Gas einsparen, steht im Gas-Notfallplan, der vergangene Woche in Kraft getreten ist. Deutschland will sogar 20 Prozent weniger Gas verbrauchen. Viele Kommunen sparen jetzt bereits, senken die Wassertemperatur in Schwimmbädern und drehen Heizungen und Warmwasser in Schulen und Turnhallen ab.

Für den Herbst und Winter plant die Bundesregierung strenge Vorschriften. Unter anderem sollen öffentliche Gebäude nur noch auf 19 Grad geheizt werden. Und Mieter müssen ihre Wohnungen nicht mehr bis zu einer bestimmten Mindesttemperatur hochheizen. Immerhin: wenn man die Raumtemperatur nur um ein Grad absenkt, kann man schon sechs Prozent Energie einsparen.

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Quelle: ntv.de

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