Ratgeber

"Mich trifft es schon nicht": Irrtümer zur Berufsunfähigkeit

von Isabell Noé

Die Berufsunfähigkeitsversicherung ist eine der kompliziertesten Policen, die Versicherungen im Angebot haben: Sie ist teuer, nicht ganz leicht zu bekommen und dass sie am Ende hilft, ist auch nicht immer gewährleistet. Dennoch sollte jeder, der auf sein Arbeitseinkommen angewiesen ist, eine haben. Warum so viele Berufstätige auf den Schutz verzichten.

Dachdecker gelten als Hochrisikogruppe. Sie haben große Schwierigkeiten, überhaupt Versicherungsschutz zu bekommen.
Dachdecker gelten als Hochrisikogruppe. Sie haben große Schwierigkeiten, überhaupt Versicherungsschutz zu bekommen.

Berufsunfähig zu werden heißt, dass man mit seiner Arbeit kein Geld mehr verdienen kann. Und das passiert häufiger, als man glaubt: Rund 20 Prozent aller Arbeitnehmer müssen irgendwann ihren Job aufgeben, weil Körper oder Psyche nicht mehr mitmachen. Das Risiko ist also groß, die möglichen finanziellen Folgen fatal – und dennoch hat nur etwa jeder vierte Berufstätige vorgesorgt. Woran liegt das? Die Meinungsforscher von TNS Infratest haben für die Versicherung "Continentale" eine Studie erstellt, die Aufschluss über verbreitete Fehleinschätzungen und Irrtümer geben soll. Sie zeigt aber auch: Viele Arbeitnehmer können oder wollen sich den Schutz über eine Berufsunfähigkeitsversicherung (BU) nicht leisten.

Eine Preisfrage

54 Prozent der repräsentativ Befragten gaben an, die Versicherung sei für sie zu teuer. In der Tat sind die Policen nicht gerade günstig. Schon bei einem Einstiegsalter von 30 Jahren kommen auch Menschen mit körperlich wenig anstrengenden Sitzberufen schnell auf monatliche Nettobeiträge im dreistelligen Bereich. Je riskanter der Beruf, je höher das Eintrittsalter und die vereinbarte Rente sind, desto teurer wird es. 60 Prozent derjenigen, die von einem Haushaltsnettoeinkommen von unter 2000 Euro leben, sagten, ihnen sei der Schutz zu teuer. Auffallend ist jedoch, dass auch die Besserverdienenden die Kosten fürchten. Auch in der Einkommensklasse über 2500 Euro argumentiert die Hälfte über die Kosten-Schiene. Hier dürfte die mangelnde Absicherung vor allem eine Frage der Prioritäten sein. 52 Prozent der Befragten ohne Versicherungsschutz räumten ein, sie würden ihr Geld eben lieber für andere Dinge ausgeben.

Unabhängig vom Alter und Bildungsgrad verlassen sich vor allem viele Frauen darauf, dass im Ernstfall Familienangehörige oder Partner für den Unterhalt sorgen würden. Insbesondere Mütter sehen sich so ausreichend abgesichert, wohl auch weil sie in der Regel den kleineren Teil zum Familieneinkommen beitragen. Das ist nachvollziehbar, angesichts einer Scheidungsrate von rund 50 Prozent aber auch ziemlich optimistisch gedacht.

Am liebsten nur junge Gesunde

Auch das Alter wird von den Nicht-Versicherten oft als Hinderungsgrund gesehen. Über 40 Prozent der Befragten meinten, sie seien noch zu jung oder schon zu alt. In der Tat steigt das Berufsunfähigkeitsrisiko mit den Jahren, was nicht heißt, dass man vorher davor gefeit wäre: Jeder neunte Betroffene ist unter 40. Für einen Abschluss in jungen Jahren sprechen aber noch ganz andere Gründe. Zum einen sind die Tarife deutlich günstiger. Zum anderen sind die Chancen besser, dass man überhaupt eine Police bekommt. Denn wenn sich erst einmal die ersten Zipperlein einstellen, kann das schwierig werden. Versicherer versuchen, Risikokandidaten schon im Voraus auszusortieren - diese Erfahrung hat unlängst die Stiftung Warentest gemacht, als sie im Frühjahr BU-Angebote untersuchte. Schon Heuschnupfen oder andere vermeintlich harmlose Leiden können die Suche nach einer Police erheblich erschweren.

Viele Berufstätige machen sich allerdings gar nicht die Mühe, Anträge auszufüllen, weil sie denken, sie hätten schon anderweitig genug vorgesorgt. Ein Irrglaube: Weder Lebensversicherungen noch Sparverträge oder Immobilien können langfristig ein regelmäßiges  Einkommen ersetzen, zumal das Kapital in der Regel nicht ohne Weiteres abrufbar ist. Die Unfallversicherung zahlt zwar oft auch eine Rente – aber nur, wenn ein Unfall zur Berufsunfähigkeit geführt hat. Und das ist in gerade mal fünf Prozent aller Fälle der Grund. "Im übertragenen Sinn kaufen sich die Menschen einen Fallschirm und sind dann davon überzeugt, dass er auch gegen Ertrinken hilft", so die Autoren der Studie.

Risiko wird unterschätzt

37 Prozent der Befragten hielten Unfälle für eine der Hauptursachen von Berufsunfähigkeit. Doch auch andere Risiken werden überschätzt, allen voran die Rückenleiden, die 43 Prozent als besondere Gefahr einstuften. In Wirklichkeit machen Rückenerkrankungen nur 17 Prozent der BU-Fälle aus. Die wichtigste Ursache für Berufsunfähigkeit wird dagegen oft verkannt: 33 Prozent der Betroffenen scheiden wegen psychischer Erkrankungen aus dem Berufsleben aus. Vor allem Kopfarbeiter neigen deshalb dazu, ihr persönliches Risiko zu unterschätzen. Von den Befragten mit Abitur oder Studienabschluss hielten sich gerade einmal neun Prozent selbst für gefährdet. Bei den Befragten mit Hauptschulabschluss war das Risikobewusstsein mit 20 Prozent ausgeprägter, was nicht heißt, dass dort auch mehr Vorsorge betrieben würde.  

Inzwischen sind psychische Erkrankungen das BU-Risiko Nummer eins.
Inzwischen sind psychische Erkrankungen das BU-Risiko Nummer eins.(Foto: picture alliance / dpa)

Hohe Kosten und das "Mich trifft es schon nicht"-Denken sind sicher die Hauptgründe, weshalb sich vergleichsweise wenige Menschen um Versicherungsschutz kümmern. Manchmal ist es aber auch blanke Unwissenheit. So hielt gut ein Fünftel der Befragten die staatliche Absicherung für ausreichend. Ein Trugschluss: 2008 zahlte der Staat bei völliger Erwerbsunfähigkeit im Schnitt eine Rente von knapp 700 Euro, den bisherigen Lebensstandard können davon nur die Wenigsten bestreiten. Zudem gibt die staatliche Unterstützung auch nur, wenn man gar nicht mehr oder nur noch eingeschränkt arbeiten kann. Der Beruf spielt dabei - anders als bei privaten Policen - keine Rolle.

Häufig ist die Annahme, dass die private Zusatzrente auf die staatliche Erwerbsminderungs- oder Erwerbsunfähigkeitsrente angerechnet wird. Ein Irrtum: Die Berufsunfähigkeitsrente gibt es auf jeden Fall zusätzlich zur staatlichen Rente. Anders liegt der Fall bei ALG-Empfängern. Für sie lohnt sich private Vorsorge kaum, weil die BU-Rente voll mit den staatlichen Leistungen verrechnet wird.

Im Ernstfall ohne Schutz?

60 Prozent der Befragten waren der Ansicht, die Versicherung zahle im Ernstfall sowieso nicht. Unbegründet ist die Annahme nicht, wer einen Rentenantrag einreicht, muss damit rechnen, dass die Versicherung ganz genau prüft, ob tatsächlich Berufsunfähigkeit vorliegt und ob der Versicherte nicht vielleicht schon beim Antrag Krankheiten verschwiegen hat. Das wird bei Neuverträgen aber immer unwahrscheinlicher. Denn viele Versicherungen haben nicht nur die Gesundheitsfragebögen nachgebessert und präzisiert, sondern auch die Verträge kundenfreundlicher gestaltet, so zumindest das Fazit der Stiftung Warentest-Untersuchung.

Eine Klausel findet man allerdings auch in Alt-Verträgen nicht: die, dass die Versicherung nach selbst verschuldeten Unfällen nicht zahlt. Rund 40 Prozent der Befragten glaubten, dies sei ein Grund, den Versicherungsschutz abzulehnen.

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Quelle: n-tv.de

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