Montag, 10. November 2008
Hunger in der Schwangerschaft: Ein Leben lang im Erbgut
Eine schlechte Ernährung zu Beginn der Schwangerschaft lässt sich noch Jahrzehnte später am Erbgut des Nachwuchses ablesen. Dies berichten Wissenschaftler nach einer Untersuchung von mittlerweile über 60-jährigen Männern und Frauen, deren Mütter im Holländischen Hungerwinter 1944/45 schwanger gewesen waren. Inwieweit die Veränderungen am Erbgut die Gesundheit der Kinder bis ins Erwachsenenalter beeinträchtigen, müssten weitere Untersuchungen klären, schreiben die Wissenschaftler in den "Proceedings" der US-Akademie der Wissenschaften ("PNAS").
Bastiaan Heijmans vom Leiden University Medical Center (Leiden/Niederlande) und seine Mitarbeiter hatten sich bei insgesamt 60 während des Hungerwinters gezeugten Menschen das Gen für einen Wachstumsfaktor genauer angesehen. Dieses Gen heißt "Insulin-like-growth factor 2", kurz: IGF2. Es ist ein zentraler Faktor für die Regulation von Wachstum und Entwicklung. Die Forscher untersuchten, wie viele sogenannter Methylgruppen kleine chemische Anhängsel an dem Genabschnitt hängen. Die Methylgruppen entscheiden mit darüber, wie viel Protein von einem Gen gebildet wird, in diesem Fall also, wie viel von dem Wachstumsfaktor IFG2 gebildet wird.
Weniger Methylgruppen
Die zu Hungerzeiten gezeugten Kinder hatten nun noch als Erwachsene deutlich weniger Methylgruppen an dem IGF2-Gen als ihre Geschwister, die vor oder nach dem Hunger ausgetragen worden waren. Insgesamt lag die Methylierungsrate der "Hungerkinder" rund fünf Prozent unter der ihrer Geschwister. Verantwortlich dafür sei möglicherweise ein Mangel an Substanzen in der Nahrung, die als Quelle für Methylgruppen dienen könnten, etwa die Aminosäure Methionin. In einem zweiten Schritt untersuchten die Forscher 60 weitere Erwachsene, die im Mutterleib ebenfalls gehungert hatten, allerdings erst in einem späteren Entwicklungsstadium. Deren Methylierungsrate unterschied sich nicht von der ihrer früher oder später geborenen Geschwister, berichten die Forscher. Dies deute darauf hin, dass die Prägung des Erbgutes durch Methylierung in einem frühen Stadium der Entwicklung stattfinde.
Ursache für die Hungersnot in Holland war ein von Deutschland auferlegtes Nahrungsmittel-Embargo im Kriegswinter 1944/45. Da die Geburtsstatistiken aus dieser Zeit erhalten sind, können die Nachkommen der Betroffenen noch heute auf die Auswirkungen der Hungersnot untersucht werden. So hatte eine Studie zum Beispiel gezeigt, dass jene, die in der Frühschwangerschaft im Mutterleib unter Mangelernährung gelitten hatten, als Erwachsene häufig stark übergewichtig waren.
Das Wissenschaftsfeld, das die unterschiedlichen Prägungen des Erbgutes untersucht, heißt Epigentik. Epigenetische Unterschiede zwischen Menschen auch zwischen genetisch völlig identischen können bereits während der Embryonalentwicklung entstehen oder im weiteren Lebensverlauf erworben werden.
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