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Auch eine geringere Sonnenaktivität, wenn sie denn kommt, wird keinen sehr starken Abkühlungseffekt haben.
Auch eine geringere Sonnenaktivität, wenn sie denn kommt, wird keinen sehr starken Abkühlungseffekt haben.(Foto: dpa)

Vahrenholt irrt: "Es wird weiterhin wärmer"

Der RWE-Manager Fritz Vahrenholt behauptet, dass wir vor einem Abschwingen der Sonnenaktivität stehen. Dafür gebe es durchaus Anzeichen, sagt der Astrophysiker Georg Feulner. Keine Anzeichen allerdings gibt es dafür, dass eine geringere Sonnenaktivität einen ausreichend starken Abkühlungseffekt haben wird.

Fritz Vahrenholt hat ein Buch geschrieben, es heißt: "Die kalte Sonne".
Fritz Vahrenholt hat ein Buch geschrieben, es heißt: "Die kalte Sonne".(Foto: picture alliance / dpa)

n-tv.de: Vahrenholt sagt, es sei seit "fast 14 Jahren ... nicht mehr wärmer geworden - trotz weiter steigender CO2-Emissionen". Darauf müsse die etablierte Klimawissenschaft eine Antwort liefern. Was ist denn Ihre Antwort?

Georg Feulner: Wenn Sie sich die Temperaturentwicklung der letzten 150 Jahre anschauen, dann sehen Sie einen Erwärmungstrend, aber Sie sehen auch immer wieder Phasen der Stagnation. Diese Phasen sind Schwankungen bei einer insgesamt ansteigenden Kurve - dazu gibt es hier eine schöne Grafik. Dass es diese Phasen kurzzeitiger Stagnation gibt, ist nicht überraschend, schließlich gibt es neben den Treibhausgasen Faktoren, die nicht vom Menschen beeinflusst werden. Da spielt die Sonneneinstrahlung eine Rolle, Vulkanausbrüche, es gibt El Niño, ...

... ein Strömungsphänomen im Pazifik, das das Wetter weltweit beeinflusst.

In Jahren mit einem starken El Niño ist es global sehr warm, wenn das Gegenstück auftritt, La Niña, wie in den vergangenen Jahren, dann wird es etwas kühler.

Gleichzeitig war bis auf 2008 jedes Jahr des vergangenen Jahrzehnts eines der wärmsten seit Beginn der Temperaturmessungen - wie passt das zusammen?

Die Tatsache, dass fast alle Jahre im vergangenen Jahrzehnt unter den wärmsten Jahren sind, zeigt ja schon, dass es mit der Stagnation des Temperaturanstiegs nicht so weit her ist, wie Herr Vahrenholt uns glauben machen will. Nur wenn man die Berechnung in dem sehr warmen El-Niño-Jahr 1998 beginnt, kann man suggerieren, dass es seither nicht wärmer geworden ist.

Ist es denn tatsächlich nicht wärmer geworden, oder hat sich der Erwärmungstrend nur abgeschwächt?

Es wird weiterhin wärmer. Für den längerfristigen Trend ist ein Zeitraum von 14 Jahren aber nicht sehr aussagekräftig. In der Klimaforschung betrachten wir üblicherweise Perioden von 30 Jahren, um einen Trend zu ermitteln.

Dr. Georg Feulner ist Astrophysiker im Forschungsbereich Erdsystemanalyse am Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung.
Dr. Georg Feulner ist Astrophysiker im Forschungsbereich Erdsystemanalyse am Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung.(Foto: PIK)

Vahrenholt sagt, alle Wärmezeiten in der Erdgeschichte hingen mit einer starken Sonnenaktivität zusammen. Daneben gebe es "einen 210-jährigen und einen 87-jährigen natürlichen Zyklus der Sonne", also ein regelmäßiges Abkühlen. Stimmt das?

Bei der Sonnenaktivität muss man zwei Dinge unterscheiden. Das eine ist: Es gibt einen sehr regelmäßigen 11-jährigen Sonnenzyklus. Der ist gut dokumentiert: Alle 11 Jahre gibt es etwas mehr Sonnenflecken, dann ist die Sonne auch etwas heller. Der Effekt ist aber nicht sehr stark, die Sonne ist in einem Sonnenmaximum ungefähr 0,1 Prozent heller.

Und wärmer.

Wenn die Sonne heller ist, ist es auf der Erde auch wärmer, aber der Effekt auf die globale Mitteltemperatur ist relativ klein: 0,1 Grad Unterschied zwischen einem Sonnenmaximum und einem Sonnenminimum. Neben diesem 11-Jahres-Zyklus gibt es immer wieder Zeiten, in denen die Sonne nicht so stark ist. Ein berühmtes Beispiel ist das Maunder-Minimum. In der zweiten Hälfte des 17. Jahrhunderts gab es über einen Zeitraum von 40 bis 50 Jahren fast keine Sonnenflecken.

Vahrenholt spricht aber von natürlichen Zyklen der Sonne über Zeiträume von 210 und 87 Jahren.

Diese längerfristigen Zyklen kann man statistisch finden, aber es ist noch unklar, ob es tatsächlich Zyklen sind, die streng periodisch auftreten - das ist in der Wissenschaft durchaus umstritten.

Könnte es sein, dass erneut eine Art Maunder-Minimum ansteht?

Es gibt Forscher, die das sagen, und es gibt gewisse Anzeichen, dass die sehr starke Sonnenaktivität, die wir in den letzten Jahrzehnten hatten, derzeit zurückgeht, und dass die Sonne in den nächsten Jahrzehnten eher weniger Aktivität zeigen wird. Aber solche Prognosen sind sehr unsicher, weil wir die physikalischen Ursachen für die Schwankungen der Sonnenaktivität noch nicht verstanden haben. Dennoch ist es durchaus möglich, dass die Sonne wieder in ein Maunder-Minimum fällt.

Könnte es sein, dass so ein Maunder-Minimum die globale Erwärmung ausgleicht?

Dazu gibt es tatsächlich Studien, und die sagen übereinstimmend, dass ein Maunder-Minimum im 21. Jahrhundert zu einer globalen Abkühlung von 0,1 Grad führen würde. Vor dem Hintergrund, dass wir bis zum Jahr 2100 mit einer globalen Erwärmung von mehreren Grad rechnen müssen, ist das nicht viel.

Wie viele Grad Abkühlung hat das Maunder-Minimum denn im 17. Jahrhundert verursacht?

In der zweiten Hälfte des 17. Jahrhundert lag der der Höhepunkt der sogenannten kleinen Eiszeit, deshalb wurde das Maunder-Minimum früher gern ursächlich mit der kleinen Eiszeit in Verbindung gebracht. Rekonstruktionen der Temperaturen in der Vergangenheit sind mit gewissen Unsicherheiten verbunden, aber wahrscheinlich war es im Maunder-Minimum auf der Nordhalbkugel ein halbes Grad kühler als in den Zeiten davor und danach. Allerdings lag das wohl nicht allein am Maunder-Minimum: Zu dieser Zeit gab es eine Häufung von starken Vulkanausbrüchen. Eine ganze Reihe von Studien sagt übereinstimmend, dass diese Vulkanausbrüche einen größeren Beitrag zur Abkühlung geleistet haben als die Sonnenaktivität. Es war zwar ein halbes Grad kühler, aber rund 80 Prozent davon gingen wahrscheinlich auf die Vulkanausbrüche zurück.

Dann sind wir bei 0,1 Grad.

Genau. Etwas ähnliches passierte übrigens während des Dalton-Minimums Anfang des 19. Jahrhunderts. Es ist wirklich so, dass im letzten Jahrtausend in vielen der solaren Minima starke Vulkanausbrüche stattfanden. Da muss man aufpassen, dass man die Effekte auseinanderhält.

Wenn also Vahrenholt sagt, dass wir vor einem Abschwingen der Sonnenaktivität stehen, ...

... dann kann das durchaus sein, dafür gibt es Anzeichen. Das ist sozusagen der unproblematische Teil seiner Thesen. Richtig ist sicher auch, dass die schwächere Sonnenaktivität der vergangenen Jahre zu den nicht so rekordverdächtigen Temperaturanstiegen beigetragen hat. Zu bestreiten ist allerdings, dass eine geringere Sonnenaktivität, wenn sie denn kommt, einen sehr starken Abkühlungseffekt haben wird.

Wie breit ist der wissenschaftliche Konsens, dass dieser Abkühlungseffekt nur bei 0,1 Grad liegen würde? Kann Vahrenholt wenigstens für sich in Anspruch nehmen, eine starke Minderheit der Forschung zu vertreten?

Ich fürchte nein. Wir haben vor zwei Jahren eine Studie veröffentlicht, die genau das zeigt: Dass ein neues Maunder-Minimum wahrscheinlich zu 0,1 Grad geringeren Temperaturen im Jahr 2100 führen würde. Britische Kollegen haben das gerade aktuell bestätigt. Natürlich ist das mit gewissen Unsicherheiten verbunden. Wir sagen in dem Artikel, der wahrscheinlichste Wert ist 0,1 Grad, maximal können es aber 0,3 Grad sein. Das würde wohl fast jeder Forscher bestätigen, der sich mit dem Einfluss der Sonnenaktivität auf das Klima beschäftigt.

Vahrenholt sagt, in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts sei die Sonne so aktiv gewesen wie seit über 2000 Jahren nicht mehr.

Dass die Sonne in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts sehr aktiv war, ist relativ unstrittig. Man nennt das das moderne Maximum. Ob es die stärkste Aktivität seit über 2000 Jahren war, ist wissenschaftlich allerdings umstritten.

Sie gehen vermutlich nicht davon aus, dass dieses moderne Maximum "mindestens ebenso stark zur Erwärmung beigetragen" hat wie CO2.

Nein, sicher nicht. Gerade in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts dominierte der Effekt des Kohlendioxids und anderer Treibhausgase.

Vahrenholt argumentiert weiter, da das Magnetfeld der Sonne sich seit dem Jahr 2000 abschwäche, erreiche mehr kosmische Strahlung die Erde, "die wiederum zur stärkeren Wolkenbildung und damit zur Abkühlung führt".

Dass mehr kosmische Strahlung die Erde erreicht, ist unstrittig. Die Sonnenflecken gehen mit Änderungen des Magnetfelds einher, und diese führen dazu, dass die kosmische Strahlung parallel zur Sonnenaktivität schwankt. Aber der zweite Teil der Aussage ist nicht bewiesen. Das ist eine Hypothese des dänischen Physikers Henrik Svensmark, ...

... der ein Kapitel zu Vahrenholts Buch beigesteuert hat.

Svensmark postuliert, dass erhöhte kosmische Strahlung zu verstärkter Wolkenbildung führt. Man hat versucht, diesen Effekt in Satellitendaten zu finden - kosmische Strahlung ist messbar, Wolkenbildung ebenso. Bisher hat man keinen Hinweis auf einen solchen Effekt gefunden, was entweder bedeutet, dass es ihn nicht gibt oder dass er nicht besonders stark ist.

Vahrenholt wirft dem Weltklimarat IPCC vor, die Bedeutung der Sonne "systematisch" zu unterschätzen. Es sei "Unsinn, wenn der Klimarat behauptet, die Sonne habe gar nichts" mit der globalen Erwärmung zu tun.

Das behauptet der IPCC auch gar nicht. Die natürlichen Klimaschwankungen und ihre Ursachen werden in den Berichten des IPCC ausführlich diskutiert, sonst könnte man ja ihre Auswirkungen und ihre Ursachen gar nicht verstehen. Nur kommt eben eine Vielzahl von Studien unabhängig voneinander zu dem Ergebnis, dass die Sonne nur einen kleinen Anteil an der globalen Erwärmung im 20. Jahrhundert hatte und dass der überwiegende Teil auf anthropogene Treibhausgase zurückzuführen ist.

Mit Georg Feulner sprach Hubertus Volmer

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Quelle: n-tv.de

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