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Wer an einen Krampf denkt, kann ihn bei guter Vorstellungskraft sogar spüren.
Wer an einen Krampf denkt, kann ihn bei guter Vorstellungskraft sogar spüren.(Foto: picture alliance / dpa)

Wie ein Krampf im Bein: Wörter können weh tun

Die Jenaer Psychologinnen Maria Richter und Judith Eck konfrontierten 16 gesunde Personen mit verschiedenen Begriffen. Diese waren entweder schmerzbezogen – so zum Beispiel "krampfartig" – oder positiv besetzt (wärmend), negativ besetzt (feindlich) oder neutral (kurzhaarig). Während die Probanden die Wörter lasen, beobachteten die Forscherinnen die jeweiligen Hirnaktivitäten mittels Magnetresonanztomographie (MRT). Mit Maria Richter sprach n-tv.de über die Wirkung schmerzbezogener Wörter, ihre Anziehungskraft und die Schwierigkeit, sich vom Schmerz abzulenken.

ntv.de: Wörter können weh tun. Irgendwie ahnten wir das schon. Aber wie konnten Sie das nun nachweisen?

Maria Richter: Am Schmerz sind sechs bis neun Hirnregionen beteiligt. Einige der Hirnregionen, die auch bei normalen, also äußerlichen Schmerzreizen aktiviert werden, werden auch allein durch die Wahrnehmung von Schmerz beschreibenden Wörtern aktiviert. Das konnten wir durch unsere Studie zeigen.

Bedeutet das, dass ich beim Hören oder Lesen dieser Wörter auch direkt Schmerz spüre?

Das kann passieren. Die Personen, mit denen wir die Studie durchgeführt haben, sollten sich beim Lesen der Wörter eine Situation oder Empfindung dazu vorstellen. Es kann schon sein, dass einige Personen das so gut können, dass sie tatsächlich das Gefühl haben, einen Krampf zu spüren, wenn sie das Wort "krampfartig" lesen.

Funktioniert das nicht auch mit positiv besetzten Begriffen? Mit "wohltuender Wärme" etwa oder einer "angenehmen Brise"?

Der Gedanke an wohlig warme Sonnenstrahlen weckt positive Emotionen, zieht uns aber viel weniger in den Bann ...
Der Gedanke an wohlig warme Sonnenstrahlen weckt positive Emotionen, zieht uns aber viel weniger in den Bann ...(Foto: dpa)

Soweit ich weiß, ist auch das nachgewiesen: Wörter, die positive Emotionen und Empfindungen beschreiben, aktivieren Regionen im Gehirn, die auch sonst mit positiven Emotionen und Empfindungen verbunden sind.

Was ist dann das Besondere an der Reaktion auf schmerzbezogene Wörter?

Auf Wörter, die Schmerz beschreiben, richten wir eher den Fokus. Unsere Versuchspersonen sollten als Ablenkungsaufgabe die Vokale in den Wörtern zählen und sich so vom Wortinhalt abwenden. Doch wenn es um Schmerzwörter ging, waren immer noch spezifische Aktivierungen im Gehirn sichtbar.

Wie deuten Sie dieses Ergebnis?

... als ein imaginärer Nadelstich.
... als ein imaginärer Nadelstich.(Foto: picture alliance / dpa)

Wenn wir gerade mit irgendetwas beschäftigt sind, dann lenken uns Schmerzwörter eher von dieser Tätigkeit ab als andere Wörter. Das stimmt auch mit dem überein, was wir in der Klinik mit Schmerzpatienten erleben. Die sagen häufig: "Vom Schmerz ablenkende Aufgaben sind schön und gut, aber manchmal lenkt mich umgekehrt der Schmerz so stark ab, dass ich die Aufgabe nicht mehr ordentlich durchführen kann." Und die Studie deutet nun darauf hin, dass schon Wörter, die mit Schmerz zu tun haben, mehr Aufmerksamkeit auf sich ziehen als andere emotionale Wörter.

Von Wörtern, die auf positive Emotionen und Empfindungen hindeuten, lassen wir uns also nicht so leicht ablenken?

Nicht so leicht wie von Schmerzwörtern.

Wie lässt sich das erklären?

Wir gehen davon aus, dass unser Gehirn merkt, dass Schmerzwörter auf eine Bedrohung hinweisen können. Dadurch richtet sich die Aufmerksamkeit dann schneller auf solch potenziell bedrohliche Außenreize.

Trägt ein solch unwillkürlicher Fokus auf Schmerzreize nicht dazu bei, dass der Schmerz eher chronisch wird?

Ja, die auf den Schmerz gerichtete Aufmerksamkeit ist ein wichtiger Chronifizierungsfaktor. Patienten, die sich gut ablenken können und denen es gelingt, nicht so viel Aufmerksamkeit auf das Schmerzempfinden zu lenken, chronifizieren nicht so schnell.

Was kann man denn tun, um sich wirkungsvoll abzulenken?

Darauf gibt es wohl keine eindeutige, allgemeingültige Antwort. Theoretisch könnte man von unseren Ergebnissen ableiten, dass man am besten gar nicht über den Schmerz redet und idealerweise alles ignorieren sollte, was mit Schmerzen zu tun hat.

Dann bin ich aber doch genauso fixiert. Dann verkrampfe ich doch, weil ich so darum bemüht bin, immer einen Bogen um den Schmerz zu machen.

Prof. Dr. Thomas Weiß und Dipl.-Psychologin Maria Richter demonstrieren, wie schmerzbezogene Worte im Gehirn verarbeitet werden.
Prof. Dr. Thomas Weiß und Dipl.-Psychologin Maria Richter demonstrieren, wie schmerzbezogene Worte im Gehirn verarbeitet werden.(Foto: Peter Scheere Fotozentrum)

Ja, genau. Und aus der Angsttherapie weiß man ja, dass Vermeidung genau das ist, was die Störung verstärkt. Wer mit einer Spinnenphobie alle Orte umgeht, an denen er Spinnen sehen könnte, der erhält die Angst aufrecht. Eigentlich hilft die Konfrontation, und daher ist die eben angesprochene mögliche Deutung der Studie sicherlich nicht die Lösung. Es kann nicht darum gehen, sich fortwährend vom Schmerz abzulenken. Aber ein übermäßiges Sprechen über den Schmerz, eine immer wiederkehrende Thematisierung der Empfindungen, das könnte durchaus etwas sein, was man vermeiden sollte. Natürlich ist es wichtig, mit Patienten über ihre Schmerzen zu sprechen. Ab einem gewissen Punkt aber tragen die Gespräche womöglich dazu bei, dass der Schmerz stärker wird und die Betroffenen zu stark auf die Schmerzen fokussiert werden. Da gilt es nun, das richtige Maß zu finden. Noch wissen wir nicht genau, wann der Punkt erreicht ist.

Mit Maria Richter sprach Andrea Schorsch

Quelle: n-tv.de

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