Leben

"Pandemic Fatigue" in Italien Rebellieren, um zu überleben

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So kennt man das, so will man das. Aber ist das jetzt schon eine gute Idee?

(Foto: imago images/Hans Lucas)

Die Italiener betreiben zwar ihren Widerstand gegen die Corona-Maßnahmen auf friedlichere und dennoch forschere Weise als andere Bürger in Europa. Pandemie-müde sind aber auch sie.

Lebensfroh, herzlich, kreativ und ja, auch chaotisch, das sind die Eigenschaften, mit denen man die Italiener gerne beschreibt. Disziplin gehört stattdessen nicht wirklich dazu. Umso erstaunter blickte man während des ersten Coronavirus-bedingten Lockdowns im vergangenen Frühjahr auf sie. Aus Freigeistern wurden Musterschüler. Die Straßen waren leer gefegt, jeder hielt sich strickt an die Regeln. Sogar in Süditalien. Der Präsident der Region Kampanien, Vincenzo De Luca, hatte seine Mitbürger wissen lassen, dass die Sicherheitskräfte der Carabinieri mit Flammenwerfern ausgerüstet seien und diese auch einsetzen, sollte es jemand wagen, zum Beispiel eine Diplomfeier zu organisieren (seine wortgewaltigen Aussagen wurden zu einem Video).

Doch auch ohne diese Drohung hätten sich nicht einmal die Neapolitaner getraut, außer Haus zu gehen oder gar gegen die Maßnahmen zu protestieren. Die Angst, sich anstecken zu können, war damals zu groß.

Vom Musterschüler zum Rebellen

Nach einem Jahr Pandemie scheint diese Angst nun immer mehr abzuschwellen. Sobald die Maßnahmen etwas gelockert werden, sind die Leute nicht mehr zu halten. Und so waren am vorletzten Wochenende bereits - von Mailand bis hinunter nach Neapel - Menschenmassen in den Stadtzentren unterwegs. Und das, obwohl erst einen Tag danach der Großteil der Regionen von Orange zu Gelb gewechselt war und demzufolge unter anderem Cafés und Restaurants bis 18 Uhr wieder am Tisch bedienen durften. Die Bilder des Gedränges in der Mailänder Galleria, entlang der Via del Corso in Rom und der Strandpromenade in Neapel ließen sofort alle Alarmglocken läuten. Politiker und Virologen meldeten sich sofort zu Wort, mahnten, dass man so eine dritte Pandemiewelle riskiere.

Die shoppingfreudigen Mengen auf Italiens Straßen sind tatsächlich nichts im Vergleich zu den gewaltsamen Protesten gegen die Corona-Maßnahmen, die in den Niederlanden stattgefunden haben und vom niederländischen Premier Mark Rutte lapidar als "kriminelle Gewalt" bezeichnet wurden. Und auch die kürzlich in Wien stattgefundenen Proteste, bei denen immer wieder Rechtsradikale die Wut der Teilnehmer schüren und deswegen das deutsche Bundeskriminalamt unlängst dazu veranlasste, vor einer zunehmenden Radikalisierung der Corona-Proteste zu warnen, haben eine andere "Qualität" als das Promenieren in Italien.

Aber auch in Italien ist es immer wieder zu Demos einzelner Unternehmerbranchen gekommen: Vor ein paar Wochen versuchten einige Restaurantbesitzer sogar, ihre Kollegen in ganz Italien zu überreden, ihre Lokale trotz Verbots am Abend zu öffnen. Der Appell fiel aber mehr oder weniger ins Leere, nicht zuletzt, weil hohe Geldstrafen drohten. Gewaltsam seine Bürgerrechte zu fordern, gehört nicht zu den Charakterzügen der Italiener. Man erinnere sich an die von vier Freunden im November 2019 ins Leben gerufene friedliche "Movimento Sardine", um dem rechtsnationalen Lega-Chef den Sieg bei den Regionalwahlen zu vermasseln. Und auch jetzt verpackt man, zumindest im Moment noch, den Dissens lieber in ein Lied wie "Disobbediamo" ("Wir gehorchen nicht"), oder nutzt eben jede gegebene Möglichkeit, jedes Schlupfloch, um ein Stück Pseudo-Normalität zurück zu ergattern.

Auch die Italiener sind müde und verwirrt, immer weniger gewillt, blindlings die Vorschriften zu befolgen. Viele haben es satt, sich von Politikern schelten zu lassen oder gar für die steigenden Fallzahlen verantwortlich gemacht zu werden. Wobei hier die Meinungen auseinandergehen. In den Cafés lauscht man immer wieder erhitzten Debatten: Die einen regen sich darüber auf, dass es mit mittlerweile 90.000 Opfern insgesamt und durchschnittlich 500 Toten am Tag, "noch immer Menschen gibt, die sich der Gefahr nicht bewusst sind" oder aber auch: "Eine Lockerung heißt doch nicht, dass wir jetzt alle gleichzeitig shoppen gehen müssen." Andere wiederum meinen: "Wir halten uns doch an die Vorschriften, also haben wir auch ein Recht, die Freiheiten zu nutzen, die uns die Lockerungen erlauben." Aber auch: "Fragen wir uns doch einmal, wie der Einzelhandel dastehen würde, wenn nach wochenlanger Schließung die Kunden weiter wegblieben."

Beide Ansichten sind nachvollziehbar, aber die Frage bleibt: Wenn sich beim ersten Lockdown der Großteil der Bürger, gleich, ob in Italien oder in anderen Ländern, aus Angst, sich zu infizieren, streng an die Vorschriften gehalten hat, warum jetzt nicht mehr? Die Pandemie ist noch nicht besiegt, im Gegenteil. Und jeden Tag erfährt man von neuen und oft sogar ansteckenderen Mutationen des Virus. Was geht also in den Köpfen vor? "Die Weltgesundheitsorganisation nennt dieses Verhalten 'Pandemic Fatigue'", erklärt die Mailänder Psychologin Maddalena Castelletti im Gespräch mit ntv.de. Müde sind wir also, Pandemie-müde.

Ich denke, also rebelliere ich

Die Ursachen dieser Pandemie-Müdigkeit beruhen auf zwei Mechanismen: Einem neuralen, oder anders ausgedrückt einem Instinkt, und einem sozialen, also einem vom Umfeld abhängigen Mechanismus. "In den ersten Momenten einer Notlage arbeiten das zentrale und periphere Nervensystem auf Hochtouren, was dazu führt, dass man sich an die Vorschriften hält", fährt Castelletti fort. Doch je länger die Notlage anhält, desto stärker kämen auch untergeordnete Überlebensinstinkte ins Spiel. Als Beispiele nennt die Psychologin Menschen, die in einem Erdbebengebiet leben oder die gefährliche Berufe ausführen. Dieser immerwährende Notstand führe dazu, dass man sich der Risiken zwar bewusst sei, sie jedoch zunehmend unterschätzt, leugnet oder gar an Verschwörungstheorien glaubt. "Aber einmal abgesehen von den Extremfällen, sollte man sich klarmachen, dass wir ohne diese instinktive Reaktion gar nicht überleben könnten", hebt Castelletti hervor.

Da der Mensch aber nicht nur von Trieben geleitet wird, sondern auch kognitive Fähigkeiten besitzt, spielt auch die sozialpsychologische Komponente bei diesen Rebellionen eine wichtige Rolle. "Und da trägt die Politik mit ihren Kommunikationsstrategien eine große Verantwortung", so Castelletti. Als Beispiel führt sie die soeben gestartete Belegscheinlotterie mit Geldprämien für diejenigen, die kontaktlos bezahlen, an: Einerseits sollen die Bürger shoppen gehen, damit sie den Handel ankurbeln, und im selben Moment regt man sich auf, weil überall gefährliches Gedränge stattfindet.

Es stimmt - die Kommunikation seitens der Politik lässt oft an Klarheit zu wünschen übrig, aber wie sagte schon Kant? "Habe den Mut, dich deines eigenen Verstandes zu bedienen."

Quelle: ntv.de