Unterhaltung

Klassenaufstieg, Scham, Verrat Über eine "distanzierte Liebe" zum Vater

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Ernaux setzt ihrem Vater ein Denkmal.

(Foto: imago/Leemage)

Warum hatten sich Annie Ernaux und ihr Vater irgendwann nichts mehr zu sagen? In "Der Platz" blickt die Grande Dame der Autofiktion auf ihre proletarische Herkunft zurück, schreibt über Lebensglück, ein Gefühl der Unterlegenheit und Worte, die eine Welt begrenzen. Das ist jetzt auch zu hören.

Als ihr Vater 1967 stirbt, ist Annie Ernaux 27 Jahre alt und gerade als Lehrerin verbeamtet worden. Sie beschließt, einen Roman zu verfassen: "Ich wollte alles sagen, über meinen Vater schreiben, über sein Leben und über die Distanz, die in meiner Jugend zwischen ihm und mir entstanden ist. Eine Klassendistanz, die zugleich aber auch sehr persönlich ist, die keinen Namen hat. Eine Art distanzierter Liebe".

Doch beim Schreiben überkommt sie "ein Gefühl des Ekels", das Romanprojekt scheitert. "Um ein Leben wiederzugeben, das der Notwendigkeit unterworfen war, darf ich nicht zu den Mitteln der Kunst greifen," stellt Ernaux fest. Sie entscheidet sich für einen sachlichen Ton, "keine Erinnerungspoesie". Und so trägt sie nüchtern Fakten zusammen, beschreibt Fotografien und ruft sich Gesten, Worte und Verhaltensweisen ihres Vaters ins Gedächtnis zurück.

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Wird am 1. September 80 Jahre alt: Annie Ernaux.

(Foto: imago images / Future Image)

Entstanden ist "Der Platz", aus dem die oben zitierten Passagen stammen. Das Buch erschien 1983 in Frankreich und bescherte Ernaux dort große Aufmerksamkeit. Es ist eines der ersten Werke, in denen die Schriftstellerin von ihrer eigenen Herkunft und dem Überschreiten von Klassengrenzen erzählt. In Frankreich gilt Ernaux, die am 1. September ihren 80. Geburtstag feiert, seitdem als Grande Dame der Autofiktion. Sie selbst bevorzugt den Begriff "Autosoziobiografie" und wurde mit diesem Genre zum Vorbild für Autoren wie Didier Eribon ("Rückkehr nach Reims") und Édouard Louis ("Das Ende von Eddy").

Immer wieder kommt die Scham hoch

Vom Lesepublikum in Deutschland wurde Ernaux erst mit viel Verzögerung entdeckt. 2017 elektrisierten "Die Jahre" von 2008, eine Verknüpfung von individuell Erlebtem mit kollektiven Erfahrungen, die hiesige Literaturszene. In der Folge erschienen weitere von Ernaux' autosoziobiografischen Werken auf Deutsch. "Der Platz" kam 2019 bei Suhrkamp in einer Neuübersetzung von Sonja Finck heraus. Das Buch bildet die Grundlage für ein in diesem Sommer erschienenes Hörspiel, das dieses literarische Denkmal für den Vater stimmig umsetzt.

Die Eckdaten des Vaters von Ernaux sind schnell zusammengefasst: Geboren wurde er um die Jahrhundertwende. Mit 12 Jahren verließ er die Schule und arbeitete als Knecht auf einem Bauernhof. Nach dem Wehrdienst fand er Anstellungen in Fabriken, erst in einer Seilerei, später in einer Ölraffinerie. Anschließend führte er gemeinsam mit Ernaux' Mutter einen Kramladen mit angeschlossener Kneipe in Yvetot, einem 12.000-Einwohner-Ort in der Normandie.

Mit dem Aufstieg vom Arbeiter zum Ladenbesitzer hatte der Vater sein kleines Lebensglück erreicht, er wollte "seinen Platz halten". Aber er hatte auch ständig Angst, "fehl am Platz zu sein". Immer war da ein Gefühl der Unterlegenheit, kam die Scham hoch, Dinge nicht zu wissen. So fragte sich die Familie einen ganzen Abend lang, was der Satz der Schuldirektorin "für diese Rolle sollte ihre Tochter Abendgarderobe tragen" zu bedeuten habe.

"Nicht zu hoch hinauswollen"

Um sich bloß nicht zu blamieren, schwieg der Vater meistens lieber, als etwas Falsches zu sagen. Die proletarische Umgebung der Familie war eine, "in der man alles wörtlich nahm". Im Buch hebt Ernaux früher gehörte Wörter und Sätze durch Kursivschrift hervor, weil sie "die Beschaffenheit und Grenzen einer Welt ausdrücken, in der mein Vater gelebt hat". Es sind Wendungen wie "was werden die Leute von uns denken?", "dem Kind fehlt es an nichts" oder das Leitmotiv der Eltern: "nicht zu hoch hinauswollen".

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In der Hörspielbearbeitung von Erik Altorfer bekommen diesen Kursivsetzungen ein besonderes Gewicht. Die Stimme von Stephanie Eidt, der einzigen Sprecherin, wird an diesen Stellen verdoppelt oder mit einem Hall unterlegt. Das Hörspiel lebt von einer starken Rhythmisierung - durch Trommelschläge und dezente Streicher (Musik: Martin Schütz), aber vor allem durch die exzellente Eidt. Mal lässt sie Ernaux' Sätze vorwärtsdrängen, mal spricht sie zaghaft, fast als müsse sie die Formulierungen erst noch auf ihre Tauglichkeit prüfen. Eidts intimer und gleichzeitig distanzierter Ton greift perfekt die Atmosphäre des Buches auf.

Denn "Der Platz" ist nicht nur das Porträt des Vaters. Das Buch ist auch eine Selbstbefragung der Autorin auf der Suche nach Erkenntnis. Ernaux beschreibt die langsame Entfremdung zwischen sich und ihrem Vater, der ihre Leidenschaft für Literatur nicht begreifen konnte. "Dass ich gerne nachdachte, war ihm suspekt. Ein Zeichen fehlender Lebenslust in jungen Jahren", so Ernaux. Der Besuch des Gymnasiums galt nur deshalb als unausweichlich, um es im Leben "zu etwas zu bringen".

Der Schmerz des Klassenwechsels

Nach der Schule studierte Ernaux dank eines Stipendiums, heiratete einen Akademiker, wurde Lehrerin und kam im Bürgertum an. Die Tochter gehörte nun zu der sozialen Schicht, die auf den Vater "herabgeblickt hatte". Und während sie die Klassengrenze überwand, wurde der Graben zwischen ihr und ihrem Vater immer tiefer. Wenn sie die Eltern besuchte, hatten sie sich gegenseitig kaum noch etwas zu sagen.

"Der Platz" ist mit seinen nicht mal 100 Seiten eine anrührende, radikale Milieubetrachtung. Das 80-minütige Hörspiel setzt Ernaux' persönlichen und gleichzeitig soziologischen Blick auf ihren Vater kongenial um. Und mit flüsternder, verletzlicher und fragender Stimme macht Sprecherin Stephanie Eidt auch die Verunsicherung und den Schmerz der Klassenübergängerin hörbar, die mit der Welt ihrer Herkunft brechen musste. Ihrem Buch stellt Ernaux als Motto ein Zitat des französischen Romanciers Jean Genet voran: "Ich wage eine Erklärung: Schreiben ist der letzte Ausweg, wenn man einen Verrat begangen hat."

Quelle: ntv.de