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Wegen Corona nicht nach Malle? Per Zeitreise in die Vergangenheit

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Es war nicht alles schlecht in der Vergangenheit - leider aber wirklich vieles.

(Foto: imago/StockTrek Images)

In der aktuellen Jetzt-Raumzeit sind reale Reisen nur in eine Richtung möglich: der Zukunft entgegen. Und die Geschwindigkeit ist nicht sehr beeindruckend: eine Sekunde pro Sekunde. Aber schon mit dem Auftauchen der ersten Zeitmaschinen wird man die Vergangenheit besuchen können.

Auf Zeitmaschinen müssen wir - Stand heute - noch etwas warten. Was für eine zünftige Zeitreise in die Vergangenheit nicht mehr fehlt, ist ein umfassendes Kompendium dazu. Kathrin Passig und Aleks Scholz haben das "Handbuch für Zeitreisende" vorgelegt, das laut Untertitel die Spanne "Von den Dinosauriern bis zum Fall der Mauer" umfasst. In Wahrheit handelt es aber auch noch von Fernreisen zum Ursprung des Universums und Kurztrips zum vergangenen Wochenende.

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Jeder muss für sich entscheiden, ob es sich lohnt, in die Periode kurz der Corona-Krise zu düsen, nur, um noch einmal unbeschwerte Tage in El Arenal zu verbringen. Der Brand von Rom oder der Sturm auf die Bastille sind kaum teurer, dafür wahrscheinlich deutlich aufregender, lehrreicher und prestigeträchtiger. Vom Mittelalter oder dem Pleistozän ganz zu schweigen.

Zu berücksichtigen ist, dass die meisten Zeitorte vom epidemiologischen Standpunkt aus gesehen nicht viel günstiger sind, als, sagen wir, der Sommer des Jahres 2020. Zu allen Zeiten starben sehr, sehr viele Zeitgenossen an Keimen aller Art - oder auch einfach nur an Hunger, Krieg oder Asteroideneinschlag.

Abzweig im Raumzeitkontinuum

Zeitreisende sind gegenüber "Einheimischen" durchaus im Vorteil, weil seriöse Reiseveranstalter viele dieser Risiken schon bei der Planung berücksichtigen, optionalen Versicherungsschutz inklusive. Und der Kunde kann allerhand tun, um sich - durch Training oder Impfung - auf den gewünschten Aufenthalt vorzubereiten. Allerdings sind längst nicht mehr alle Bazillen der Vergangenheit zu unserer Zeit noch existent, bekannt oder behandelbar.

Apropos: Dass jemand durch seinen Urlaub die aktuelle Jetzt-Zeit durcheinander bringt, ist nicht groß zu befürchten, außer vielleicht, man bringt einen exotischen Krankheitserreger mit zurück. Wer die quantenmechanischen Grundlagen des Zeitreisens verstanden hat, vermutet es bereits: Man springt ja nicht einfach nur irgendwie zurück, sondern erzeugt durch die Reisetätigkeit einen Abzweig im Raumzeitkontinuum und erschafft damit ein neues Paralleluniversum. Wohlgemerkt: nur ein weiteres zu den bereits in unendlicher Zahl vorhandenen in unserem guten alten Multiversum.

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Diese "neue" Welt gleicht der, in der Sie in diesem Moment diesen Text lesen, aufs Haar, bis dort - durch sorgfältige Planung meist halbwegs unbemerkt - an irgendeinem Punkt des Zeitstrahls ein Reisender aus der Zukunft auftaucht (Sie!) und (hoffentlich!) nach Ablauf der vertraglich vereinbarten Reisedauer, ohne größere Umstände wieder verschwindet. Danach kommt die neue Parallelwelt sehr gut ohne Sie zurecht - und nimmt auch umstandslos ohne Sie ihren Lauf.

Die Ausführungen dazu im "Handbuch" von Passig und Scholz beschränken sich aufs Allernotwendigste. Es ist aber Sekundärliteratur verzeichnet, die helfen sollte, alle offenen Fragen zu beantworten. Herausgestellt sei hier beispielhaft: Deutsch, David, "Die Physik der Welterkenntnis: auf dem Weg zum universellen Verstehen", Basel, Boston, Berlin; Birkhäuser 1996.

Einfach dableiben?

Weitere grundsätzliche Fragen sind im Handbuch zumindest angerissen. Ein eigener Teil befasst sich mit der Frage nach der Weltverbesserung. Also: Kann ich auf oder mit meiner Reise vielleicht etwas Gutes tun? Kurze Antwort: Ja durchaus. Allerdings, wie oben angedeutet, im engeren Sinn nur mit Wirkung für die Parallelwelt, die man nach Ende der Reise ohnehin zurücklässt, das heißt: ohne große Auswirkung auf das Jetzt und Hier, aus dem man anreist. Nach seiner Rückkehr dagegen wird mancher Reisende der hiesigen geschichtswissenschaftlichen Forschung unschätzbare Dienste erweisen, weil er seinen Trip aufmerksamen Auges erlebt und idealerweise umfangreich dokumentiert haben wird.

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Antwort erhält bei der Lektüre auch der, der sich fragt: Kann ich eigentlich auch einfach dableiben, wenn es mir in der Vergangenheit gefällt? Kurze Antwort: Das geht je nach Arrangement durchaus. Es ist aber, aus einer Reihe von Gründen, durchaus fraglich, ob Sie das wirklich wollen. Denn eine perfekte Vergangenheit existiert nicht. Und die Nachteile sind manchmal klein, aber entscheidend: Keine Narkose beim Zahnarzt, hohe Sterblichkeit rund ums Kinderkriegen, schlechte Luft durch Holzfeuer, Willkür, Faustrecht, Berufsverbote und grassierender Aberglauben allerorten sind nur einige davon.

Im ausführlichen Praxisteil schneiden Passig und Scholz viele wichtige Detailfragen an, etwa zu Benehmen, Identität, Fortbewegung, Unterkunft, Hygiene und Toilette. Die wissenschaftlich fundierten und durchaus vergnüglich zu lesenden Artikel lassen es ratsam erscheinen, das Handbuch zumindest auf der ersten Zeitreise mit ins Gepäck zu legen.

Quelle: ntv.de