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Natur, Isolation und ein Toter Was ist dran am "Marschmädchen"-Hype?

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Kya kennt die Marschlandschaft und ihre tierischen Bewohner in- und auswendig.

(Foto: imago stock&people)

Ein Mädchen wächst allein in der Wildnis auf, ein Mann wird im Sumpf tot aufgefunden. "Der Gesang der Flusskrebse" ist Coming-of-Age-Roman, Krimi und noch so viel mehr. Lohnt sich die Lektüre des Bestsellers über die literarische Schwester von Mogli?

"Der Gesang der Flusskrebse" ist einer der Romane, für die das Wort Überraschungserfolg erfunden wurde. Kurz nach seinem Erscheinen im August 2018 rauschte das literarische Debüt von Delia Owens auf Platz eins der US-Bestsellerlisten und tummelt sich bis jetzt in den einschlägigen Rankings - auch dank der Starthilfe von Reese Witherspoon, die das Buch in ihrem Instagram-Buchclub wärmstens empfahl. In Deutschland kürten die unabhängigen Buchhändler die Übersetzung sogar zu ihrem "Liebling 2019" und sie ist ein Dauergast auf den Listen der meistverkauften Bücher.

Was macht dieses Buch so besonders? Auf jeden Fall hat "Der Gesang der Flusskrebse" eine außergewöhnliche Protagonistin. Kya ist so etwas wie die literarische Schwester von Mogli und Kaspar Hauser. Sie wächst ganz auf sich alleine gestellt mitten in der Marschlandschaft an der Küste North Carolinas auf. In den Sumpf haben sich die Menschen zurückgezogen, die sonst keinen Platz in der Gesellschaft haben und nun von den Bewohnern der nächstgelegenen Kleinstadt kritisch beäugt werden.

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Als Zoologin war die US-Amerikanerin Delia Owens in vielen afrikanischen Ländern unterwegs.

(Foto: Dawn Marie Tucker)

Bis sie sechs Jahre alt ist, lebt Kya dort zusammen mit ihrer Familie. Dann verlässt ihre Mutter eines Morgens mit einem Koffer in der Hand die ärmliche Hütte und ihren gewalttätigen Ehemann für immer. Kurz darauf gehen auch Kyas vier ältere Geschwister. Ihr "Pa" versucht noch einige Monate lang, weniger zu trinken und mehr Vater zu sein, dann ist auch er weg.

Einsame Naturexpertin

Ab diesem Moment muss Kya sich alleine durchschlagen. Bald kennt sie sich in dem Labyrinth der Wasserwege perfekt aus und weiß sich zu verstecken - zum Beispiel vor der Dame von der Schulbehörde, die noch ein paar Mal erfolglos vorbeischaut. Um sich zu ernähren, lernt Kya Fische zu fangen und Gemüse anzubauen. Das kluge, wissbegierige Mädchen wird eine Expertin der Marschlandschaft um sie herum, sie sammelt Steine, Muscheln und Pflanzen. Findet sie eine Feder, weiß sie sofort, von welchem Körperteil welchen Vogels sie stammt und ob das Tier jung oder alt ist.

Doch auch wenn sie Menschen zutiefst misstraut und den Kontakt meidet, verspürt Kya den Wunsch nach Nähe. Vorsichtig lässt sie zu, das Tate und Chase in ihr Leben treten, die unterschiedlicher nicht sein könnten. In Tate findet Kya einen Gleichgesinnten, der die Marsch ebenfalls perfekt kennt und dem Mädchen Lesen beibringt. Chase hingegen ist unangefochtener Frauenheld und bester Quarterback des Städtchens. Für ihn ist Kya die schöne Wilde, die es zu erobern gilt, und der er Zugang zu einer ihr bisher fremden Welt verspricht.

Dann wird Chase tot im Sumpf aufgefunden und die Bewohner der nahen Stadt haben sofort das "Marschmädchen" im Verdacht. Ist Kya schuldig oder nicht? Mit dieser Frage verhandelt Owens auf packende Weise nicht nur Sujets wie Rassismus, Vorurteile und Scham, sondern auch eine übergeordnete Thematik, um die sich fast alle Geschichten sogenannter "Wolfskinder" drehen: Macht die Isolation von der Gesellschaft und die Hinwendung zur Natur Menschen besser oder schlechter?

Spannend und poetisch

Um die Spannung hochzuhalten, wählt Owens einen cleveren Aufbau. Sie erzählt ihre Geschichte in zwei parallelen Zeitsträngen, die sie am Ende zusammenlaufen lässt. Der eine Strang begleitet Kya durch ihre Kindheit und Jugend ab den frühen 1950er-Jahren. Der andere setzt mit dem Fund der Leiche im Herbst 1969 ein. Zusätzlich zu den zwei Zeitebenen besticht das Buch durch eine weitere formale Eigenschaft: Es lässt sich keinem eindeutigen Genre zuordnen. Zwar ist es in erster Linie ein Coming-of-Age-Roman, gleichzeitig aber auch Krimi, Gerichtsdrama und Liebesgeschichte.

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Der Gesang der Flusskrebse: Roman
22,00 €
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Dass Owens eine Leidenschaft für Natur und Tierwelt hat, merkt man bei der Lektüre schnell. Über 20 Jahre lang war die US-Zoologin in afrikanischen Ländern unterwegs, hat dort das Leben von Elefanten, Löwen, Hyänen erforscht und gemeinsam mit ihrem Ehemann mehrere Sachbücher unter anderem über die Wüste Kalahari verfasst. In ihrem ersten Roman schlägt Owens sprachlich einen oft poetischen, nur selten leicht kitschigen Ton an, und glänzt vor allem in den Passagen, in denen sie die Schönheit der Natur feiert.

Löst das Buch nun also zu Recht Begeisterung aus? Ja, denn es spricht ganz unterschiedliche Leserinnen und Leser an. Die Autorin trifft eine Vielzahl an originellen Entscheidungen, die den Roman zu einem reizvollen Schmöker machen - von Aufbau über Genre und Thematik bis hin zu dem wohl faszinierendsten Punkt: Der Hauptfigur Kya, diesem einsamen, scheuen Mädchen, das einen berührt und dabei immer auch ein wenig rätselhaft bleibt.

Quelle: ntv.de