Bücher

Lesen im Lockdown Wenn Fußpflege zur Liebeserklärung wird

Noch lautet das Motto in Corona-Zeiten: Wir bleiben zu Hause. Nur was tun, wenn alle Schubladen aufgeräumt, der Balkon bepflanzt und die Behelfsmasken genäht sind? Lesen natürlich! Wir haben für Sie drei Romane zusammengetragen - über vergessene Bergleute, über Marzahn und die Füße seiner Bewohner und über Kinder, die im Angstsystem der Zeugen Jehovas aufwachsen.

"Michel, räche uns an der Zeche"

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Am Tag davor: Roman
23,00 €
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Die schwarze Armee Frankreichs. Das Volk aus dem Bauch der Erde. Seinen Geschichten, seinen Qualen, seinen seltenen Freuden will Michel Flavent ein Denkmal setzen. Für seinen Bruder, für Joseph, Jojo, mit dem schönen Großer-Bruder-Lachen, der sich gegen Vaters Scholle und für die Kohle entschieden hatte. Für den Stolz und die Angst der Bergleute und für deren Tod. Denn als das Land Abschied von der Kohle nahm, vergaß es, Abschied von seinen Bergleuten zu nehmen.

"Am Tag davor" wurde in Frankreich vor allem für die einfühlsame Einführung in die Sprache und Welt der Bergleute gefeiert. Doch dank der Übersetzung von Brigitte Große können auch deutsche Leser die kleinen Pochjungen und ihr Hasenbrot kennenlernen. Mitfühlen, wenn der Schacht ein letztes Mal sacht verfüllt wird. Erstarren, wenn ihnen klar wird, dass der Tag vor dem großen Grubenunglück 1974 anders war, als in Michels Erinnerung. Sorj Chalandon ist nicht nur Romanautor, sondern auch Journalist und berichtete über 30 Jahre lang aus dem Nahen Osten und Afrika. "Am Tag davor" ist bereits der achte seiner Romane, die auf Deutsch erschienen sind und wird ihm garantiert auch neue Fans bescheren. (sla)

Liebeserklärung an Berlin-Marzahn

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Marzahn, mon amour: Geschichten einer Fußpflegerin
16,00 €
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Grau, trist, eintönig, gesichtslos: Der Berliner Neubauviertel-Stadtteil Marzahn hat einen eher schlechten Ruf. Das könnte man auch über die Arbeit in der Fußpflege sagen - anderen die Nägel schneiden und die Hornhaut abhobeln, der Gedanke ist wohl den meisten unangenehm. Die Autorin Katja Oskamp hat über beides ein Buch geschrieben, "Marzahn, mon amour: Geschichten einer Fußpflegerin" - eine Liebeserklärung sowohl an den Kiez als auch an seine Bewohner, besonders die, die ihr ihre Füße anvertrauen.

Da ist der ehemalige Parteifunktionär, der ihr eine "äroudische Ausstrahlung" bescheinigt und ihr wiederholt (erfolglos) Geschlechtsverkehr anbietet. Die alte liebenswürdige Dame, die sich als Kind am Kriegsende auf der Flucht mit ollen Bakelit-Schuhen die Füße ruiniert hat. Die uralte Mutter Noll mit den zu großen Kleidern und dem zu großen Gebiss, die fast nichts mehr hört und sieht, aber die Fußmassage mit "Schöööön! Wunderschön!" genießt. Oder der ungepflegte Sozialfall mit Betreuerinnen, der den Fußpflege-Preis (22 Euro) zu hoch findet, aber "zahlt ja Vater Staat".

Als sie Mitte 40 war, ging es im Leben der Schriftstellerin und Dramaturgin Oskamp nicht so richtig weiter - Kind erwachsen, Mann krank, Buch von den Verlagen abgelehnt. Also schult sie kurzerhand um, erlernt das Handwerk der Fußpflege und fängt im Kosmetikstudio einer Freundin an zu arbeiten. Und sie tut das mit voller Hingabe und Aufmerksamkeit für jeden einzelnen Menschen - und für jeden einzelnen Fuß. Sowohl über Marzahn als auch über ihre Kundschaft schreibt Oskamp so warmherzig, dass einem das Herz aufgeht. Jedes Paar Füße eine Geschichte. Absolute Leseempfehlung - und ein wunderbares Buch zum Verschenken. (abe)

"Kein Teil der Welt"

Esther und Sulamith leben "in der Wahrheit", wie es bei ihnen heißt, und sind sich sicher, dass der Weltuntergang kurz bevorsteht. Ob sie ihn überleben? Das wissen sie nicht. Aber "alles, was wir taten, alles, was wir dachten, floss wie in der Schule in eine Art Endnote, eine Bewertung unseres Lebens ein und entschied darüber, ob wir es wert waren, im Paradies zu leben oder nicht." Denn die beiden Mädchen sind Zeuginnen Jehovas - und Protagonistinnen in dem Roman "Kein Teil der Welt" von Stefanie de Velasco.

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Kein Teil der Welt: Roman
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Der Buchtitel bringt das Selbstverständnis der umstrittenen Glaubensgemeinschaft auf den Punkt. Zu Menschen "aus der Welt" dürfen Esther und Sulamith kaum Kontakt haben. Sie glauben, dass auf der Erde Satan regiert und sogar Pumuckl gefährlich ist. An Klassenfahrten, Krippenspielen und Karneval nehmen sie nicht teil, Geburtstag und Weihnachten wird nicht gefeiert. Jehova bestimmt ihr Leben. Um bei ihm Pluspunkte zu sammeln, sitzen die zwei stundenlang beim Bibelstudium und klingeln als Missionarinnen an den Haustüren fremder Menschen.

Dann kommt die Pubertät und Sulamith beginnt zu zweifeln. Sie mag sich nicht mehr mit einem Bibelzitat oder einen "Jehova will das nicht" zum Schweigen bringen lassen und ein Leben in der Warteschleife führen, das nur auf "Harmagedon", die angeblich kommende Endzeitschlacht, ausgerichtet ist. Als sie sich in einen "Weltjungen" verliebt, passiert etwas Schreckliches, das auch Esther in eine tiefe Glaubenskrise stürzt.

De Velasco weiß, wovon sie schreibt: Die 42-Jährige lebte selbst in einer Familie von Zeugen Jehovas und kehrte der Glaubensgruppe vor etwa 25 Jahren den Rücken. Um davon zu erzählen, wie der Alltag von Zeugen-Jehovas-Kinder aussieht, wählt de Velasco die Vielschichtigkeit literarischer Texte und damit eine Möglichkeit, das eigentlich Unsagbare nicht aussprechen zu müssen, sondern es "zeigen" zu können. Eindrücklich beschreibt sie, in was für einem System der Angst Esther und Sulamith aufwachsen und wie sie zwischen dem Gefühl von Auserwähltsein und Außenseitertum zerrissen werden. De Velasco bietet ihren Leserinnen und Lesern einen beklemmenden Blick in ein Paralleluniversum, das abseits der Gesellschaft und doch mitten unter uns existiert. (kse)

Quelle: ntv.de