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Tief in der spanischen Seele Francos Spuren auf Teneriffa

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Francisco Franco kam 1936 durch einen Militärputsch an die Macht und regierte das Land bis 1975 diktatorisch.

picture alliance / dpa

Im September erhält Inger-Maria Mahlke den Deutschen Buchpreis. In ihrem Roman "Archipel" durchleben drei Familien auf Teneriffa Alltag, Schmerz und Hoffnung. Und bringen die immer noch schlecht verheilten Wunden der Franco-Diktatur zutage.

2015 ist Ana Staatssekretärin von Teneriffa und kurz davor, ihre politische Karriere zu verlieren. Ihr Mann Felipe, der letzte aus dem Inselgeschlecht der Bernadottes, sitzt ebenfalls vor den Trümmern seiner Existenz. Den Projektvorschlag für die Aufarbeitung der Verbrechen seiner Familie unter Diktator Francisco Franco hat er gerade gegen eine jüngere Frau verloren. Rosa, die Tochter von Felipe und Ana, hat ihr Kunststudium geschmissen. Sie sucht nach Inspiration im Altenheim, wo ihr Großvater Julio Baute, Radrennfanatiker und heimlicher Star des Romans, Portier ist. 1944 kehrt Julio aus der Gefangenschaft zurück und trauert um seinen Bruder. 1936 hasst Felipes Großmutter ihren Mann, weil er von nichts als Politik redet. Der junge Julio wird schließlich auf den letzten Seiten des Buches in eine hoffnungsvolle Zukunft hineingeboren. Zwischen diesen fast 100 Jahren spannen sich Leben, Lieben und Leid.

Archipel
EUR 13,45
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Wie in einem umgedrehten Stammbaum wachsen die Personen immer weiter zusammen, je weiter es zurück geht. Inger-Maria Mahlkes Roman "Archipel" skizziert das Porträt der Bernadottes und derer, die mit ihr in Berührung kommen. In drei Familien spiegeln sich Auf- und Abstiege in fast 100 Jahren Inselgeschichte: die aristokratischen Bernadottes, ihre Haushälterinnen, die Marreros und die Bautes aus der Mittelschicht.

Es ist Julios Jahrhundert, in dem er eine Familie gründet und Verluste verkraftet. Es ist auch das Jahrhundert des Faschismus' und der Franco-Diktatur in Spanien. Mahlke beschreibt diese Zeit in Momentaufnahmen, Schlaglichtern der Geschichte - ohne Bewertung, ohne Erklärung. Als Leser muss man sich das erst einmal selbst zusammenpuzzeln.

Der Zyklus des Privaten

Das Buch, das dieses Jahr den Deutschen Buchpreis gewann, wurde sicherlich nicht wegen seiner Sprache prämiert. Vor allem der Anfang ist quälend langsam erzählt, geht unbarmherzig ins Detail. Immer wieder werden alltägliche Verrichtungen beschrieben, das Ausziehen drückender Schuhe, eine ganz besondere Art, einen Becher Joghurt zu essen. Nur in Nebensätzen kommen Hinweise auf die Handlung vor. Aber sie sind ja auch wichtig, diese Details. Mahlke nutzt sie, um ihr Bild daraus zu bauen, klitzekleine Puzzlesteine aus dem Alltag. Am Ende, wenn man bis zur Unendlichkeit hinausgezoomt hat, lässt sie doch noch ein großes Bild erkennen.

Jetzt ist "Archipel" als Hörbuch erschienen. Gelesen von der mädchenhafte Stimme Eva Gosciejewicz' wirkt jeder der kurzen Sätze wie eine Feststellung. All die sprachlichen Wiederholungen, Aufzählungen und Daten klingen im gleichen Rythmus. Der Autorin mit ihrer klaren Sprache wird das sicherlich gerecht, für die Hörerinnen und Hörer ist es in seiner Monotonie manchmal kaum auszuhalten. Gosciejewicz' Art zu lesen, macht ungeduldig. Aber sie zwingt auch hinzuhören, zuzuhören, dabei zu bleiben. "Archipel" ist kein einfaches, kein freundliches Buch. Man muss es sich erwandern, so wie die endlos gewundenen Straßen der zerklüfteten Insel selbst. Aber wenn man lange genug dabei bleibt, lohnt es sich. 

Spanische Wunden in deutscher Verpackung

Sperrig könnte man diesen Roman nennen, spanische Krisen erzählt mit deutscher Akkuratesse. Und das ist auch die Frage, die am Ende bleibt: Kann eine deutsche Autorin, auch eine, die auf der Insel aufgewachsen ist, wirklich über spanisches Leid schreiben? Über die tiefen Wunden einer Diktatur, die einfach irgendwann verschwunden ist, muss geschrieben werden. Gerade weil sie nie aufgearbeitet wurde. Das wurde in den letzten Tagen überdeutlich. Hunderte Franco-Anhänger versammelten sich zu dessen Geburtstag. Die Statuen des Diktators stehen noch, nach 40 Jahren Demokratie.

Wenn es also nur einen Grund geben sollte, warum Mahlke den Buchpreis verdient hat, dann den, dass sie sich an ein schwieriges Thema herangewagt hat. Dass sie eine unbequeme und schwer zu erzählende Geschichte gewählt hat. Dass sie einen Weg gefunden hat, zu zeigen, wie sehr das Leid in die Familien-DNA eindringt, durch alle Schichten. Mahlke berichtet vom Kleinen, vom Unwichtigen, von den Brüchen und Schrammen der Insel und ihrer Menschen. In diesem Sinne ist "Archipel" ein großartiges Buch, nur vielleicht nicht unbedingt als Hörbuch.

Quelle: n-tv.de

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