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Tod und Turnschuhe Kann man der Trauer davonlaufen?

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Isabel Bogdan lässt ihre Heldin "Laufen".

(Foto: imago/Chris Emil Janßen)

Es gibt viele Gründe zu laufen: Stressabbau, der Wunsch fit zu werden, Gewicht zu verlieren. Oder unendliche Traurigkeit, weil der Mensch, mit dem man sein Leben teilte, sich umgebracht hat.

"Ich kann nicht mehr. Das ist natürlich Quatsch, ich bin gerade erst losgelaufen, aber schon an der Ampel glaube ich, ich kann nicht mehr, nach nicht mal hundert Metern." Johanna Wokalek liest die ersten Sätze von Isabel Bogdans Roman "Laufen" ein bisschen außer Atem, so als sei sie tatsächlich laufend unterwegs. Eine Joggerin, die lange nicht trainiert hat - sechs oder acht Jahre nicht.

Nun will die Ich-Erzählerin wieder laufen, ihre Freundin Rike hat es ihr geraten. Rike ist eine gute Freundin, sie hat meist recht mit ihren Ideen. Aber die Erzählerin knickt dabei immer wieder um, die Laufschuhe sind alt, sie bekommt Seitenstechen. Einfach weiterzuatmen ist eine Herausforderung, die fast nicht zu bewältigen ist. Auch sonst ist diese Frau ein bisschen neben der Spur. Sie lässt die Wäsche in der Waschmaschine, bis sie müffelt. Sie fängt Bücher an, ohne sie zu Ende zu lesen und kauft Nahrungsmittel, die sie nicht isst.

Gerade ist sie in eine kleinere Wohnung gezogen, denn der Mann, mit dem sie bisher ihr Leben teilte, ist tot. Und sie kann nicht aufhören, über den Tod und das Fehlen dieses Menschen nachzudenken. In einem langen Selbstgespräch vergewissert sie sich, was noch bleibt, wenn das Leben, das sie sich erhofft hatte, wegbricht. Sie geht zur Therapie und sie läuft. Sie ist traurig, wütend und außer Atem.

Etwas ändert sich

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Sie ringt mit der Einsamkeit und der Verbitterung, auch mit der Enttäuschung. "Ich laufe mir die Grübelei weg." Der Freund war Automechaniker und tötete sich selbst. Nicht nur das viel zu große Doppelbett, auch jeder Oldtimer auf den Hamburger Straßen erinnert an ihn. Seine Eltern gehen mit dem Erbe des Sohnes nicht besonders zartfühlend um, das Paar war nicht verheiratet. "Dein Vater guckt mir gar nicht mehr in die Augen, er guckt nur stumm an mir vorbei, deine Mutter ist ein einziger Vorwurf, als hätte ich es ahnen können, als hätte ich es wissen müssen, als hätte ich es verhindern können, als würde ich mich nicht selbst dauernd fragen, ob ich es hätte merken können, müssen, sollen, das hätte ich vielleicht, natürlich hätte ich es merken müssen."

Aber mit jedem Tag, den sie läuft, werden nicht nur die Strecken länger, sondern auch die Gedanken klarer. Etwas ändert sich: In den nicht enden wollenden Strom immer neuer Gedanken, die ausschließliche Beschäftigung mit sich selbst, mischt sich zunehmend wieder die Außenwelt. Das anfängliche Gefühl der Profimusikerin, sie könne nie wieder Bratsche spielen, weicht der Erkenntnis, dass Arbeit, feste Abläufe und Freundschaften beim Weiterleben helfen. Die zunächst idealisierte Beziehung erweist sich bei genauerer Betrachtung als normal unperfekt. Lediglich die Depression des Partners bleibt seltsam unbeschrieben, so als habe er diese Erfahrung mit sich genommen.

Bogdan hat nach ihrem Bestseller "Der Pfau" ein ganz anderes Buch geschrieben. Mit dem satirisch-kriminalistischen Vorgänger hat "Laufen" nichts gemein. In den 4 Stunden und 45 Minuten geht es um den nächsten Tag, um Liebe, Freundschaft und den Tod, um die nackte Existenz, ums Überleben. "Ich kann mir ein Bett kaufen, das nichts mit Dir zu tun hat. Ich kann zehn Kilometer laufen." Sie kann sogar wieder mit einem anderen Mann schlafen, sie nennt es "Erleichterungsvögeln". Sie läuft den Wettkampf, für den sie trainiert hat, und feiert diesen Sieg.

Sie wird sauer, stürzt und schlägt sich das Knie blau. Sich selbst zu verzeihen, wird zur Aufgabe. Langsam geht sie sich selbst auf die Nerven mit ihrem "Psychoeiter", dieser Wunde, die sich nur sehr langsam schließt und wohl vernarbt bleiben wird. Sie möchte wieder angefasst werden, auch wenn der Schmerz immer noch da ist. Immer ruhiger wird Wokaleks Stimme, viel freundlicher, ein Lächeln schleicht sich ein, ein Kichern, eine neue Resolutheit. Einatmen, Ausatmen, die Füße voreinander setzen, Musik machen, Spaß und Sex haben, Loslassen. Am Ende klingt der Name des Toten wie ein Schlusspunkt.

Quelle: ntv.de